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Kampf um Platz drei - "Ganz Jena hasst die AfD": Die laute Sprachlosigkeit

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Eines haben Alice Weidel und Angela Merkel, AfD- und CDU-Spitzenkandidatin, gemeinsam. Werben sie in diesen Tagen auf den Marktplätzen um Wähler, können sie sich selbst kaum verstehen. Weidel in Jena: Pfiffe, Buhs, "Hau ab". Die Sprachlosigkeit ist sehr laut. Auf beiden Seiten.

Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel hat die ZDF-Wahlsendung "Wie geht's, Deutschland" im Streit vorzeitig verlassen. Konkreter Auslöser war die Forderung von CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, sich von dem Co-Spitzenkandidaten Alexander Gauland und …

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Sechs Gegendemos, eine abgeriegelte Stadt mit geschlossenen Geschäften schon ab nachmittags, Polizeihubschrauber über der Innenstadt und überall Polizisten, sogar Scharfschützen auf dem Dach. Jena, die Universitätsstadt in Thüringen, im Ausnahmezustand. Und dabei ist das kein neuer G20-Gipfel. Eigentlich hat sich nur Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der AfD, zur Wahlveranstaltung angekündigt.

Höcke nicht da - und irgendwie doch

Aber seitdem der Wahlkampf auf den Marktplätzen stattfindet, ist der Ton gereizt. Und dafür braucht es noch nicht einmal den umstrittenen AfD-Fraktionschef im Erfurter Landtag, Björn Höcke. Weidel unterstützt zwar das Parteiausschlussverfahren gegen ihn, hat aber offenbar auch nichts dagegen, dass er derzeit beinahe tägliche zu Wahlkampfveranstaltungen quer durch Thüringen tourt und an diesem Abend in Magdeburg auftritt. Den Höcke-Ton haben auch seine Parteikollegen drauf. Und schlimmer.

Der Spitzenkandidat auf der Landesliste, Stephan Brandner, darf vor Weidel reden. Er vergleicht die Gegendemonstranten mit den "SA-Dumpfbacken" in den 30er Jahren. "Die schmeißen Flaschen, Steine und Exkremente und ketten Wildschweinköpfe an." In den "Altparteien": überall alte Nazis. Die Grünen: "Kinderschänder und Kokser". SPD-Parteivize Ralf Stegner sei ein "Hackfresse" und Bundesjustizminister Heiko Maas "das Ergebnis saarländischer Unzucht". Und Merkel? Die Kanzlerin nennt Brandner nur "die Fuchtel", die der Rechtsanwalt wegen Beihilfe zum Asylmissbrauch und anderer Vergehen 35 Jahre ins Gefängnis bringen will.

"Raus mit dem Pack"

Den etwa 200 AfD-Anhängern, die den Platz zu etwa die Hälfte füllen, gefällt das. Ihr Problem scheint auch weniger das Gesagte auf der Bühne zu sein. Das finden sie eh gut. Ihr Problem sind die etwa 1.000 Gegendemonstranten in ihrem Rücken, die die Polizei zwar auf Abstand hält, die sich aber lautstark bemerkbar machen. "Ganz Jena hasst die AfD" oder: "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda", dazu Musik von Rio Reiser: "Ihr kriegt uns hier nicht raus, das ist unser Haus." Einige schaffen es, bis zur Bühne auf die andere Seite zu kommen. Es kommt zu Rangeleien mit den AfD-Ordnern, es wird gepöbelt. “Raus mit dem Pack", ruft eine AfD-Frau, "Geh doch rüber", ein Mann. Dafür bekommen sie eine Fahne mit Stinkefinger gezeigt und der junge Mann ruft noch: "Das ist unser Jena."

Der Auftritt von Alice Weidel ist da im Vergleich zu ihren Vorrednern diesmal fast unspektakulär. Mit etwa 20 Minuten auch fast ein bisschen kurz. Sie spricht erst über den Euro, Niedrigzinsen, Bargeld und solche Dinge. Richtig in Fahrt kommt ihr Publikum, wenn sie über die Begrenzung der Zuwanderung spricht. Und darüber, dass der Familiennachzug für Bürgerkriegsflüchtlinge weiter ausgesetzt werden sollte, weil es das Land überfordern würde. "Das können wir nicht", sagt Weidel. Dann geht es noch um Terroranschläge und innere Sicherheit. Zwar immer garniert mit Spitzen gegen die Bundesregierung, aber relativ sachlich. Ihrem Publikum gefällt auch das. An die Ziele, die alle Redner auf der Bühne betonen, scheinen an diesem Abend alle fest zu glauben: Die AfD will zweitstärkste Partei im Bund werden und in Jena das Direktmandat holen.

Alles friedlich, eigentlich

Das hat seit acht Jahren der CDU-Mann Johannes Selle. Und er bewirbt sich wieder dafür. Sonst ist diese Stadt mit ihren mehr als 100.000 Einwohnern und rund 20.000 Studenten eher bunt. Die Linke stellt die größte Fraktion im Stadtrat, allerdings bilden CDU, SPD und Grüne eine Koalition, so dass der Oberbürgermeister von der SPD kommt. Eigentlich hatte auch dieser Abend im Sinne einer bunten Zivilgesellschaft angefangen. Mit einer Andacht vor der Stadtkirche, in der es um Respekt und Achtung auch dem gegenüber ging, mit dem man nicht einer Meinung ist. Die junge Gemeinde neben Antifa-Anhängern, den Jusos, flankiert von der Polizei - alles friedlich. Stadtjugendpfarrer Lothar König, ein erfahrener Friedenskämpfer und Straßenblockierer, sagte zum Auftakt: "Viele haben Wut. Wir wollen heute aber mit Sinn und Verstand den Protest auf die Straße bringen."

Beide Seiten, AfD und AfD-Gegner, hatten jeweils am Beginn das Recht des anderen zur Demonstration und freien Meinungsäußerung betont. Halbherzig, wie man am Ende des Abends sagen muss. Körperverletzung gegen einen Journalisten, einen Polizisten, 14 Platzverweise gab es nach Angaben der Polizei. Nicht viel für eine solch große Veranstaltung. Sätze wie die eines AfD-Anhängers: "Wir bauen eine U-Bahn bis nach Auschwitz", die vom Pack und diese laute Sprachlosigkeit werden bleiben.

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