"Mit minimalem Risiko maximal provozieren"

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Rolle Pakistans im Kaschmir-Konflikt - "Mit minimalem Risiko maximal provozieren"

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Indien und Pakistan werfen sich gegenseitig Angriffe in Kaschmir vor. Was dahinter steckt und warum der Konflikt weitergehen wird, erläutert der Politikwissenschaftler Jakob Rösel.

Ein indischer paramilitärischer Soldat feuert bei einem Protest gegen Razzien durch den indischen Geheimdienst in Kaschmir eine Tränengasgranate ab, aufgenommen am 26.02.2019 in Srinagar, Indien
Ein indischer paramilitärischer Soldat feuert bei einem Protest gegen Razzien durch den indischen Geheimdienst in Kaschmir eine Tränengasgranate ab, aufgenommen am 26.02.2019 in Srinagar, Indien.
Quelle: dpa

heute.de: Indien und Pakistan beschuldigen sich gegenseitig, Angriffe in Kaschmir zu fliegen. In der Region hält sich kaum ein unabhängiger Beobachter auf. Was können wir von den Informationen, die wir jetzt von dort bekommen, überhaupt glauben?

Jakob Rösel: Die Auskünfte der indischen Seite sind ernst zu nehmen, weil Indien eine Demokratie ist und eine englischsprachige, kritische Presse hat. Kaschmir steht zwar meist unter Notstandsgesetzen. Journalisten können sich nicht vollständig frei bewegen und doch gibt es auch dort kritische, indische Reporter. Das indische Militär steht unter strikter demokratischer Kontrolle und kann keine blanken Lügen auftischen.

In Pakistan beeinflussen das allmächtige Militär und der Geheimdienst die Presse flächendeckend. Das pakistanische Militär bestimmt seit langem fast offiziell die Außen- und Sicherheitspolitik der formal demokratisch gewählten Regierung.

heute.de: Mitte Februar starben in Kaschmir mehr als 40 indische Soldaten bei dem schwersten Selbstmordanschlag seit 30 Jahren. Warum schlugen die islamistischen Terroristen gerade jetzt zu?

Rösel: Seit dem Ende der Sowjetinvasion in Afghanistan 1989 und der damit einhergehenden Demobilisierung der internationalen islamistischen Truppen in Afghanistan gibt es eine neue Taktik des pakistanischen Militärs. Es bildet mindestens fünf bis sieben solcher islamistischer Organisationen aus, um sie nach Kaschmir zu schicken. Dort verüben sie Terroranschläge auf die hinduistische Zivilbevölkerung, die indische Verwaltung und indische Soldaten. Damit kann das pakistanische Militär mit minimalem Risiko das übermächtige Indien maximal provozieren und demütigen. Neu ist nur die hohe Opferzahl.  


heute.de:
Zu dem Anschlag bekannte sich die Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed (JeM), die "Armee Mohammeds". Sie operiert von Pakistan aus und hat mutmaßlich enge Verbindungen zum pakistanischen Geheimdienst. Wie gefährlich ist diese Terrorgruppe?

Rösel: Sie ist brandgefährlich, wie alle anderen, die in Afghanistan Terrorerfahrungen gesammelt haben und vom hochprofessionellen pakistanischen Militär und Geheimdienst seit mehr als einem Jahrzehnt in Lagern ausgebildet werden. Sie verfügen außerdem über hochmodernes Gerät.

heute.de: Müssen wir fürchten, dass die jetzige Konfrontation in einen offenen Krieg zwischen Indien und Pakistan münden wird?

Rösel: Die Taktik Pakistans ist immer, Indien bis aufs Blut zu reizen in der Gewissheit, dass die demokratische Atommacht nicht zum großen konventionellen Krieg oder gar zum Atomschlag ausholen wird.

heute.de: Der indische Premierminister Narendra Modi muss sich im Mai Wahlen stellen. Verspricht er sich von einer harten Gangart gegenüber Pakistan Vorteile im Wahlkampf?

