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Macron erhält Karlspreis - Lorbeeren für den Europa-Überzeugungstäter

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Es wird wohl eine Lobesrede, wenn Frankreichs Präsident Macron den Karlspreis erhält. Halten wird sie Kanzlerin Merkel. Völlig eins in Sachen EU-Reform sind beide aber noch nicht.

Emmanuel Macron am 27.04.2018 in Paris
Will die EU reformieren: Emmanuel Macron (Archiv)

In Aachen hätte sich Napoleon gerne krönen lassen, um sich in die Nachfolge Karls des Großen zu stellen. Es scheiterte jedoch daran, dass der Papst dort nicht hinreisen wollte. Nun wird der französische Präsident Emmanuel Macron - ein großer Liebhaber historischer Symbolik - in Aachen mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Und die Laudatio hält ausgerechnet Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es ist für Macron die perfekte Gelegenheit, seinem schlingernden Projekt einer EU-Reform einen neuen Anstoß zu geben.

In Frankreich bestand Sorge, dass es so aussehe, als ob Deutschland den Preis verleihe und damit einmal mehr in die Rolle des Lehrers schlüpfe, der in Europa gute und schlechte Noten verteile. Deswegen erklärte Elysée den Journalisten ausdrücklich, dass der Karlspreis bereits seit 1950 an herausragende Persönlichkeiten verliehen wird, die sich um Europa verdient gemacht haben. Wer ihn bekommt, entscheidet die Karlspreisgesellschaft, die mit Aachenern Würdenträgern vom Oberbürgermeister bis zum Domprobst besetzt ist.

Das Kanzleramt ließ sich Zeit

Die Liste der Preisträger ist entsprechend eindrucksvoll. In den ersten Jahren waren es Jean Monnet und Konrad Adenauer, und auf ihren Medaillen war eingraviert: "Dem Schöpfer der ersten souveränen übernationalen europäischen Institution" und "Dem kraftvollen Förderer eines einigen Europa". In der vergangenen Dekade wurden unter anderem Angela Merkel, Martin Schulz und Papst Franziskus mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Für Merkel hatte 2009 der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy die Laudatio gehalten. Es blieb allerdings vor allem in Erinnerung, dass er Merkels Ehemann Joachim Sauer als Herrn Merkel ansprach.

Dass Merkel sich nun gewissermaßen revanchiert und Macrons Verdienste um Europa würdigen wird, liegt auf der Hand. Tatsächlich ließ sich das Kanzleramt aber viel Zeit, um die prominente Rednerin zu bestätigen. Französische Medien schrieben, dass der Elysée ihr den Wunsch angetragen habe, nicht zuletzt, um ihr endlich ein paar markante Aussagen zu Europa zu entlocken. Auf die bisherigen Europapläne des französischen Präsidenten, die er ausführlich in seiner Rede an der Universität Sorbonne kurz nach der Bundestagswahl vorgestellt hatte, hatte er lange keine Antwort aus Deutschland bekommen. Das lag nicht nur an den langwierigen Koalitionsverhandlungen, sondern auch an deutlichen Meinungsunterschieden. Alles was nach der Vergemeinschaftung von Risiken klingt, stößt in Deutschland traditionell auf taube Ohren.

Klinkenputzen für die EU-Reform

So sind ein EU-Budget und ein EU-Finanzminister mit Deutschland kaum durchzusetzen, das ist Macron inzwischen klar. Deswegen hat er diese Punkte in seiner Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg auch gar nicht mehr groß erwähnt. Aber Macron ist hartnäckig, und er geht das Thema jetzt von einer anderen Seite an. Nach dem Vorbild seiner En Marche-Bewegung will er in allen EU-Ländern Klinkenputzer losschicken, die die Bürger nach ihren Sorgen und Wünschen für Europa befragen. Die Menschen sollen das Gefühl bekommen, dass die Politiker ihnen zuhören.

Und ähnlich wie in seinem Präsidentschaftswahlkampf sollen ihre Antworten dann in die Reformpläne für Europa einfließen - eine Mischung aus Meinungsforschung und Basisdemokratie. Mit Ausnahme von Großbritannien und Ungarn hat seine Idee überall Anhänger gefunden. Merkel hat sogar in ihrem Podcast zur Teilnahme aufgefordert.

Macron ist mit Blick auf Europa ein Überzeugungstäter. Aber er hat auch wahltaktische Gründe, seine Europapolitik voranzutreiben. Die Europawahl 2019 ist für ihn der erste Stimmungstest nach seinem Amtsantritt, und bis dahin will er etwas erreicht haben. Der Karlspreis samt der Kanzlerinnen-Laudatio wird ihn dabei vermutlich weiter beflügeln.

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