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Rabbiner auf Katholikentag - "Prozess des Dialogs nie abgeschlossen"

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Rabbiner Homolka fährt gerne zum Katholikentag, Kirchen seien Verbündete gegen den Antisemitismus. Im christlich-jüdischen Dialog gebe es noch viel zu tun, sagt er heute.de.

Walter Homolka bei einer Rabbinerordinationsfeier am 10.04.2013 in der neuen Synagoge in Erfurt
Walter Homolka bei einer Rabbinerordinationsfeier am 10.04.2013 in der neuen Synagoge in Erfurt
Quelle: dpa

heute.de: Als liberaler Jude tragen Sie gewöhnlich keine Kippa. Hat sich das in den letzten Wochen geändert - um Solidarität zu zeigen mit Kippa-Trägern, die angegriffen werden?

Walter Homolka: Nein. Ich trage die Kippa schon immer nur bei religiösen Anlässen oder in meiner Funktion als jüdischer Amtsträger. Meine Gewohnheit seit Jugendtagen habe ich nicht verändert.

heute.de: Aber würden Sie mit einer Kippa auf dem Kopf nach Münster zum Katholikentag fahren?

Homolka: Ja, ich würde mich trauen. Aber auch in Münster verwende ich die Kippa nur, wenn ich als Vertreter des Judentums und Rabbiner gefragt bin. Sonst nicht.

heute.de: Schon vor sechs Jahren haben Sie Ihren Studenten abgeraten, die Kippa öffentlich zu tragen. Wozu raten Sie heute?

Homolka: Meine Position hat sich nicht geändert. Wer im Alltag sein Haupt bedecken möchte, kann ja eine Kappe oder einen Hut tragen. Das hat nicht unbedingt etwas mit erhöhter Gefahr zu tun. Man will ja im Alltag nicht mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als erforderlich.

heute.de: Es gibt aber auch die Gegenposition: nicht kuschen, sondern selbstbewusst die Kippa tragen.

Homolka: Für mich ist es eine Frage der persönlichen Diskretion. 

heute.de: Wie bewerten Sie den Antisemitismus im Jahr 2018?           

Homolka: Antisemitismus gab es immer, mit etwa 20 Prozent in den Umfragen ist er in Deutschland weit niedriger als etwa in Ungarn mit 46 Prozent oder Polen mit 45 Prozent. Aber die Antisemiten verstecken sich nicht mehr und nehmen gerade im Internet kein Blatt vor den Mund. Bundespräsident Steinmeier hat es gut beschrieben: "Antisemitismus zerstört Heimat für alle." Deshalb müssen alle konsequent dagegen vorgehen.

heute.de: In welchen Momenten fühlen Sie sich in der Öffentlichkeit unwohl?

Homolka: Da fällt mir keine Situation ein auf deutschen Straßen.

heute.de: Manche jüdische Vertreter gehen nur noch mit Personenschutz auf die Straße. Haben Sie wenigstens Pfefferspray dabei?

Homolka: Im Alltag würde ich mich nicht bewaffnen, schließlich gilt das Gewaltmonopol des Staates. Wenn der Staatsschutz eine Gefährdung öffentlicher Amtsträger feststellt, kann auch mal Personenschutz angeordnet werden. Das ist bei mir aber nicht der Fall. Mein Ansatz im Fall eines persönlichen Angriffs wäre Deeskalation.

heute.de: Früher waren Katholiken Antreiber des Antijudaismus, vor kurzem war eine katholische Vertreterin die einzige in der "Echo"-Jury, die gegen die antisemitischen Lieder der Rapper "Kollegah" und "Farid Bang" gestimmt hat. Sind die Kirchen inzwischen Ihr stärkster Verbündeter?

Homolka: Christlichen Antisemitismus gab es viele Jahrhunderte lang von katholischer wie von evangelischer Seite. Im letzten Jahrhundert wurde da viel dazugelernt. Heute haben beide Kirchen in Deutschland klar Position bezogen und ihr Verhältnis zum Judentum vom Kopf auf die Füße gestellt. Sie und andere maßgebliche gesellschaftliche Gruppen treten braunen Ressentiments klar entgegen. Das finde ich gut.

heute.de: Ist in der christlich-jüdischen Zusammenarbeit also alles perfekt oder gibt es da noch ein paar Baustellen?

Homolka: Der Prozess des Dialogs und der Begegnung ist nie abgeschlossen. Deshalb bleibt weiter viel zu tun: in der Theologenausbildung, bei den Nachwachsenden und bei denen, die sich lieber hinter altem Denken verbarrikadieren, statt die Zukunft anzunehmen.

heute.de: Wie lautet also Ihre Botschaft auf dem Katholikentag?

Homolka: "Suche Frieden" heißt, dass alle Religionen zusammenstehen für eine offene Gesellschaft des friedlichen Zusammenlebens. Weniger Neid und Missgunst. Stattdessen sollten wir uns freuen, dass es Deutschland kaum jemals besser ging.

heute.de: Verdrängt die Diskussion über den Antisemitismus die eigentlich gute Nachricht, dass jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 noch nie so intensiv blühte wie heute?

Homolka: Die positive Nachricht ist, dass durch den Zuzug von 200.000 Kontingentflüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion dem jüdischen Leben in Deutschland eine Chance gegeben wurde. Ob es wirklich erblüht, hängt davon ab, ob wir religiösen Pluralismus und jüdische Zivilgesellschaft pflegen statt Monokultur. Da sind die Würfel noch nicht gefallen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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