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Klimawandel bedroht Lebensweise - Wie ein Massai seinem Volk neue Wege aufzeigt

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Der Klimawandel verändert das Leben der Massai in Süd-Kenia, Dürren bedrohen ihr Vieh. Saitoti Kaloi startete ein Projekt, das vor allem Frauen neue Einkommensquellen verschafft.

Saitoti Kaloi
Saitoti Kaloi: Er verließ als Erster sein Dorf, um zu studieren. Mit seinem Sozialunternehmen Maasai Duka hilft er Frauen, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften.
Quelle: maasaiduka.org

heute.de: Saitoti Kaloi, Sie gehören einem der ältesten Stämme Afrikas an, den Massai. Was macht das Leben der Massai besonders?

Saitoti Kaloi: Die meisten Massai leben im Süden Kenias und in Tansania. Dort lebten sie lange im Einklang mit der Natur als Halbnomaden - manche von ihnen bis heute. Auch meine Familie zog über Generationen mit dem Vieh von Ort zu Ort. Mein Vater wusste immer genau, wo es zu welcher Zeit Wasser und Nahrung gab. Doch das hat sich mit dem Klimawandel geändert.

heute.de: Wann wurde der Klimawandel für die Massai spürbar?

Kaloi: Ich erinnere mich daran, dass mein Vater bis heute über das Jahr 1984 spricht, in dem es in Ostafrika eine schlimme Dürre gab. Damals weinten die Kinder, weil sie so hungrig waren. Vielleicht war das nur ein extremes Jahr, vielleicht war es aber auch der Beginn des Klimawandels. In den vergangenen 10 bis 15 Jahren haben die Dürren spürbar zugenommen. Sie werden länger und der Regen bleibt oft aus.

Massai Ole Musukut mit seiner Viehherde am Rande der Masai Mara
Dürren in Kenia haben zugenommen und bedrohen die Herden der Massai. Immer mehr geben das Leben als Halbnomaden auf.
Quelle: ZDF

Der Regen kommt unvorhersehbar und wenn er kommt, ist er meist extrem. Diese Ungewissheit macht es unmöglich, die Kühe und Schafe zu ernähren. In einem Jahr starben sechs Kühe, im folgenden Jahr waren es wieder sechs. Es war hart für meine Familie, dieses Leben aufzugeben und sesshaft zu werden. Aber wir hatten keine Wahl. Der Klimawandel macht es schwierig, die Kühe und Schafe zu ernähren - und damit auch genug Nahrung für uns zu haben.

heute.de: Ihre drei älteren Schwestern sind nicht zur Schule gegangen, Sie waren der Erste. Warum?

Kaloi: Es gehört nicht zu dem traditionellen Leben der Massai, dass Kinder in die Schule gehen. Die Frauen holen Wasser und kümmern sich um das Essen. Die Männer führen die Herden. Das ist unsere Kultur. Aber als meine Familie sich in dem Dorf Suswa Valley niederließ, hatten wir nicht genug zu essen. In der Schule gab es ein kostenloses Mittagessen, finanziert von einem Programm der Vereinten Nationen.

Also schickte meine Mutter mich und später meine sieben jüngeren Geschwister in die Schule. Wenn dein rechter Arm lang genug ist, um dein linkes Ohr zu berühren, wirst du eingeschult - ein verrücktes System. Die Schule war sieben Kilometer entfernt. Ich hatte keine Schuhe, aber der Weg fühlte sich nicht weit an. Früher zeigte mein Vater auf einen weit entfernten Berg und sagte: 'Komm, da gehen wir heute hin.' Das Laufen gehörte zu meinem Leben.

heute.de: Später bekamen Sie ein Stipendium vom Staat und studierten zunächst Wirtschaft in Narok, Kenia, und später Computerwissenschaften an einer Online-Universität. Wussten Sie damals schon, dass Sie Sozialunternehmer werden wollen?

