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Kanzler der Einheit gestorben - Kohls Gespür für den richtigen Moment

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War die Wiedervereinigung Kohls Verdienst - oder jenes mutiger DDR-Bürger, die gegen das SED-Regime demonstrierten? Inzwischen sagen auch einstige Gegner: Kohls Gespür für den richtigen Zeitpunkt war einmalig. Daran mussten auch Hannelore Kohl und eine Reiseschreibmaschine glauben.

Lothar de Maizière, letzter Ministerpräsident der DDR, würdigt Helmut Kohls Verdienst, mit seinem Zehn-Punkte-Plan die Einheit Deutschlands klar vorgegeben zu haben. "Er hat die Welt quasi überrannt und überrascht mit diesem Plan", so de Maizière.

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Kanzler der Einheit, großer Europäer: Die Nachrufe überbieten sich mit ihrer Verneigung vor dem verstorbenen Staatsmann. Kohl hat viel geleistet. Nicht nur in den ganz großen Fragen der europäischen Geschichte, sondern auch in Nischen wie der Kulturpolitik. Er war der Meinung, die deutsche Nation habe ihre Seele vernachlässigt, und ließ etwa das Haus der Geschichte und das Deutsche Historische Museum bauen.

Als promovierter Historiker hatte Kohl ein ganz besonderes Verhältnis zur Zeit - und für den richtigen Moment. Der Machtpolitiker Kohl hatte den Machttheoretiker Machiavelli studiert. Der wiederum glaubte nicht an irgendwelche Fügungen, sondern an Fortuna. Sicher, ein Staatsmann musste Glück haben. Aber er musste dieses beim Schopfe packen, zum richtigen Zeitpunkt zuschlagen. Allein die günstige Gelegenheit - den Kairos - zu erkennen, ist eine große Gabe. Helmut Kohl beherrschte sie meisterhaft.

Kohls Verdienst: Die Wiedervereinigung innerhalb eines Jahres

Von daher dürfte auch nicht die Wiedervereinigung als solche Kohls größtes Verdienst sein, sondern die Art und Weise, wie er diese zustande brachte. Die Mauer wäre auch ohne Helmut Kohl gefallen. "Sie wurde von Ost nach West eingerissen", pflegten vor allem Sozialdemokraten zu sagen, um Kohls Vermächtnis zu schmälern. Aber: Dass die Wiedervereinigung innerhalb eines Jahres gelang, ist zweifellos Kohls Turbo-Gang zu verdanken. Eben seinem Gespür für den Kairos.

Die Tage nach dem 9. November 1989 befand sich Deutschland in einem Dauerrausch. Siegestrunken und glückselig ob der historischen Chance, das Ende der Teilung einzuleiten. Doch über den zu gehenden Weg und das anzuvisierende Ziel waren Christ- und Sozialdemokraten ratlos wie uneins.

Dieses Vakuum füllte Kohl mit einem Zehn-Punkte-Programm, das als Grundriss der Wiedervereinigung in die Geschichte einging. Und eben dieses Programm ist Kohls eigentliches Verdienst - denn es stellte die Weichen für das, was am 3. Oktober 1990 mit dem Beitritt der ostdeutschen Bundesländer zum Geltungsbereich des Grundgesetzes zementiert wurde: die Deutsche Einheit.

Den Bundestag überrumpelt

Jede Weltzäsur braucht einen Gründungsmythos. Zum Mythos der Einheit gehören Helmut Kohl, zwei Geistliche, wenige Berater und eine Reiseschreibmaschine. Von seinen Beamten ließ Kohl Szenarien entwerfen, im engsten Kreis in Oggersheim diskutierte er sie weiter. Er ließ sie von zwei Geistlichen, denen Kohl blind vertraute, absegnen, und diktierte sie schließlich seiner Ehefrau Hannelore, die an einer Reiseschreibmaschine saß.

Kohl wollte das Thema Wiedervereinigung zu seiner Agenda machen. Er wollte es nicht der SPD überlassen, die mit ihrem Übervater Willy Brandt, dem ehemaligen Bürgermeister von West-Berlin, hierfür durchaus Expertise und Herzblut hatte.

Und so überrumpelte Kohl die Abgeordneten des Deutschen Bundestags am 28. November 1989 mit seinem Zehn-Punkte-Plan, in dem er sowohl die innenpolitische als auch die europäische Dimension der Wiedervereinigung skizzierte.

Fortsetzung der europäischen Einigung

In diesem Zehn-Punkte-Programm war festgeschrieben, was später aus der Europäischen Gemeinschaft die Europäische Union machen würde: die Fortsetzung der europäischen Einigung und die Sicherung des Friedens in Europa, unter dem Deutschland "seine Einheit wiedererlangen kann".

Kohl war klar: Nicht mit europäischen Liebesschwüren, sondern nur mit einem glaubwürdigen Friedensbeweis würde er internationale Bedenken vor einem zu starken Deutschland zerschlagen können.

An eine NATO-Integration Ostdeutschlands war damals noch nicht zu denken. Erst vor einigen Monaten sagte einer von Kohls Söhnen, dies sei das Anliegen von Hannelore Kohl gewesen. Als Leipzigerin hatte sie unter der deutschen Teilung besonders gelitten, sie traute weder dem ostdeutschen Regime noch Moskau. Auch an Schengen und den Euro war im Zehn-Punkte-Programm noch nicht zu denken. Aber es trägt die Handschrift einer tiefen europäischen Integration.

Am Ende verlor er den Kairos

Kohls Koalitionspartner, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, fühlte sich damals brüskiert. Er war wie die meisten im politischen Bonn nicht in Kohls Pläne eingeweiht worden. Dafür ging Kohls Kalkül auf: Er hatte die Marschroute vorgegeben, die später nicht nur mit der deutschen Nationalhymne, sondern auch mit der Europahymne gefeiert wurde. Auch die Musik sollte signalisieren: Wiedervereinigung und europäische Einigung sind zwei Seiten derselben Medaille.

Der Historiker Kohl hatte so bewiesen, dass er nicht nur in historischen Kategorien denken konnte, sondern auch das Gespür für den historischen Moment hatte - den Kairos eben. 1990 stand Kohl im Zenit seiner Macht. Jahre später, als er unbedingt ein fünftes Mal antreten wollte und er der CDU 1998 eine krachende Niederlage bescherte, da hatte Kohl das Gespür für den Kairos bereits verloren.

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