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Junge Arbeitnehmer in Südkorea - Kaum Zeit zum Baggern

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Sie studieren und arbeiten rund um die Uhr, Freizeit kennen viele junge Südkoreaner kaum. Um dennoch den Partner fürs Leben zu finden, setzt so mancher nun auf Kuppelei: Sogaeting.

Archiv: Medizinische Arbeiter mit Mundschutz in Süddkorea, aufgenommen am 13.06.2015 in Seol (Südkorea)
Archiv: Medizinische Arbeiter mit Mundschutz in Süddkorea, aufgenommen am 13.06.2015 in Seol (Südkorea)
Quelle: ap

Als ich der jungen Frau gegenüberstehe, vermute ich nicht, dass sie sich für ein Blinddate vorbereitet. Genauso wenig vermute ich, dass der sehr selbstbewusste Besitzer des Friseurladens auch gerade ein Blinddate hinter sich hat. Die beiden Menschen, über die ich hier schreibe, sind in Seoul aufgewachsen und arbeiten dort, sehr viel arbeiten sie.

Von der Freundin verkuppelt

Wer sich fragt, was denn nun ein Blinddate mit Arbeit und Jobs und dem Südkorea, das als das Land der fleißigen Arbeiter bekannt geworden ist, zu tun hat, der muss noch etwas Geduld haben. Sie, das Model, 23 Jahre jung, sehr gut aussehend. Wenn Sie den Raum betritt, dann sind meistens Kameras auf sie gerichtet. Young-Ju ist das als Model nicht anders gewöhnt: im Mittelpunkt stehen. Sie jettet durch die Welt, verdient gut. Sehr gut sogar. Ihre Eltern sind stolz auf sie. Bis auf diese eine Kleinigkeit: Sie ist Single. Sogaeting soll die Lösung sein: ein Date.

Der Friseur fragt sie, wen sie denn nun daten würde. Ob sie etwas über ihn weiß. Young-Ju weiß nichts über ihn. Sie weiß nur, dass er groß ist und, dass ihre Freundin sie gefragt hat, ob sie ihn daten will. Daten mit einem, der groß ist wie sie und gut aussieht wie sie. Was er macht, verrät die Freundin nicht. Nur so viel: Die Freundin hat ihn kennengelernt und fand, dass er vielleicht gut zu ihrer besten Freundin passt. 

Über 30 sind Mann und Frau "abgelaufen"

In Korea ist das ganz normal. Freunde organisieren Freunden Blinddates. Keine Online-Portale, kein Algorithmus entscheidet wer zusammen passen könnte, sondern Freunde von Bekannten von Freunden. Der Friseur, der an Young-Jus Haaren rumfummelt, erklärt das so: "In Südkorea sind Blinddates wie Brücken. Die Leute haben keine Zeit zum Kennenlernen, weil alle immer arbeiten. Also stürzen sie sich auf diese Blinddates, um zu schauen ob's was wäre." Und dann erzählt er uns, dass sie hoffen, dass sie eine schnelle Entscheidung treffen können, sich das Vorgeplänkel sparen. Weil das Date von einem Freund kommt, der sie kennt.

In Südkorea sagt man, wer über 30 ist, der ist "abgelaufen", der kriegt keinen mehr ab. Vor allem Frauen. Männer haben Zeit bis 40. Aber nur, wenn es um die Liebe geht. Die Karriere muss bis 30 im vollen Gang sein. Sonst ist was schief gelaufen. Der Druck ist enorm. Südkorea hat eine der höchsten Singleraten und die niedrigste Geburtenrate weltweit.

"Keine Arbeit, kein Essen"

Ich spreche mit einem, der seit 32 Jahren in einer großen Firma arbeitet. Er ist mittlerer Angestellter. Er sagt: "In Korea denken wir immer noch: keine Arbeit kein Essen. Aber die Jugend von heute sieht das nicht ganz mehr so. Wir versuchen schon einen Ausgleich zu finden." Und dann mit einem Seufzer sagt er, er sei jetzt 50 Jahre alt und arbeite wie am Anfang. Das sind dann auch mal gut 50 Stunden die Woche.

Wer in das Nachtleben Seouls schaut, der sieht trotzdem volle Bars, Restaurants und Kneipen. Wer genauer hinschaut, der stellt fest, dass viele der reservierten Tische und der betrunkenen Menschen an der Bar aus Arbeitskollegen bestehen. Ein Südkoreaner erklärt mir das Phänomen: Wenn der Chef sagt, dass er jetzt gerne essen gehen würde mit der Belegschaft, dann sagt keiner nein. Dann geht jeder mit, egal ob er ein Date oder Kinder zuhause hat, die sich auf den Papa oder die Mama freuen, egal. Wenn der Chef das so will, dann ist das so. Auch wenn der Chef noch im Büro sitzt, geht niemand vor ihm nach Hause. Das wäre unhöflich und würde gegen die guten Sitten verstoßen.

