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Kampf gegen Hunger und Ungleichheit - "Der Aufstand des Gewissens hat längst begonnen“

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Im Kampf gegen Ausbeutung, Gewalt und Marktradikalismus beschwört Jean Ziegler eine erstarkende internationale Zivilgesellschaft. Im heute.de-Interview fordert der Berater des UN-Menschenrechtsrates die G20-Staaten zudem auf, mitzuhelfen beim Zerschlagen einer.

Trotz vielfältiger Bemühungen, die an und für sich ausreichenden Nahrungsmittel zu verteilen, leiden in Indien über 50 Millionen Kinder an Hunger. Hauptursachen sind Ungleichheit und Bürokratie.

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heute.de: Bei Ihren jetzigen Auftritten etwa an der Universität Hamburg treffen Sie vor allem auf Gleichgesinnte. Wäre nicht ein Gastauftritt bei den G20-Staats- und Regierungschefs nächste Woche viel effektiver?

Jean Ziegler: Ja, vielleicht, nur bin ich dort nicht eingeladen (lacht). Aber im Ernst: Ich bewundere das tatkräftige, zivilgesellschaftliche Engagement in Deutschland. Es sind viele tausend Menschen, die sich vor und während des G20-Gipfels für eine gerechtere, sozialere Welt einsetzen. Sie beweisen, dass es keine Ohnmacht gibt in einer Demokratie und dass ein Aufstand des Gewissens längst begonnen hat gegen die kannibalische Weltordnung, in der wenige mächtige und profitgierige Reiche mittels der strukturellen Gewalt ihres Kapitals die ohnmächtigen Armen ungestraft vernichten können.

heute.de: Übertreiben Sie jetzt nicht völlig?

Ziegler: Nein, überhaupt nicht! Solange jährlich Millionen von Menschen an Hunger sterben auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt, solange spreche ich von einem Massaker, das menschengemacht ist. Schauen Sie: Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder einer durch Unterernährung versursachten Krankheit. Dabei könnte die Landwirtschaft nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO schon heute problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren - also fast die doppelte Anzahl der auf der Erde lebenden Bevölkerung. Das heißt: Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet!

heute.de: In mehreren Regionen Afrikas herrscht derzeit extreme Hungersnot, unter der weit mehr als 20 Millionen Menschen leiden. Nach dem G7-Gipfel vor wenigen Wochen kritisierten Hilfsorganisationen die Industriestaaten, weil sie keine neuen Finanzzusagen für den Kampf gegen den Hunger gemacht hatten. Nun sollen die G20-Staaten einspringen. Was erwarten Sie von der Runde?

Ziegler: Ich erwarte von Staaten wie Brasilien, China, Mexiko und Südafrika, dass sie mehr Verständnis für die existenzielle Not zeigen und dass sie andere Staaten davon überzeugen, dass sie jetzt helfen müssen! Die Leichenberge in der Dritten Welt sind kein Hirngespinst, sie sind existent. Fast eine Milliarde Menschen sind permanent schwer unterernährt. Das ist Ausdruck der völligen Absurdität der kannibalischen Weltordnung.

heute.de: Fakt ist aber auch, dass die globale Armut in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen ist. Deutschland müht sich nun als G20-Gastgeber um das Bild einer "vernetzten Welt", in der im Idealfall alle Staaten zum Wohle aller miteinander kooperieren. Diese Sichtweise müsste Ihnen doch zusagen, oder?

Ziegler: Die Wahrheit ist, dass wir in einer Weltdiktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals leben - und ich fürchte, diese Diktatur beherrscht auch die meisten Regierungen der G20-Staaten.

heute.de: Was meinen Sie damit?

Ziegler: Ich spreche von den 500 größten transkontinentalen Konzernen, die derzeit 52,8 Prozent des Weltbruttosozialproduktes kontrollieren, also aller in einem Jahr produzierten Reichtümer. Sie haben eine Macht, die kein König oder Kaiser je hatte. Sie dienen nicht dazu, den Hunger in der Welt zu stillen, sondern einzig, die Rachen ihrer Anteilhaber vollzustopfen. Heute haben die 85 reichsten Milliardäre so viel Vermögen wie die ärmsten 4,5 Milliarden Leute. Auf der einen Seite eine unglaubliche Macht in der Hand von wenigen – auf der anderen Elend und Verderben. Damit muss Schluss sein.

heute.de: Was schwebt Ihnen vor - ein Zerschlagen der Konzerne und Enteignen der Milliardäre?

Ziegler: Nein, aber es braucht eine stärkere öffentliche Kontrolle von Konzernen und Großbanken. Und es braucht Sanktionen bei eklatantem Fehlverhalten. Im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen wird gerade eine Konvention diskutiert, die Konzerne dazu verpflichten soll, überall auf der Welt die Menschenrechte einzuhalten. Tun sie das nicht und rauben - um nur ein Beispiel zu nennen - weiterhin afrikanischen Bauern ihr Ackerland, könnten diese künftig mit entsprechender Hilfe im Ursprungsland des Konzerns auf Schadensersatz klagen.

heute.de: Vertreter von 300 internationalen zivilgesellschaftlichen Organisationen setzen aktuell große Hoffnung in G20-Gastgeberin Angela Merkel, die "massive Ungleichheit" in der Welt zu bekämpfen.

Ziegler: Ich halte Angela Merkel für eine sehr kluge Frau. Sie hat im Herbst 2015 Mitgefühl und Rückgrat bewiesen, als sie die Grenzen für Flüchtlinge geöffnet hat, während andere diese Menschen lieber wegprügeln wollten. Aber auch sie hat nur begrenzte Macht. Ihre Flüchtlingspolitik ist heute eine ganze andere als damals. Ich denke, es fehlt insgesamt an echter internationaler Kooperation und entschlossenem gemeinsamen Eintreten für die Schwächsten.

heute.de: Was wäre für Sie jetzt ein starkes Zeichen der Solidarität?

Ziegler: Zunächst massive Hilfen für die Millionen Hungerleidenden in Afrika. Und dann müssten die G20-Staaten sich auf ein Ende der Börsenspekulation auf Nahrungsmittel verständigen. Damit wäre einer der schlimmsten Gründe für das tägliche Massensterben an Hunger beseitigt. Preise für Weizen, Mais und Reis könnten nicht mehr in absurde Höhen getrieben werden. Damit wäre der Hunger in der Welt morgen schon massiv reduziert und die Macht der Spekulanten gebrochen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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