Kaloi: Nicht so richtig. Ich war der Erste in der Gemeinde, der das Dorf verlassen hat, um zur Highschool zu gehen und zu studieren. Mein Dorf war stolz auf mich. Sie jubelten, wenn ich in den Ferien nach Hause kam. Aber das Studium war teuer. Der Staat übernahm nur 65 Prozent der Kosten und entschied auch darüber, welchen Studienplatz ich bekam. Um den restlichen Teil meines Studiums zu bezahlen, kamen die Frauen in meiner Gemeinde zusammen und sammelten Geld für mich. Sie haben auf viel verzichtet, damit ich studieren kann. Sie glaubten daran, dass ich derjenige aus dem Dorf sein kann, der ihnen hilft. 

heute.de: Glaubten Sie selbst auch daran?

Karte von Kenia mit der Hauptstadt Nairobi
Quelle: ZDF

Kaloi: Anfangs hatte ich keine Idee, wie ich ihnen helfen könnte. Immer wenn ich zurück nach Hause kam, hatte ich ein komisches Gefühl im Magen. In der Highschool konnten wir essen, wann und was wir wollten. Zu Hause gab es kaum etwas. Meine Mutter schlief auf einem Kuhfell auf dem Boden. Damals sagte ich ihr: 'Wir müssen etwas tun.' Aber ich wusste nicht, was ich da eigentlich sagte. Eines Tages kam mir dann die Idee von Maasai Duka. Wir starteten das Projekt mit sieben Frauen - heute sind es mehr als 600 in 17 Dörfern.  

heute.de: Sie waren erst 18 Jahre alt, als Sie das Sozialunternehmen Maasai Duka gründeten. Was ist die Idee dahinter?

Massaikrieger im Sonnenuntergang
"Massai sind mutige, aber auch stolze Menschen."
Quelle: getty images

Kaloi: Viele Massai-Frauen verbringen die meiste Zeit ihres Tages damit, Wasser und Feuerholz zu beschaffen. Das wollen wir ändern. Wir wollen vor allem Frauen unterstützen, die als Künstlerinnen oder Handwerkerinnen arbeiten oder arbeiten wollen. Eine bezahlte Arbeit gibt ihnen Selbstvertrauen und stärkt ihre Rolle in der Gemeinschaft. Die Frauen sagen uns, mit welchen Materialien sie arbeiten wollen, wir kümmern uns darum, hochwertige Materialien zu beschaffen, und unterstützen sie bei der Aus- und Weiterbildung. Und das Wichtigste: Wir vermarkten ihre Produkte, vor allem in den USA, aber auch nach Europa wollen wir bald exportieren.

heute.de: Was war die größte Herausforderung?

Kaloi: Die Männer zu überzeugen. Massai sind mutige, aber auch stolze Menschen. Traditionen und Kultur radikal zu verändern, ist nicht einfach. Viele Männer glaubten, die Frauen gehören ihnen, und sie hatten Angst, dass die Frauen ihnen die Rolle als Familienoberhäupter wegnehmen, wenn sie arbeiten und Geld verdienen.

heute.de: Wie finanzieren Sie Ihr Projekt?

Junge Massai-Krieger
Junge Massai-Krieger (Archivbild)
Quelle: dpa

Kaloi: Das war anfangs sehr schwierig. Ich musste viele Klinken putzen, klapperte zahlreiche, meist US-amerikanische Entwicklungsorganisationen ab. Viele unterstützten Ernährungsprogramme, aber das ist ein kaputtes System. Hilfe von außen macht die Familien abhängig. Unsere Idee war unkonventionell, aber nachhaltiger. Wir orientieren uns an den Werten der Massai und beziehen sie mit ein. Wir fragen: Was braucht ihr? Was macht euer Leben besser? Nur das ist nachhaltige Hilfestellung. Vertrauen spielt in unserer Kultur eine große Rolle und damit auch für unsere Arbeit. Wir haben keine Verträge, unsere Zusammenarbeit basiert komplett auf Vertrauen.

heute.de: Was haben Sie für die Zukunft geplant?

Kaloi: Ich habe viele Ideen. Aber zuerst einmal will ich Maasai Duka ausweiten. Wir wollen in den kommenden Jahren mit 2.000 Frauen zusammenarbeiten. Ich will außerdem die Logistik und Vermarktung verbessern. Ich bin in Gesprächen mit Alibaba [chinesische Handelsplattform] und den Vereinten Nationen. Sie könnten uns helfen, die Produkte zu exportieren und zu verkaufen.

Das Interview führte Jana Sepehr.

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