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Klimawandel in Kenia - Schwarzes Gold, verbrannte Erde

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In Turkana, Kenia, begegnen sich die Ursachen und Folgen des Klimawandels. Viehzucht und Ölförderung stehen sich hier gegenüber. Und doch bleiben die Menschen arm.

Die Dorfversammlung findet im kühlen Schatten eines Baumes statt.
Die Dorfversammlung findet im kühlen Schatten eines Baumes statt.
Quelle: ZDF/Tim Kröger

In Turkana County, einer Region im Nordosten Kenias, zeigen sich die Probleme unserer Zeit wie unter einem Brennglas. Seit zwei Monaten fördert die Tullow Oil Company mit Firmensitz in London dort Öl. Inzwischen sind die ersten Schiffe mit Ölexporten an Bord ausgelaufen. Das Öl nutzen und von dem Öl profitieren werden andere - außerhalb Afrikas. Die Probleme des Klimawandels sind jedoch jetzt schon real für die Menschen in Turkana. In Zeiten der Dürre ist Wasser ein begehrtes Gut.

Die Bevölkerung von Turkana-County, größtenteils Angehörige des gleichnamigen Volkes, ist binnen sechs Jahren von geschätzt 855.000 im Jahr 2009 auf 1,25 Millionen Menschen im Jahr 2015 gewachsen. Gleichzeitig zählt die Region, gemessen an Einkommen und Infrastruktur, zum ärmsten Teil Kenias.

Karte von Kenia mit Turkana County
Quelle: ZDF

Traditionell leben viele Menschen in der Region als Wanderhirten - sie treiben ihre Herden von Weideland zu Weideland. Doch nun kommt der Klimawandel in der Region an. Das Leben, das die Turkana über Jahrhunderte geführt haben, wird schwieriger, irgendwann vielleicht sogar unmöglich. Und die Menschen vor Ort spüren den Wandel: "Als ich jung war, konnten wir vorhersagen, wann der Regen kommen würde - wir wussten, dass er nach sechs Monaten fallen würde. Als ich Tiere hatte, hatten wir genug zu essen", sagt Lucas Lotieng dem Portal "The New Humanitarian". Die Trockenheit in den letzten Jahren hat fast seine ganze Herde hinweggerafft.

Klimaerwärmung in Turkana deutlich über Durchschnitt

Schlechte Infrastruktur, weitgehende Unsichtbarkeit in den Institutionen des Landes und die überwiegend traditionelle Lebensweise machen die Turkana besonders anfällig für die Konsequenzen des Klimawandels. Doch das Klima wartet nicht darauf, dass die Politik Lösungen findet.

Peter Ikaru hat angefangen, Holzkohle zu produzieren, um seine Familie zu ernähren: "Ich denke, die Zukunft wird sehr hart werden - die Dürre ist ziemlich schlimm, und es werden mehr wie diese kommen", sagt er dem Portal "The New Humanitarian", das eine umfangreiche Dokumentation über die vom Klimawandel betroffene Landbevölkerung angelegt hat. Ikaru glaubt nicht, dass seine Kinder und Enkel noch von der Viehzucht leben werden. "In 100 Jahren wird hier nicht mehr sein als Dürre und Hunger."

Dass das Klima sich bereits gewandelt hat und die Lebensbedingungen widriger geworden sind, machen auch die Statistiken deutlich: Die Klimadaten für Turkana County zeigen, dass die Temperaturen in den vergangenen 50 Jahren im Schnitt um zwei bis drei Grad Celsius gestiegen sind. Zum Vergleich: Im letzten Jahrhundert hat sich das Weltklima um 0,8 Grad Celsius erwärmt. Außerdem macht die größere Trockenheit den Menschen zu schaffen: Die Regenphasen sind kürzer geworden, die jährlichen Niederschläge weniger und große Dürren häufiger. Fehlen Weidegrund und Wasser, verendet das Vieh und damit die Lebensgrundlage.

Alte, Kinder und Frauen bekommen Benachteiligung als erste zu spüren

Doch mit dem Vieh stirbt für die Turkana weit mehr: "In einer pastoralen Gemeinschaft ist Vieh die Quelle von Essen, Stolz, Prestige, Wohlstand und Status", beschreibt Blogger Stephen Muntet seine eigene kulturelle Identität gegenüber dem Magazin der Non-Profit-Organisation Cultural Survival. "Wenn eines Tages das Vieh gestorben ist, gehen auch Würde, Stolz, Prestige und Wohlstand, der unsere Gemeinschaften erhält, verloren. Ohne Vieh werden aus Hirten Flüchtlinge im Land ihrer Vorfahren."

Die Frauen der Gemeinschaft, mit typischem Halsschmuck, der den sozialen Status zeigt.
Turkana-Frauen mit typischem Halsschmuck, der den sozialen Status zeigt.
Quelle: ZDF/Tim Kröger

Die Bedrohungen, die der Klimawandel birgt - Hunger, Durst und Krankheiten - bekommen zunächst die Schwächsten der Gesellschaft zu spüren: Alte, Frauen und Kinder. Hinzu könnten soziale Konflikte und Gewalt kommen - davor warnt das United States Institute of Peace.

Klimawandel als Risikomultiplikator

Der Migrations- und Konfliktforscher Janpeter Schilling, Wissenschaftlicher Leiter der Friedensakademie Rheinland-Pfalz, nennt den Klimawandel einen "Risiko-Multiplikator": "Durch den Klimawandel verstärkte Dürren und daraus resultierende Verteilungskämpfe um knapper werdende Ressourcen verstärken Konflikte." Er glaubt aber nicht, dass der Klimawandel alleiniger Auslöser von Konflikten sein werde.

Schilling appelliert an die Politik, die nomadische Lebensweise der Turkana und anderer Gruppen in Kenia zu akzeptieren und zu fördern. Auch aktives Konfliktmanagement vor Ort sei nötig. "Solche Maßnahmen würden auch die Anpassungsfähigkeit der Turkana an den Klimawandel begünstigen", sagt er. Ein erster Schritt in diese Richtung ist mit einem am 12. September unterzeichneten Vertrag zwischen Kenia und Uganda gemacht worden. Dieser soll alte Grenzkonflikte zwischen beiden Staaten im Osten Kenias lösen helfen.

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Beitragslänge:
12 min
Datum:

Die Öl-Industrie bringt neue Konflikte

Andere Lösungsansätze wie neue Erwerbsformen sind ebenfalls schwierig umzusetzen. Dafür müssen traditionelle Formen des Gemeinlebens verworfen werden. Außerdem ist es ohne Kapital und ohne Bildung nicht leicht, ein Geschäft aufzubauen, und Jobs gibt es kaum.

Tullow Oil, so hofften einige, würde Arbeit, Wasser und Bildung bringen. Bislang ist eher das Gegenteil der Fall. Schließlich braucht es Unmengen an Wasser, um Öl zu fördern. Und in Zeiten der Dürre ist Wasser ein begehrtes Gut. Auch die stärkere Präsenz von Sicherheitskräften durch die Öl-Industrie und Gebietsumverteilungen für die Öl-Förderung lösen Konflikte aus.

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