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"Synodaler Weg" der Katholiken - Reformprozess als letzte Chance

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Der "synodale Weg" der Katholiken in Deutschland soll Vertrauen zurückbringen. Obwohl der Reformdialog als letzte Chance gilt, kommt schon zum Start aus den eigenen Reihen Kritik.

Umfragen zeigen, dass die katholische Kirche in den vergangenen Jahren massiv an Vertrauen verloren hat. Die Kirchenaustrittszahlen waren im Jahr 2018 erneut auf einem Rekordhoch. Mit 216.000 Austritten waren sie gegenüber dem Vorjahr sogar um 29 Prozent gestiegen. Neben dem Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche in Deutschland seit 2010 massiv erschüttert, ist es aus Sicht vieler Gläubigen auch der anhaltende Reformstau, der die Menschen zum Austritt bewegt.

Reformen haben auch die Wissenschaftler gefordert, die im Herbst 2018 eine Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche vorgelegt hatten. Ihr Ergebnis war unter anderem, dass es systemische Faktoren gibt, die den Missbrauch und dessen Vertuschung in der katholischen Kirche begünstigt haben. Sie forderten deshalb Reformen im Bereich der Sexualmoral, bei der Frage nach der Machtverteilung in der katholischen Kirche sowie der priesterlichen Lebensform, dem Zölibat. Diese Themen gehören alle zu den Bereichen, in denen viele Gläubige seit Jahren Veränderungen fordern.

Kirchenrechtlich birgt der "synodale Weg" Probleme

Im Rahmen des "synodalen Wegs" sollen sie nun von den Bischöfen und den katholischen Laien gemeinsam diskutiert und ausgearbeitet werden. Auf Wunsch der Laien kam noch ein vierter Bereich hinzu: die Rolle der Frau in der katholischen Kirche. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, betonte, dass der Missbrauchsskandal zwar nicht der Grund für die Debatte über notwendige Reformen ist, dass er aber noch einmal deutlich gemacht habe, wie dringend Veränderungen sind.

Zwei Jahre soll der Diskussionsprozess dauern. Zweimal pro Jahr tritt in Frankfurt die sogenannte Synodalversammlung zusammen. Sie besteht aus rund 200 Teilnehmern, darunter alle katholischen Bischöfe sowie Vertreter der katholischen Verbände, Gruppen und Bewegungen. Streit gab es im Vorfeld über die Kompetenzen dieser Versammlung. Denn das katholische Kirchenrecht sieht es nicht vor, dass eine solche Versammlung, an der Laien beteiligt sind, mit demokratischen Abstimmungen Beschlüsse fasst, die für die Bischöfe oder gar den Papst nachher bindend sind.

Papstvertrauter befürchtet Frustration

So bleibt es am Ende dabei, dass die Bischöfe das letzte Wort haben, wenn es um die Umsetzung der Beschlüsse geht. Zudem können Themen, die die weltkirchliche Ebene betreffen, nicht abschließend behandelt werden. Das gilt etwa für die Abschaffung des Pflichtzölibats oder die Frage von neuen Ämtern für Frauen und bestimmte Änderungen in der kirchlichen Sexualmoral. Hier kann die Versammlung nur Voten verabschieden, die dann zum Papst nach Rom gehen.

Diese Einschränkungen rufen viele Kritiker des "synodalen Wegs" auf den Plan. Sie befürchten, dass die Umsetzung der Reformen am Ende von der Willkür einzelner Bischöfe abhängt. Hier lässt das Kirchenrecht allerdings keine anderen Verfahren zu. Das betrifft auch die Themen, die dem Papst zur Entscheidung vorbehalten sind. Der deutsche Kurienkardinal und Papstvertraute, Kardinal Walter Kasper, befürchtet, dass der Prozess am Ende zu großer Frustration führen könnte, weil die "Maximalforderungen", die einige jetzt vorab stellten, nicht erfüllt werden könnten.

Papst Franziskus will andere Schwerpunkte setzen

Auch unter den deutschen Bischöfen gibt es Skeptiker. Prominentester Vertreter ist der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Für ihn liegt die Lösung der aktuellen Krise der katholischen Kirche weniger in strukturellen Reformen als vielmehr in einer Glaubensvertiefung und der Suche nach neuen Wegen der Evangelisierung. Die Kritiker sehen sich bestärkt in ihrer Forderung durch einen Brief des Papstes an die Katholiken in Deutschland, der Ende Juni veröffentlicht wurde.

Darin hatte Franziskus die Einheit mit der Weltkirche angemahnt und betont, dass oberstes Ziel die Evangelisierung sein müsse. Doch auch die Befürworter des Reformprozesses sahen sich durch den Brief bestärkt, hatte der Papst doch "zur Suche nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation ermuntert".

Letzte Chance, Vertrauen zurückzugewinnen

Die Mehrzahl der deutschen Bischöfe ist sich bewusst, dass dieser Weg die letzte Chance sein könnte, um wieder Vertrauen bei den Menschen im Land zu gewinnen. Es steht viel auf dem Spiel. Daher ist die Anspannung auf allen Seiten groß. Noch ist vieles offen. Die Delegierten für die Synodalversammlungen sind noch nicht alle benannt. Doch trotz Kritik und mancher Vorbehalte aus dem Vatikan startete der "synodale Weg" am 1. Advent. Da beginnt traditionell das neue Kirchenjahr.

Symbolisch wurde in vielen Bischofskirchen eine Kerze entzündet, um zu verdeutlichen, dass der Reformprozess auch ein geistlicher Weg ist. Die eigentliche Arbeit startet Ende Januar. Dann wird sich zeigen, ob die katholische Kirche fähig ist zu notwendigen Reformen.

Jürgen Erbacher ist Leiter der ZDF-Redaktion Kirche und Leben / katholisch.

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