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"So etwas hat es in Barcelona noch nie gegeben"

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Katerstimmung in Katalonien - "So etwas hat es in Barcelona noch nie gegeben"

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Brennende Barrikaden, verletzte Polizisten, viele Festnahmen: Die Urteile gegen Separatistenführer schüren bei vielen Katalanen Wut. Den Dialog mit Spanien erschwert das aufs Neue.

Barcelona, Müllbeseitigung nach Protesten
Die Müllabfuhr in Barcelona bemüht sich um die Beseitigung der Spuren der Nacht
Quelle: imago

"So etwas hat es in Barcelona noch nie gegeben." Der Taxifahrer in Barcelona ringt um Worte. Die Arbeiter der Stadtreinigung kratzen die Reste der verbrannten Müllcontainer vom Asphalt, es riecht nach verbranntem Plastik auf dem schicken Paseo de Gracia. Katerstimmung.

Verhältnismäßigkeit ist das Wort der Stunde

Tausende gewaltbereite Demonstranten waren am Vorabend auf die spanische Regierungsvertretung in Kataloniens Hauptstadt zumarschiert und hatten sich stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Die vorläufige Bilanz: 72 verletzte Polizisten, 29 Festnahmen, 157 gelöschte Barrikaden. In anderen Städten Kataloniens wurden bei Unruhen mehr als 20 Demonstranten festgenommen.

Ministerpräsident Pedro Sánchez trifft sich heute mit anderen Parteichefs zum Krisenstab mit dem Ziel, die öffentliche Ordnung im Katalonien zu gewährleisten, ohne dass die Bilder von knüppelnden Polizisten um die Welt gehen. Verhältnismäßigkeit ist das Wort der Stunde.

Hartes Urteil treibt einen Keil zwischen die Fronten

Eine brennende Barrikade in Barcelona.
Eine brennende Barrikade in Barcelona.
Quelle: Matthias Oesterle/ZUMA Wire/dpa

Die Tumulte wie auch die friedlichen Demonstrationen in der Stadt sind die Reaktion auf das Urteil des Obersten Gerichtshofs vom vergangenen Montag, in dem die politischen Anführer der Separatistenbewegung, die im Oktober 2017 ein gerichtlich verbotenes Referendum abgehalten und später die Unabhängigkeit Kataloniens ausgerufen hatten, zu Haftstrafen zwischen neun und 13 Jahren verurteilt worden waren.

Bis dahin hatte eine trügerische Ruhe in Katalonien geherrscht, stets mit der Ankündigung, die Unabhängigkeitsbewegung werde das Land lahmlegen, sollten ihre Anführer nicht freigesprochen werden.

Kataloniens Regionalregierung unter ihrem Präsidenten Quim Torra, selbst ein Hardliner für die Sache der Unabhängigkeit, fordert fast täglich zu zivilem Ungehorsam auf, von Besonnenheit hält der Aktivist wenig.

Doch auch gemäßigte Stimmen in Katalonien sehen in den hohen Haftstrafen gegen die sieben ehemaligen katalanischen Regierungsmitglieder und die beiden Anführer der separatistischen sozialen Bewegungen einen Keil, der die Zentralregierung und die Katalanen weiter auseinandertreibt. Ein Gerichtsurteil ist nicht verhandelbar, der immer wieder von beiden Seiten geforderte Dialog zwischen Madrid und Katalonien wird nur schwer in Gang kommen. Der Wahlkampf für die Parlamentswahlen am 10. November ist in vollem Gange, auch das ist keine gute Voraussetzung für differenzierte politische Gespräche.

Wunsch nach friedlichem Protest

In Barcelona werden die Reste der vergangenen Nacht beseitigt, der Verkehr rollt wieder - vorerst. Die meisten Katalanen lehnen die gewalttätigen Ausschreitungen ab, pochen aber auf das Recht auf friedliche Demonstrationen. Sie fühlen sich gegängelt von der Zentralregierung in Madrid und akzeptieren nicht, dass der geplatzte Traum vom unabhängigen Katalonien für die politisch Verantwortlichen im Gefängnis endet.

Die Demonstrationen werden weitergehen, heute Morgen begann an verschiedenen Punkten Kataloniens ein Sternmarsch über 100 Kilometer nach Barcelona, der über drei Tage gehen und am Freitag in Barcelona zusammentreffen soll. Tausende Menschen haben sich auf den Weg gemacht, unterstützt von Traktoren. Es sind friedliche Menschen, die da wichtige Zufahrtsstraßen nach Barcelona blockieren, aber von Normalität wird man in den kommenden Tagen dennoch weit entfernt sein.

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