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In Idlib droht Entscheidungsschlacht

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Bürgerkrieg in Syrien - In Idlib droht Entscheidungsschlacht

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Die Waffenruhe für Idlib ist brüchig geworden. Nun haben Regierungstruppen das Gebiet ins Auge gefasst. Dort leben drei Millionen Menschen. Eine Entscheidungsschlacht droht.

Kriegsfolgen in Idlib.
Kriegsfolgen in Idlib.
Quelle: Ugur Can/DHA via AP/dpa

Während im Osten Syriens die Terrormiliz IS um ihr letztes winziges Rückzugsgebiet kämpft, tobt im Nordwesten des Landes ein anderer Konflikt. Dort stehen sich ein Rebellenbündnis mit Verbindungen zu Al-Kaida und syrische Regierungstruppen gegenüber.

Letzte Rebellenhochburg

Die zunehmende Gewalt in der Region Idlib droht eine Waffenruhe zunichte zu machen, die Russland und die Türkei im vergangenen Jahr ausgehandelt hatten. Das Abkommen hatte einen Angriff der Regierung zur Rückeroberung der Provinz abgewendet. Sie ist die letzte Rebellenhochburg in Syrien. Mit der Eskalation wächst nun wieder die Sorge vor einem größeren Angriff durch Truppen von Präsident Baschar al-Assad.

Karte: Syrien - Idlib - Damaskus
Quelle: ZDF

Idlib ist seit Jahren in der Hand von Oppositionskräften. Andere Rebellen-Enklaven wurden dagegen eine nach der anderen von Assads Militär eingenommen. In der Provinz leben aktuell rund drei Millionen Menschen, viele von ihnen flüchteten aus anderen ehemaligen Rebellengebieten. Anfang dieses Jahres vertrieben die Al-Kaida nahe stehenden Aufständischen des Islamistenbündnisses Haiat Tahrir al-Scham (HTS) die meisten anderen Rebellengruppen und übernahmen die Kontrolle über die Provinz. Seither verstärkten Regierungstruppen ihre Luftangriffe auf Orte in Idlib.

Zehntausende Menschen geflohen

Seit Mitte Februar wurden rund 100.000 Menschen überwiegend von Bombardements durch die Regierung vertrieben, wie die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte. Sie hätten Zuflucht in tiefer im Rebellengebiet gelegenen Dörfern gesucht. Etwa 140 Menschen, darunter 69 Zivilisten, seien getötet worden.

In dem seit fast acht Jahren andauernden Konflikt in Syrien konzentrierten sich die USA und andere Staaten zuletzt auf einen Sieg über den IS, der einst den Osten und Norden des Landes kontrollierte. Um den Konflikt zwischen Assad und seinen Gegnern ist es in den vergangenen Monaten hingegen ruhiger geworden. Die Extremisten von HTS haben ihre Angriffe aber zuletzt wieder verstärkt - als Vergeltung, wie sie sagen, für das Bombardement durch die Regierung. Erst vor wenigen Tagen griffen Extremisten mehrere Stellungen der syrischen Armee im Dorf Massasneh am Rand von Idlib an und töteten fast zwei Dutzend Soldaten - einer der schwerwiegendsten Angriffe auf Regierungstruppen seit der Waffenruhe vom September. Der Angriff führte zu stundenlangen Kämpfen, Dutzende Aufständische wurden verletzt oder getötet.

Das syrische Außenministerium drohte anschließend, das Militär stehe bereit, sollte es zu weiteren Verletzungen der Waffenruhe kommen. Ein HTS-Kommandeur äußerte sich in einem Video am Mittwoch vergangener Woche stolz über die Tötung von Soldaten und kündigte weitere Angriffe an. "Haiat Tahrir al-Scham wird energisch Vergeltung üben, wenn Regimetruppen versuchen, auf befreite Gebiete vorzurücken", sagte Abu Chaled al-Schami.

Vereinbarungen, aber keine Taten

Russland, das Assad unterstützt, und die Türkei, die sich auf die Seite von Oppositionsgruppen geschlagen hat, erarbeiteten die Waffenruhe im September. Sie verständigten sich auf die Einrichtung einer 15 bis 20 Kilometer breiten entmilitarisierten Zone in Idlib, in der keine Extremisten präsent sein würden. Zudem wurde eine der Hauptforderungen der syrischen Regierung und Moskaus erfüllt: die Öffnung von zwei wichtigen Fernstraßen, die durch Idlib führen. Dies sollte bis Ende 2018 geschehen. Doch keine der beiden Maßnahmen wurde umgesetzt.

Dennoch erwies sich die Waffenruhe als entscheidend, um eine ausgewachsene Schlacht um Idlib zu verhindern. Sie könnte extrem blutig verlaufen und Russland und die Türkei mit hineinziehen.Das unmittelbare Ziel der Regierungsaktion scheine die Öffnung der Fernstraßen durch Idlib zu sein, sagt Akram al-Ahmad, ein in der Türkei ansässiger syrischer Oppositionsaktivist, der eine Beobachtergruppe namens Syrisches Pressezentrum leitet. Bei den Straßen handelt es sich um die M5, die den Norden und den Süden Syriens verbindet, und die M4 zwischen der Küstenstadt Latakia und Aleppo im Norden. Vom Bombardement der Regierung besonders betroffen sind Chan Scheichun, Sarakeb und Maaret al-Numan an der M5.

Putin und Erdogan gegen "Hochburg von Terroristen"

Der russische Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan kamen Mitte Februar zu einem weiteren Syrien-Gipfel zusammen. Anschließend sagten sie, es werde keine Offensive der syrischen Regierungstruppen auf Idlib geben. Sie kündigten eine Zusammenarbeit an, um zu verhindern, dass die Provinz eine "Hochburg von Terroristen" werde. Am vergangenen Freitag sagte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar, sein Land und Russland würden Patrouillen in der entmilitarisierten Zone von Idlib beginnen. Trotz einiger Patrouillen hielt die Gewalt am Wochenende an.

Die Türkei hat Mühe, die HTS-Rebellen zu zügeln. Laut Aktivist Al-Ahmad und dem Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdurrahman, scheint HTS gespalten. Auf der einen Seite steht demnach ihr Führer Abu Mohammed al-Golani, der sich der Türkei angenähert hat, auf der anderen der ägyptische Prediger Abu al-Jaksan al-Masri. Er vertritt die Hardliner innerhalb von HTS, die sich der Rolle der Türkei widersetzen. Al-Masri löste sich im Februar gemeinsam mit anderen Hardlinern von der Gruppe.

Auch eine weitere militante Gruppe in Idlib, Horas al-Din, wehrt sich gegen die türkische Vermittlung. Diese Gruppe besteht überwiegend aus nicht-syrischen Kämpfern mit Verbindungen zu Al-Kaida. Sie lehnt die entmilitarisierte Zone als "große Verschwörung" ab.

Die syrische Regierung hat wiederholt versichert, dass ihre Truppen letztlich das gesamte Land zurückerobern würden. Die Regierung "ist entschlossener als je zuvor, die Kontrolle über ihr Land wiederzuerlangen" und es "von Terrorismus und unrechtmäßiger ausländischer Präsenz zu befreien", sagte der syrische UN-Botschafter Baschar Dschaafari.

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