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Kasachstan-Deutsche - Deutsche Geschichte - mitten in Zentralasien

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Die Sprache ist russisch, die Staatsangehörigkeit kasachisch, das Erbe deutsch. Für Eduard und Viktor ist nationale Vielfalt eine gelebte Realität. Ihr Verhältnis zum Land ihrer Vorfahren ist erfrischend unbelastet, an "Heimkehr" nach Deutschland denken sie nicht.

"Erneuerbare Energien in einem Land darzustellen, das Milliarden mit alter Energie verdient, ist das Ziel der Expo 2017 in Kasachstan", so Korrespondent Winand Wernicke. Erfolg und internationaler Besucherzustrom dieser seien fraglich.

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Die alten Fotos von den Urgroßeltern Johann und Hilda Seiferling und die abgegriffenen Dokumente finden zunächst keinen Platz mehr auf dem Tisch im zentralkasachischen Prischachtinsk. Geflügelschenkel, mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, Salate, Wurst, Käse und Rohkost - Mutter Irina hat aufgetischt, reichlich und traditionell kasachisch. "Zuerst wird gegessen", sagt sie. "So ist das hier in Kasachstan, Essen ist wichtig bei uns." Irina ist Russin, ihr Ehemann und ihre Schwiegereltern waren deutschstämmig, ihre Heimat ist Kasachstan. Hier lebt sie mit ihren Söhnen in einer bescheidenen Wohnung am Rande einer Bergbausiedlung in der Nähe von Karaganda.

Das Interesse der Kasachstan-Deutschen an Deutschland ist ungebrochen

"Wir wollten damals nach Deutschland ausreisen, mein Mann und ich. Doch daraus ist nichts geworden", sagt Irina ohne Klagen, aber dennoch wehmütig. Irinas Leben ist anders verlaufen als geplant. Es ist ein Leben zwischen deutscher Vergangenheit und kasachischer Zukunft. Beim Aufnahmeverfahren für Spätaussiedler scheiterte ihr Mann zunächst am Sprachtest, dann kamen die Kinder, danach der frühe Tod des Ehemanns. Der Traum von Deutschland - für Irina war er plötzlich und für immer ausgeträumt.

Ihre Söhne Konstantin, Eduard und Viktor sind Kasachstaner. Sie sprechen russisch, nur wenige deutsche Redewendungen kommen ihnen über die Lippen. Über die aktuellen Entwicklungen im 4.000 Kilometer entfernten Deutschland wissen sie aber ganz genau Bescheid. "Merkel wird wieder Kanzlerin werden", sagt Eduard. "Und die deutsche Nationalmannschaft wird es schwer haben, in Russland den WM-Titel zu verteidigen. Aber wir drücken die Daumen", ergänzt Viktor.

Genauso präsent wie die deutsche Gegenwart ist ihnen ihre ganz persönliche deutsche Vergangenheit und das Schicksal ihrer Vorfahren. Die Urgroßeltern Seiferling wurden 1941 unter Stalin als Russlanddeutsche von der Krim deportiert. Es folgten Internierung und Zwangsumsiedlung in entlegene Gegenden der Sowjetunion, 1956 schließlich die Rehabilitierung und der Beginn eines neuen Lebens in Zentralkasachstan, wo der Urgroßvater als Schlosser im Kohlebergbau Arbeit fand.

Individuelle Familiengeschichten nach gleichen Grundzügen

"So wie den Seiferlings ist es vielen Deutschstämmigen ergangen, die Geschichte ist eigentlich immer die gleiche", sagt Irina König. Sie ist die Leiterin des Regionalbüros "Wiedergeburt" in Karaganda. Für die etwa 35.000 Deutschstämmigen in der Region ist das Deutsche Zentrum für Kultur, Bildung und soziale Angelegenheiten die Anlaufstelle für Sprachkurse, Musikveranstaltungen, Workshops, Ferienaufenthalte und Ausflüge. Um die jüngsten Deutschstämmigen kümmert sich der deutsche Jugendclub "Grashüpfer". "Die meisten aber sind ja nach Deutschland ausgereist", sagt König.

Knapp eine Million Deutschstämmige lebten beim Zerfall der Sowjetunion in Kasachstan, heute sind es noch etwa 180.000. "Leider ist über die Jahrzehnte vieles in Vergessenheit geraten, die deutsche Sprache, die deutsche Kultur. Hier halten wir nicht nur die Erinnerung wach, wir pflegen auch das deutsche Erbe."

Doch es ist nicht nur das Gedenken an die gemeinsamen Wurzeln, das die Deutschstämmigen in Zentralkasachstan zusammenführt. Oft stehen ganz handfeste Bedürfnisse im Vordergrund, etwa Beratung in Nationalitäts- und Minderheitenfragen, Übersetzungshilfen oder ärztliche Versorgung, genauso wie der lebhafte Austausch über Deutschland und die deutsche Politik der Gegenwart. Nicht nur die aktuelle Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung sehen die Menschen im deutschen Zentrum Wiedergeburt kritisch. Manche, die nicht nach Deutschland ausreisen konnten oder wollten, fühlen sich von der deutschen Politik vergessen und von ihren Landsleuten verlassen, so scheint es. Ein kleines Museum zeigt das, was die Landsleute zurückgelassen haben, als sie nach Deutschland in eine neue Zukunft ausreisten.

Zukunft in Kasachstan

Für Eduard und Viktor Seiferling liegt die Zukunft in Kasachstan. "Hier gibt es viele ganz unterschiedliche nationale Minderheiten. Warum auch nicht? Wir sind eben ein Vielvölkerstaat. Aber Deutschland ist schon etwas ganz besonderes für uns." Die einzig greifbare Verbindung nach Deutschland sind ihre Urgroßeltern, auch wenn Eduard und Viktor sie nie persönlich kennengelernt haben.

Anerkannt als Spätaussiedler leben Johann und Hilda Seiferling in der Nähe von Andernach am Rhein. "Wir skypen öfters, aber der Uropa sieht schlecht und hört nicht mehr so gut, so dass wir meistens schreien müssen. Aber wir halten den Kontakt." Eduard und Viktor Seiferling sind sich einig: "Irgendwann reisen wir nach Deutschland. Unser Vater hat sein Heimatland nie gesehen, deswegen müssen wir da mal hin!"

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