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Merkel zaust Donald Trump - indirekt

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Rede in Harvard - Merkel zaust Donald Trump - indirekt

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Viel Applaus für Kanzlerin Merkel an der US-Universität Harvard. Bei ihrer persönlichen Rede setzt sie auf bedeutungsvolle Pausen - und kritisiert damit indirekt.

Angela Merkel hat an der Elite-Universität Harvard mit einem Plädoyer für Multilateralismus begeistert. Sehen Sie hier die sehr persönliche Rede der Kanzlerin in voller Länge.

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36 min
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"No pun intended" ist eine wunderbare amerikanische Redewendung. Meist will man damit klarmachen, dass Worte nicht wirklich so gemeint sind, wie manche sie verstehen wollen. Nicht selten aber wird die Floskel gerade deshalb den Worten hinterhergeschoben, weil der Redner sich ihrer Doppeldeutigkeit sehr wohl bewusst ist.

Angela Merkels Auftritt an der Harvard-Universität fällt wohl in die zweite Kategorie. Statt der Redewendung setzt sie lieber bedeutungsvolle Pausen ein. Außerdem ist es ja nicht irgendein Termin irgendeiner Politikerin an irgendeiner Uni, aber beginnen wir von vorne.

Mit Dudelsackklängen und mit Marschmusik ziehen Generationen von Absolventen auf die große Wiese im Zentrum des Harvard-Campus. Die Ältesten haben 1941 ihr Abschlusszeugnis hier bekommen, die jüngsten, 8.000 an der Zahl, gerade erst an diesem Morgen. Insgesamt sind 40.000 Gäste da. Ein Riesenhappening, eine wogende Menge in schwarzen Talaren, mit oder ohne Schals in der roten Farbe der angesehenen Universität. Das ist keine kleine Abschlussfeier, sondern große Bühne, Weltbühne.

Plädoyer für Multilateralismus

An diesem Ort hat im Juni 1947 der damalige US-Außenminister George C. Marshall in seiner Festrede den nach ihm benannten Plan für den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg vorgestellt. Und genau da steht jetzt Angela Merkel, Bundeskanzlerin, die in der Begrüßungsrede als eigentliche Anführerin Europas bezeichnet wird. Da fällt wohl alles, was sie sagt, besonders ins Gewicht und muss an dieser liberalen Lehranstalt genauso aufgenommen werden, wie es dann auch wirklich geschieht.

Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln, global statt national, weltoffen statt isolationistisch. Kurzum: gemeinsam statt allein.
Angela Merkel in Havard

Ihre erste Anspielung auf Donald Trump, den Präsident des Landes, in dem sie spricht, kommt ähnlich daher, wie bei ihrem Auftritt bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar - ein Plädoyer für den Multilateralismus: "Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln, global statt national, weltoffen statt isolationistisch. Kurzum: gemeinsam statt allein." Die Zuhörer applaudieren. Dann wird Merkel deutlicher: "Wenn wir bei allem Entscheidungsdruck nicht immer unseren ersten Impulsen folgen, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen. Freilich, dafür braucht es durchaus Mut." Diesmal ist der Beifall noch stärker.

Bei jedem Komma hatte sie selbst einen Moment innegehalten. Und vor dem inneren Auge entsteht das Bild eines twitterwütigen US-Präsidenten, der seinen Emotionen freien Lauf lässt. Prompt folgt dann auch der dritte Streich, als Merkel mehr "Wahrhaftigkeit" in der Welt empfiehlt: "Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen." Riesenbeifall.

Es ist die bisher deutlichste Kritik der Bundeskanzlerin am Politikstil Donald Trumps, ohne ihn direkt anzugreifen. Aus Merkels Umfeld heißt es hinterher, die Rede sei ja nur eine sehr persönliche gewesen, gerichtet an die Absolventen. Mehr nicht. Aber die Zuhörer sehen das wohl anders, dem Beifall nach zu urteilen.

Es kam so an, wie es angeblich nicht gemeint war

An einer Stelle erhebt sich fast die gesamte Menge, um zu applaudieren. In Englisch hatte die Kanzlerin gesagt: "Reißen Sie die Mauern der Ignoranz und Engstirnigkeit ein, weil nichts so bleiben muss, wie es ist." Bei den frisch graduierten Studenten kam das genauso an, wie es angeblich nicht gemeint war. "Es war klar, dass sie von Trump spricht, obwohl sie nie seinen Namen gesagt hat", meint Piper Morris. Und Keerthane Pachalla nimmt mit nach Hause, dass "wir uns in der Welt gegenseitig helfen müssen, statt uns abzuschotten. Sie hat uns herausgefordert, etwas zu verändern, nicht den Status quo zu akzeptieren".

Es war klar, dass sie von Trump spricht, obwohl sie nie seinen Namen gesagt hat.
Student Piper Morris zu Merkels Rede

Freilich kann man an anderen Stellen auch erkennen, dass dieses Publikum der Bundeskanzlerin gegenüber eher kritiklos eingestellt ist. Als sie die Klimaneutralität Deutschlands für das Jahr 2050 ankündigt, da erntet sie fast Jubel, obwohl sie selbst doch zur Verschiebung dieses Ziels viel beigetragen hat.

Angela Merkel als Ehrengast in der Harvard University in Cambridge
Angela Merkel bedankt sich für die Ehren in Harvard.
Quelle: reuters

Für ihre Entscheidung im Sommer 2015, die Grenzen für Flüchtlinge und Zuwanderer zu öffnen, wird Merkel hier gefeiert. In Deutschland sehnt derweil mancher Wähler genau für diese Entscheidung ihren Abschied aus der Politik herbei. Vor diesem Hintergrund lassen ein paar Sätze der Kanzlerin zumindest aufhorchen: "Ich glaube, dass wir immer wieder bereit sein müssen, Dinge zu beenden, um den Zauber des Anfangens zu spüren (...) Und wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt. Es ist völlig offen." Deutet Merkel da etwa an, dass sie doch mit dem Gedanken spielt, bald schon etwas Neues zu beginnen?

Vom Ende und Neuanfang

Man muss dazu wissen, dass die Kanzlerin selbst an jedem dieser Sätze gefeilt hat, weil es ja eine "persönliche" Rede sein sollte. Mehrere Absätze widmet sie dem Thema Ende und Neuanfang. Es könnte nur ein freundlicher Rat an die Absolventen sein, für die nun nach ihrem Studium der ganze Ernst des Berufslebens beginnt. Vielleicht muss man sich dabei ja wirklich gar nichts denken. Vielleicht hat sie die wunderbare amerikanische Redewendung einfach nur nicht ausgesprochen, dass "no pun intended" war.

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