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Region Kaschmir - Haar-Diebe überfallen immer mehr Frauen in Indien

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Sie kommen nachts, überwältigen Frauen - und schneiden ihre langen Haare ab. Mysteriöse Diebstähle in der ohnehin konfliktgeplagten Region Kaschmir verunsichern die Bevölkerung. Von den Tätern fehlt bislang jede Spur.

"Ich verstoße Dich", diese Worte reichten muslimischen Männer in Indien bislang aus, um sich von ihrer Frau scheiden zu lassen. Nun hat das höchste indische Gericht solche Blitzscheidungen für illegal erklärt.

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Hunderte junge Männer bewaffnet mit Messern, Cricketschlägern und Eisenstangen patrouillieren nachts durch die Straßen des von Indien kontrollierten Teils Kaschmirs. Sie sind auf der Suche nach unbekannten Dieben, die sich an den langen, gewobenen Haaren von Frauen vergreifen. In mehr als hundert Fällen erzählten Frauen bei der Polizei, dass sie von Maskierten überfallen worden seien, die ihre Zöpfe abgeschnitten hätten. Die Polizei hat bisher keine Spur, weder zu den Tätern noch zum Motiv.

Täter ließ Haare zurück

Die Übergriffe auf die Frauen, die sich meistens in den Häusern der Betroffenen zutrugen, klangen für die Polizisten derart seltsam, dass diese den Frauen zu Beginn sagten, sie hätten sich den Vorfall nur eingebildet. Bis ein Regierungsausschuss für Frauen die Polizisten davor warnte, abwertende Kommentare zu machen. Das Abschneiden der Zöpfe sei ein Versuch, "eine Massenhysterie zu erzeugen und die Würde der Frauen in dem Staat zu untergraben", schrieb die ranghöchste Ministerin Kaschmirs, Mehbooba Mufti, jüngst auf Twitter.

"Wir sind ängstlich", sagte Tasleema Bilal, eine 40-Jährige, der die Haare abgeschnitten wurden, als sie sich vergangene Woche in ihrem Haus in der wichtigsten Stadt Kaschmirs, Srinagar, aufhielt. Sie habe versucht, dem Mann die Maske herunterzureißen, aber er sei "sehr stark" gewesen und habe ihr fast das Genick gebrochen, bevor er entkam. Die Haare ließ er zurück. Nur wenige Tage zuvor war Bilals 16-jährige Nichte angegriffen worden. Sie wurde mit einem Ziegel niedergeschlagen und wachte später in einem Krankenhaus auf - mit abgeschnittenen Haaren. Andere Frauen berichteten, sie seien mit einer bisher unidentifizierten Chemikalie besprüht worden und ohnmächtig geworden.

Vorwurf: Haar-Diebstähle von Behörden organisiert

Die mysteriösen Haar-Diebstähle haben Angst und Panik in der hoch militarisierten Zone in der Himalaya-Region verbreitet. Viele der hauptsächlich muslimischen Bewohner litten bereits zuvor unter Trauma nach dem jahrzehntelangen Konflikt zwischen Kämpfern von Separatistengruppen und dem indischen Militär. Ähnliche Fälle des Haar-Raubs waren zu Beginn des Jahres an anderen Orten in Indien gemeldet worden, darunter auch in den im Norden gelegenen Staaten Haryana und Uttar Pradesh. Aber dort lösten die Attacken nicht die gleiche Panik und Versuche der Selbstjustiz aus wie in Kaschmir.

Die muslimischen Frauen in Kaschmir tragen ihr Haar zwar lang wie Frauen in anderen Teilen Indiens, sie decken es jedoch häufig mit einem Kopftuch ab. Separatistenanführer behaupteten, verärgert von der anfänglichen Reaktion der Polizei, die Attacken seien von indischen Behörden organisiert worden, um die rebellischen Bewohner Kaschmirs einzuschüchtern. Andere beschuldigten Soldaten oder Polizisten, die Übergriffe zu inszenieren oder Verantwortliche zu schützen.

Weitere bizarre Vorfälle in Kaschmir

"Wir wollen wissen, wer die Schuldigen sind: Polizei, Armee oder Zivilisten?", fragte Bilal. Es sei lächerlich, zu denken, dass Behörden hinter den Attacken steckten, sagte Polizeichef Muneer Ahmed Khan. Die Behörden erklärten, sie zahlten rund 9.000 Dollar (etwa 7.650 Euro) an jeden, der Hinweise auf die Täter liefern könne. "Es ist wichtig, zuerst eher das Motiv hinter solchen Handlungen zu kennen als die Verantwortlichen", sagte Khan. Wenn das Motiv feststünde, "wäre es einfach für uns, solche Fälle zu lösen".

Es ist nicht das erste Mal, dass sich solche bizarren Vorfälle in Kaschmir verbreiten. Die umkämpfte Region kennt seit der Unabhängigkeit Pakistans und Indiens im Jahr 1947 fast nur den Konfliktzustand, da sie beide Länder für sich beanspruchen. Indien und Pakistan haben seither zwei Kriege wegen des bergigen Gebiets geführt. Auf indischer Seite kamen seit 1989 durch Attacken von Rebellen und anschließende brutale Maßregelungen durch das Militär mindestens 70.000 Menschen ums Leben. Während massiver Anti-Indien-Proteste in den frühen 1990er Jahren begannen Bewohner Geister zu melden, die die Region nachts heimsuchten.

Als die Haar-Diebstähle erstmals im Juli im Norden Indiens gemeldet wurden, wurden Psychologen in die Ermittlungen eingebunden, um herauszufinden, ob die betroffenen Frauen mentale Besonderheiten aufwiesen. Der Verdacht, dass sich die Frauen die Attacken einbildeten, wurde stärker, als immer mehr Fälle in Kaschmir gemeldet wurden, wo der jahrelange Konflikt viele Menschen mit psychischen Belastungen zurückgelassen hatte. Die Patientenzahl in dem einzigen psychiatrischen Krankenhaus in Srinagar stieg innerhalb nur eines Jahres von 1.700 Menschen auf mehr als 100.000 an, als die Kämpfe im Jahr 1989 wieder aufflammten.

Haare als Sexsymbol

Saiba Varma von der Universität von Kalifornien, San Diego, sieht in dem Haar-Diebstahl eine symbolische Attacke auf die Frauen. "Haar hat historisch Sexualität und eine gewisse exzessive feminine Energie symbolisiert, die eine direkte Bedrohung ist, nicht nur ein Ziel militarisierter männlicher Kräfte", sagte Varma. Das Abschneiden der Haare stelle offenbar einen Versuch dar, diese weibliche Energie einzudämmen.

Derweil versuchen sich die Bewohner Kaschmirs selbst gegen die Übergriffe zu schützen: Sie verlassen ihre Nachbarschaften nach Sonnenuntergang nicht mehr und bewaffnete Wachgruppen patrouillieren, die dann gegen mutmaßliche Verdächtige vorgehen. Ein 70-Jähriger starb, nachdem er für einen Verdächtigen gehalten und mit einem Ziegelstein niedergeschlagen worden war.

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