Rösel: Der Abschuss pakistanischer Flugzeuge war schon ein gewisser Durchbruch einer Schallmauer. Das hatte Indien bislang nicht gewagt. Viel weiter wird Indien wahrscheinlich nicht gehen, weil sich ein offener Krieg an der gesamten indisch-pakistanischen Grenze hinziehen würde. Das kann Modi im Wahlkampf nicht wollen.

heute.de: In der Vergangenheit haben die USA oft mäßigend auf Pakistan eingewirkt. Werden sie es jetzt auch tun?

Rösel: Die USA haben in mindestens zwei Fällen, in denen Pakistan mit einem Atomschlag drohte, mit einer Shuttle-Diplomatie eine Eskalation verhindert. Derzeit kann ich nicht sagen, wie sich ein inkompetenter und unverantwortlicher US-Präsident verhalten wird.

heute.de: Die USA wollen ihre Truppen aus Afghanistan zurückziehen. Dazu benötigen sie die Hilfe Pakistans. Ist das ein Grund, warum Washington sich zurückhält?

Rösel: Die USA sind bereits seit den 1950er Jahren Gefangene ihres Pakistan-Engagements. Indien verhielt sich im Kalten Krieg neutral. Die USA haben mit Militär- und Wirtschaftshilfe versucht, Pakistan als Verbündeten zu rekrutieren. Und sie haben das Land gegen die Sowjetunion in Stellung gebracht, die Afghanistan besetzt hielt. Nach der Zerstörung der New Yorker Twin-Towers durch Islamisten 2001 und dem dann durch die USA ausgerufenen Krieg gegen den Terror, ist Washington noch tiefer in die Abhängigkeit Pakistans geraten. Und für den Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan brauchen die USA Pakistan.

heute.de: China investierte in den vergangenen Jahren viel Geld in Pakistan, vor allem in die Infrastruktur. Wird Peking seine schützende Hand über Pakistan halten oder kann es vermitteln?

Rösel: China kann wirksamer auf das pakistanische Militär einwirken als die USA. Aber China ist ein Erzgegner Indiens. Alle pakistanischen Provokationen und Demütigungen sind im Sinne Chinas.  

heute.de: Russland hat immer gute Beziehungen zu Indien gepflegt. Kann Moskau deeskalieren?

Rösel: Selbst in den besten Zeiten der ehemaligen Sowjetunion konnte Moskau im Kaschmir-Konflikt  kaum etwas ausrichten. Der Hindunationalist Modi hat in den vergangenen Jahren die einst engen Beziehungen zu Moskau schleifen lassen und wird heute kaum auf Russland hören. 

heute.de: Kann Europa helfen? Immerhin waren es die Briten, die 1947 zugelassen haben, dass Kaschmir zwischen Indien und Pakistan geteilt wird.

Rösel: Die Briten waren erfolgreiche Kolonialisten, aber miserable De-Kolonialisten. Sie sind 1947 aus Britisch-Indien weggelaufen und haben das grausame Debakel der Teilung Kaschmirs den beiden neuen Staaten Pakistan und Indien überlassen. Die EU ist außenpolitisch eine Fata Morgana und hat sich im Kaschmir-Konflikt bislang null engagiert.  

heute.de: Also müssen wir uns darauf einstellen, dass der Konflikt weitere 50 Jahre anhalten wird?

Rösel: Der Konflikt ist stabil. Die pakistanische Seite braucht ihn, um den übermächtigen Gegner Indien immer wieder zu provozieren. Indien kann sich auf den Kaschmir-Konflikt setzen wie ein großer Elefant. Die indische Armee hat 1,5 Millionen Männer unter Waffen. Davon sind 100.000 bis 150.000 in Kaschmir stationiert. Da sind 40 tote Soldaten zwar beklagenswert, aber politisch kein großes Problem. Strategisch wird Indien niemals auf Kaschmir als Puffer zur chinesischen Grenze verzichten.

Das Interview führte Katharina Sperber.

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