Schon im Kindergarten im Hamsterrad

Das Hamsterrad, so platt das Klischee sein mag, hier läuft es auf Hochtouren. Und zwar ab dem Moment, ab dem der Südkoreaner den ersten Tag im Kindergarten sitzt. Ja genau: Kindergarten. Nicht Schule nicht Arbeitswelt. Das Leben ist in Südkorea von Geburt an von der Sorge bestimmt, wie die Zukunft des Kindes nun aussehen könnte. Am besten mit viel Geld, Erfolg, Lernen, Arbeiten, wenig Freizeit und guten Ergebnissen in allen Bereichen, die immer vorzeigbar sein sollten.

Genau so ein Leben führt auch Seung-Woo. Er ist das Blinddate von Young-Ju, dem fleißigen Model. Sein bester Freund hat ihm das Blinddate organisiert. Sein Freund ist der Womanizer, der gut reden kann. Seung Woo ist eher der Beobachter und zurückhaltender. Er ist gerade zwischen zwei Jobs, wie viele Mittzwanziger in Südkorea. Und er hat eigentlich nie Zeit. Aber er hätte gerne eine Beziehung.

"Klar würde ich lieber ganz natürlich jemanden kennenlernen. Aber hier haben immer alle viel zu viel zu tun. Alle arbeiten immer. Wenn ich Zeit habe, dann haben die anderen keine Zeit." Es sei schwierig, also habe ihm sein Freund ein Blinddate organisiert und das sei auch gut so, denn schließlich habe man ja keine Zeit. Und der nächste, der neue Job, sei auch garantiert mit Überstunden verbunden.

Vom Schulfreund verkuppelt

Ich treffe Seung Woo auf den Straßen von Seoul, gemeinsam mit seinem Freund, der uns nochmal das Prinzip erklärt, an das er glaubt, und wie auch er letztlich seine Frau kennengelernt hat. Er ist übrigens Schauspieler und Komiker, und jetzt hofft er, dass er seinem Freund Seung Woo durch das Blinddate die Liebe bringen kann. Beide sind Schulfreunde, haben bis nachts um eins in der Bibliothek gesessen und gelernt, damit sie die Abschlussprüfung schaffen. Gefeiert haben sie in ihrem Leben auch viel. Das war, wenn es einen neuen Job gab, oder in dieser Zeit nach dem Abitur und vor der ersten Arbeitsstelle, also drei Monate.

Die Erklärung für den heimlichen Erfolg der Blinddates in Südkorea sei: Je öfter man das mache, umso größer sei die Chance auf Erfolg. Vielleicht sei das auch ein Teil dieser "Mach schneller"-Gesellschaft. Natürlich wäre es schön, wenn man jemanden einfach so kennenlernen würde, aber meistens sei das aufgrund des Arbeitspensums nicht möglich.

"Lebenszeit rennt uns davon"

Young-Ju hat exakt das gleiche Problem. Dabei gibt es nicht nur den Druck, Karriere zu machen, damit sich die Ausbildung auch gelohnt hat. Vor allem gibt es für Frauen den Druck, schnell und bald heiraten zu müssen. Das diktiert die Tradition Südkoreas in das Leben der meisten jungen Frauen. Und wehe, wenn frau das anders sieht.

Young-Ju sieht das anders. Sie hat Ihren letzten Freund verlassen, weil er sie heiraten wollte. Das wollte sie nicht. Sie wollte noch nicht in dieses Familienschema, das ihre Eltern gerne hätten. Ihr Leben ist, wie das vieler junger Südkoreaner. Wer noch nicht vergeben ist, lebt noch zuhause bei den Eltern. Gar nicht so einfach. Young-Ju Lee erzählt uns, ihre Eltern fragen immer: "Wann heiratest Du?"

Dann sagt sie uns: "Ich bin 28 Jahre alt. Zwei Freundinnen haben kürzlich geheiratet. Also soll ich auch heiraten. Aber ich will das einfach noch nicht." Außerdem will sie noch weiter Erfolg in ihrem Job haben. Und trotzdem, bei dem Arbeitspensum ist es schwierig, ein Privatleben und Zeit dafür zu haben. So ist das. Die Südkoreaner müssen und sollen viel arbeiten, aber wie uns ein junge Arbeitsanfänger sagt: "Unsere Lebenszeit rennt uns davon und wir rennen einfach hinterher."

Date ohne Leistungsdruck

Ein bisschen Lebenszeit für das Blinddate von Young-Ju und Seung-Woo: Zwischen Kichern und konzentriertem Schweigen funkt es irgendwie. Beide finden sich gut aussehend, finden Witz und ein schönes Lachen wichtig. Und so kommen sie sich näher auf der Suche nach dem Glück und der Hoffnung, wenigstens diesen Druck los zu werden, die große und richtige Liebe finden zu müssen.

Für diesen Moment scheinen sie vergessen zu haben, dass ihre Eltern sie verheiratet sehen wollen, mit Kindern. Dass die Gesellschaft ihnen schon jetzt den Anstrich eines erfolgreichen, schönen Karrierepaars geben will. Für ein paar Sekunden sind sie einfach nur unter sich. Ganz ohne Leistungsdruck, Überstunden und vielleicht sogar mit ein bisschen mehr ...

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