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Kritik an Nord Stream 2 - "Umweltpolitisch schädlich und unrentabel"

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Auch nach der EU-Einigung bleibt Nord Stream 2 umstritten. Energie-Expertin Claudia Kemfert kritisiert die Ostsee-Pipeline im heute.de-Interview aus vielen Gründen.

Archiv: Ein Mitarbeiter prüft Rohre für die Gaspipeline Nord Stream, aufgenommen am 06.12.2016
Auch nach der EU-Einigung bleibt Nord Stream 2 umstritten.
Quelle: dpa

heute.de: Was bedeutet der heute gefundene Kompromiss zur Gas-Pipeline Nord Stream 2? Kann er garantieren, dass sich Deutschland nicht zu sehr von russischem Gas abhängig macht?

Claudia Kemfert: Nein, denn die Abhängigkeit bleibt. Gazprom produziert, fördert und transportiert Gas nach wie vor und bleibt zudem auch im Besitz strategischer Gasspeicher in Europa. Durch den Kompromiss hofft man lediglich zu verhindern, dass der russische Konzern seine Marktmacht ausnutzt. Man erhofft sich eine stärkere Kontrolle. Selbst wenn das gelänge, sind die anderen gravierenden Nachteile der Pipeline nicht behoben. Den Pipeline-Bau fortzusetzen, führt unverändert in die falsche Richtung.

heute.de: Welche Folgen hätte es für die Energieversorgung in Deutschland gehabt, wenn Nord Stream 2 nicht fertig gebaut worden wäre?

Kemfert: Keine. Die Energieversorgung ist auch ohne Nord Stream 2 sicher. Wir benötigen die Pipeline nicht. Im Gegenteil: Die zusätzliche Pipeline Nord Stream 2 ist umweltpolitisch schädlich, betriebswirtschaftlich unrentabel und - wie jetzt offensichtlich - auch politisch fatal. Deutschland isoliert sich mit der Unterstützung dieses fragwürdigen Projekts zunehmend und sollte die Haltung korrigieren. Das Projekt ist energiewirtschaftlich unnötig, der Verzicht hätte viele Vorteile.

Gaspipeline Nordstream
Wie die Pipelines Nord Stream 1 (blau) und Nord Stream 2 (gestrichelt) verlaufen.
Quelle: ZDF

heute.de: Also bliebe im Winter die Wohnung nicht kalt, wenn die Gaslieferung aus Russland nicht kommt?

Kemfert: Diesen Unsinn behaupten allein diejenigen, die mit der Pipeline Geld und Einfluss gewinnen wollen. Fakt ist: Deutschland kann aus vielen Ländern und über viele Transportwege Gas beziehen. Außerdem nimmt der Gasbedarf wegen der Energiewende ohnehin ab. Weder gehen Lichter aus, noch wird die Wohnung kalt.

heute.de: Welche Auswirkungen hätte es auf die deutsche Wirtschaft, wenn der Bau nicht fertiggestellt würde?

Kemfert: Wirtschaftliche Nachteile hätte ein Baustopp natürlich für die beteiligten Unternehmen. Die gäbe es aber auch, wenn die USA wie angedroht Sanktionen verhängen. Wirtschaftlich steht das Projekt also eh auf tönernen Füßen. Finanziell sicherer wäre es, statt in die Pipeline in erneuerbare Energien und Energieeffizienz im Gebäudebereich zu investieren. Die Pipeline ist kein Ausdruck wirtschaftlichen Weitblicks, sondern krampfhaftes Festhalten an veralteter fossiler Industrie.

Die neue Gaspipeline Nord Stream 2 soll Erdgas aus der Nähe von Sankt Petersburg über rund 1200 Kilometer durch die Ostsee nach Greifswald liefern. In zwei parallelen Röhren. Fast genauso wie die bereits bestehende Pipeline-Verbindung Nord Stream 1.

Beitragslänge:
1 min
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heute.de: Bringt Nord Stream 2 tatsächlich ökonomischen Nutzen?

Kemfert: Auf dem Papier rechnet sich die Pipeline, wenn sie über Jahrzehnte ausgelastet ist und der Gasbedarf weiterhin hoch ist. Doch das ist wenig realistisch: Der Gasbedarf wird früher oder später sinken. Die Klimaschutzziele erfordern eine Abkehr von fossilen Energien. Dagegen kann man sich sperren, aber wir sehen beim Dieselskandal, wohin solche Zukunftsverweigerung führt. Wenn die Pipeline kommt, ist leider zu befürchten, dass genau deswegen die Gaspreise deutlich steigen werden.

heute.de: Was ist am Vorwurf dran, dass sich Deutschland von Russland abhängig macht?

Kemfert: Viel! Die zusätzlichen Gasimporte aus Russland würden Importe aus anderen Ländern verdrängen. So werden europäische Länder erpressbar. Deswegen hat sich die Energieunion zum Ziel gesetzt, die Gasbezüge zu diversifizieren und verstärkt auf verschiedene Gaslieferanten zu setzen. Ohne Not klinkt sich Deutschland hier aus. Dabei könnten wir durch den Bau eines Flüssiggasterminals flexibel und damit unabhängig das Gas-Überangebot auf den internationalen Märkten nutzen. Dabei müssen wir gar nicht umweltschädliches Fracking-Gas aus den USA kaufen, sondern könnten Flüssiggas aus Nordafrika oder Katar importieren. Künftig könnte man die Terminals dann auch für Gas nutzen, das aus Offshore-Windenergie gewonnen wird. Und nebenbei würde der Schiffsverkehr von dem Bau eines solchen Terminals profitieren.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

Ganz anders als Kemfert sieht ZDF-Korrespondent Andreas Kynast die Pipeline. Baut Nord Stream 2 fertig!, fordert er in seinem Kommentar.

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