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Kandidatensuche bei der SPD - Herr Maier, wer?

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Die Kandidatenkür bei der SPD ist bislang ein eher unwürdiges Schauspiel. Wer darauf hoffte, die Parteiprominenz würde um Vorsitz und Neuanfang kämpfen, dürfte enttäuscht sein.

SPD-Logo mit Schatten von Personen
Wer ist denn das? Von den meisten Kandidaten für den SPD-Vorsitz hat kaum jemand etwas gehört.
Quelle: dpa

Bislang haben sich hauptsächlich Bewerber aus der zweiten und dritten Reihe gemeldet, die außerhalb der Partei kaum bekannt sind.

Kaum bekannte Namen

Robert Maier hat seinen Hut erst vor ein paar Tagen in den Ring geworfen. Robert Maier? Der Mann ist Startup-Unternehmer und stellvertretender Vorsitzender des SPD-Wirtschaftsforums. Und dürfte selbst dem großen Teil der SPD-Mitglieder nicht bekannt sein. Maier fällt damit aber keine Sonderrolle zu. Tatsächlich sind die meisten Kandidaten für den SPD-Vorsitz für die Bevölkerung NoNames. Michael Roth, Christina Kampmann, Alexander Ahrens, Nina Scheer oder Hans Wallow - außerhalb ihres Sprengels ziemlich unbeschriebene Blätter.

Allenfalls der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dürfte aufgrund seiner medialen Präsenz dem Publikum vertraut sein. Und vielleicht erinnert sich auch der eine oder andere Politikinteressierte noch an Simone Lange, die beim letzten Parteitag Gegenkandidatin von Andrea Nahles war. Die Namen von Parteigranden jedenfalls sucht man bislang vergebens, was den Findungsprozess und die SPD nicht nur nach außen auch so unattraktiv macht.

Parteiprominenz duckt sich weg

Die, von denen man eigentlich erwartet hätte, dass sie die Partei aus ihrer schwersten Krise seit über 150 Jahren führen wollten, aus einer früher selbstverständlichen Parteiräson heraus, haben sich alle weggeduckt. Keiner der stellvertretenden Parteivorsitzenden stellt sich zur Verfügung – mit Begründungen, die zum Kopfschütteln verleiten. Manuela Schwesig zum Beispiel verweist auf den Eid, den sie dem Land Mecklenburg-Vorpommern geschworen hat. Und Olaf Scholz, immerhin Vizekanzler der derzeitigen Bundesregierung, gibt tatsächlich Zeitgründe an. Der Vorsitz der SPD verkommt mit solchen Argumenten zur Ramschware.

Und als wäre der Eindruck, der damit in die Partei und nach außen vermittelt wird, nicht schon fatal genug, schießen ausgerechnet ehemalige SPD-Vorsitzende mit verbalen Giftpfeilen gegen die eigene Partei. Sigmar Gabriel und Gerhard Schröder gerieren sich als die alten weißen Männer, die immer wieder alles besser wissen, wenn es um den künftigen Weg der SPD geht. Die Einsicht, dass sie selber etwas mit dem Niedergang der Partei zu tun haben könnten, scheint den beiden nicht zu kommen. Und wie das bei potentiellen Wählern ankommt, ist ihnen offenbar auch egal. 

Die Uhr tickt

In gut drei Wochen ist Bewerbungsschluss. Politische Beobachter rechnen damit, dass doch noch der eine oder andere bekannte Sozialdemokrat seinen Hut in den Ring wirft. Immer wieder genannt wird Lars Klingbeil. Der 41-jährige Generalsekretär gilt als junger Hoffnungsträger. Allerdings hat er als Verantwortlicher den Europawahlkampf vergeigt. Eine Kandidatur zugetraut wird auch Franziska Giffey. Die Bundesfamilienministerin, die erst 2007 in die Partei eingetreten ist, hat schnell Karriere gemacht. Ihr Makel allerdings: Ihre Doktorarbeit wird gerade auf Plagiatsverdacht untersucht. Auch genannt wird Kevin Kühnert. Der Juso-Vorsitzende und GroKo-Gegner hat die eigene Parteiführung eineinhalb Jahre vor sich her gejagt. Kühnert allerdings hatte kurz vor den Europawahlen mit Vergesellschaftungsphantasien viele in der Partei und noch mehr Wähler irritiert.

Und so könnte es sein, dass am Ende des Monats die SPD eine ganze Busladung an Bewerbern hat. Die dürfen sich dann auf eine ziemlich lange Reise machen. Sage und schreibe 23 Regionalkonferenzen will die SPD abhalten, auf denen sich die Kandidatinnen und Kandidaten vorstellen sollen. Bevorzugt wird das Modell Doppelspitze, aber auch Einzelkandidaten sind zugelassen. Man kann sich ausrechnen, dass am Ende vielleicht zehn oder elf Kandidaten nicht viel Zeit bleibt, ihre Alleinstellungsmerkmale dem geneigten Publikum zu erklären. Danach dürfen die Parteimitglieder über den SPD-Vorstand abstimmen. Am Ende entscheidet dann im Dezember ein Parteitag.

Was heißt das für die GroKo?

Spannend allerdings dürfte werden, was dieser Prozess für den Fortbestand der Großen Koalition bedeutet. Zwei von den bislang drei Doppelspitzen plädieren für ein Ende des Regierungsbündnisses mit der Union. Und die Stimmung an der Basis hat sich allem Anschein nach auch gedreht. In den nächsten Wochen wollen die Regierungsparteien Halbzeitbilanz ziehen – was ist geschafft, geht noch was? Diese Bilanz dürfte den Kampf um die SPD-Parteispitze noch mal deutlich anheizen. So könnte am Ende mit der Wahl von neuen Vorsitzenden auf dem Parteitag Anfang Dezember das Ende der Großen Koalition verkündet werden.

Die Situation für die SPD bleibt also absehbar alles andere als gemütlich. Das bisherige Kandidatenverfahren hat mittlerweile etwas von einer Farce, einige Großkopferten haben ihre Reputation verloren, die Umfragezahlen rauschen entsprechend weiter in den Keller. Verlassen am Ende dieses Prozesses die Sozialdemokraten die Große Koalition, müssen sie bei Neuwahlen mit einem weiteren, massiven Aderlass rechnen. Noch ist die Geschichte der 156 Jahre alten Partei nicht zu Ende geschrieben. Aber einige in der SPD, so ist der Eindruck, arbeiten dran.

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