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Parlamentswahl in Kanada - "Es ist so knapp wie nie"

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Der liberale Trudeau oder der konservative Scheer: Bei der Parlamentswahl in Kanada "ist es so knapp wie nie", sagt Politiloge Kustra. Eine Koalition sei dennoch unwahrscheinlich.

Professor Tyler Kustra von der Universität Manitoba über die Parlamentswahl in Kanada, die Spitzenkandidaten und was der Ausgang für Folgen haben könnte.

Beitragslänge:
4 min
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heute.de: Gibt es eine Prognose? Wie wird die Wahl ausgehen?

Tyler Kustra: Es ist so knapp wie nie. Wenn man sich die Umfragen anschaut, dann liegen Konservative und Liberale weniger als ein Prozent auseinander. Ein sehr enges Rennen. Und wenn man sich die mögliche Sitzverteilung anschaut, dann geht es um ein bis zwei Sitze. Darauf wird es nach unserer Sicht in der Wahlnacht hinauslaufen. Es ist so eng, dass wir nicht wissen, wie es ausgehen wird.

heute.de: Worauf könnte es also hinauslaufen?

Kustra: Ich denke, mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit läuft alles auf eine Minderheitsregierung hinaus. Die Frage ist nur, wird es eine liberale oder eine konservative. Ich weiß, dass ihr in Deutschland in eurem politischen System gerne Koalitionen bildet, aber ich sehe das für Kanada nicht, eher dass die anderen Parteien von Fall zu Fall entscheiden, ob sie mit der Regierung stimmen. Ich gehe davon aus, dass wir eine Minderheitsregierung bekommen und dann in zwei Jahren Neuwahlen haben werden. Ich glaube nicht, dass es zu einer Koalition kommt. Kanadier neigen nicht dazu, Koalitionen zu bilden. Wenn ich mich recht erinnere,  hatten wir die letzte 1917.

Wir werden eher eine Situation erleben, in der die New Democrats sagen: Dieses und jenes Thema ist uns wichtig und wir wollen, dass die Liberalen das unterstützen. Aber sie würden keine Minister in der Regierung stellen. Das gleich gilt für den Bloc Québécois, wenn sie sich hinter die Konservativen stellen. Sie würden Zugeständnisse von der Regierung bekommen, aber sie würden nicht mit am Kabinettstisch sitzen, keine formelle Koalition mit den Konservativen bilden.

heute.de: Gibt es Gründe für dieses Kopf-an-Kopf-Rennen?

Kustra: Ich denke, Trudeau war bei den letzten Wahlen sehr umgänglich, war ein frisches neues Gesicht, ein Sonnenschein, sehr freundlich und sehr gut aussehend. Aber nach vier Jahren in der Regierung und vielen Skandalen, unter anderem dem Versuch der Strafvereitelung in einem Korruptionsskandal, sind viele Liberale enttäuscht. Die Partei ist auf ihre Kernwähler von etwa 30 Prozent reduziert. Die Konservativen können aber kein Kapital daraus schlagen, sie liegen auch so um die 30 Prozent. Was wir sehen, ist, dass andere Parteien, die New Democratic Party, die Grünen oder der Bloc Québécois, beiden großen Parteien Stimmen abnehmen. 

heute.de: Um welche Themen ging es im Wahlkampf?

Kustra: Es gab keine großen Debatten und das ist das seltsame an diesem Wahlkampf. Es gibt kein Thema, das herausragt. Es sieht so aus, als wollten beide Spitzenkandidaten einfach nur freundlich rüberkommen, um so die Wähler zu umgarnen. Es gab ein bisschen Streit um eine CO2-Steuer für die Ölindustrie in Alberta, ein bisschen Konflikt um Einwanderung, bei der die Populistische Peoples Party die Einwanderung streng beschränken wollte. Aber insgesamt war es ein sehr langweiliger Wahlkampf. Wir haben mehr darauf geachtet, was Donald Trump so macht als Justin Trudeau.

heute.de: Wofür steht Trudeaus Herausforderer Andrew Scheer?

Kustra: Andrew Scheer ist als Mensch sozial sehr konservativ. Er ist ein sehr frommer Katholik, hat vier Kinder, geht regelmäßig in die Kirche und lehnt viele liberale Ideen ab. Aber er sagt, er würde das nicht in Gesetze gießen. Heißt persönlich werde er sich nicht so verhalten, aber er wolle keine Gesetze machen, die zum Beispiel Abtreibung wieder verbieten. Aber weil er das persönlich alles ablehnt, denken viele, dass er möglicherweise nicht die Wahrheit sagt über das, was er als Premierminister tun würde. Deshalb sagen die New Democrats, wir werden nicht mit den Konservativen zusammenarbeiten. Es besteht keine Chance, dass New Democrats und Grüne die Konservativen unterstützen.

heute.de: Wann steht fest, wer Kanada regieren wird?

Kustra: Ich denke, es werden mindestens einige Tage vergehen. Es wird Neuauszählungen geben, bis feststeht, wieviel Sitze die Parteien haben. In vielen Bezirken ist es sehr eng. Dieses Drama wird sich über mehrere Tage hinziehen, wenn nicht über Wochen.

Das Interview führte der New Yorker ZDF-Korrespondent Johannes Hano.

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