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Kind vergewaltigt und verkauft - Pädophilie-Prozess: Urteil erwartet

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Seit zwei Monaten stehen Berrin T. und ihr Ex-Freund Christian L. in Freiburg vor Gericht. Sie sollen den Sohn der Frau Pädophilen angeboten haben. Heute wird das Urteil erwartet.

Die Angeklagten Christian L. und Berrin T. (hinten rechts)
Die Angeklagten Christian L. und Berrin T. (hinten rechts)
Quelle: epa

Es ist ein Prozess, der Richter, Staats- und Rechtsanwälte an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht hat: Wie kann es sein, dass eine Mutter ihre eigenes Kind missbraucht? Schlimmer noch: Wie können sie und ihr Freund den Jungen zum Sex verkaufen wie eine Ware, ohne Skrupel, ohne Tabus?

Minutiös wurden vor Gericht die Taten der beiden geschildert. Die Mutter, die ihren Sohn (nennen wir ihn Marc) auf die Vergewaltigungen vorbereitete. Der Lebensgefährte, der ihn feilbot, Treffpunkte und Uhrzeiten mit den Freiern verabredete. Der Junge, der sich wehrte, doch gegen die Kraft der pädophilen Männer keine Chance hatte und am Ende resignierte, weil er nirgends Schutz und Hilfe fand. 

Nie erkundigt sich die Mutter nach ihrem Kind

Als Berrin T. am 11. Juni zum ersten Mal vor Gericht erscheint, würdigen sie und ihr Ex-Lebensgefährte sich keines Blickes. Den Kopf gesenkt, die Haare ungepflegt, scheinbar unbeteiligt nimmt sie die Anklageschrift zur Kenntnis. Sie entstamme einem "sozial schwierigen Milieu", attestiert ihr der psychiatrische Gutachter später. Beide Eltern waren früh gestorben, kurz nach der Geburt von Marc starb dessen Vater an einer Überdosis. Seit 1994 lebt Berrin T. ausschließlich von staatlichen Sozialleistungen.

Gutachter Hartmut Pleines zeichnet das Bild einer Frau mit einem "mangelnden Normengerüst".  Sie habe die – wie der Psychiater sagt – "besondere Konstellation der Beziehung" akzeptiert, um die Beziehung überhaupt zu erhalten. Ein Test diagnostiziert bei ihr einen Intelligenzquotienten von 67, aber sie sei durchaus "eine Frau, die sich zu behaupten weiß", so Pleines. Die Bedürfnisse anderer Menschen aber seien ihr fremd. Nie habe sie bei ihrer Begutachtung nach ihrem Kind gefragt. Nicht, wie es ihm gehe, nicht, wo der Junge jetzt lebe. Stattdessen galt ihr erstes Interesse dem Tabak, für den sie nun im Gefängnis kein Geld habe.

Fünf Monate nach Bekanntwerden des jahrelangen Missbrauchs eines Kindes in Staufen bei Freiburg müssen sich die beiden Hauptbeschuldigten vor Gericht verantworten.

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Haupttäter hat ein hohes Rückfallrisiko

Und Christian L.? Ihm bescheinigt der Gutachter "Pädophilie mit aggressiven, sadistischen Nebenströmungen". Schon einmal hatte er über vier Jahre im Gefängnis gesessen, weil er sich an einem 13-jährigen Mädchen vergangen hatte. Als er kurz nach seiner Entlassung Berrin T. bei der Tafel in Staufen kennenlernt, lässt er auch ihr gegenüber keinen Zweifel an seinen Neigungen. Im Gegenteil: Per WhatsApp fordert er sie dazu auf, ihm "das Mädchen zu besorgen". "Das Mädchen" - das ist ein dreijähriges Kind aus der Staufener Nachbarschaft, sie hat Entwicklungsverzögerungen, spricht nicht gut. Berrin T., die gelegentlich auf das Kind aufpasst, schreibt ihrem Geliebten per WhatsApp: "Das bist halt du, ich hab' dich lieb mit all Deinen Fehlern und will dich auch gar nicht anders haben." Und so akzeptiert sie auch später den Missbrauch ihres eigenen Kindes, beteiligt sich sogar an ihm.

Der psychiatrische Gutachter bescheinigt Christian L. ein sehr hohes Rückfallrisiko. Der 39-Jährige habe ein aggressives Sexualinteresse, die schon abgesessene Haftstrafe habe ihn nicht beeindruckt, Therapien seien wirkungslos geblieben. Das alles spreche für eine Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Als Zeuge gibt sich Christian L. selbstbewusst

Dass Christian L. auch selbst von einer Sicherungsverwahrung ausgeht, macht er Ende Juni als Zeuge im Prozess gegen einen der pädophilen Täter deutlich. Offen spricht er vor dem Landgericht Karlsruhe bei der Vernehmung über seine "Verhandlungen" mit den Vergewaltigern. Über Preise, Treffpunkte und Uhrzeiten, nennt Marc dann "meinen Jungen".

Für seine Zeugenaussagen gegen alle bisher aufgespürten Täter gäbe es "keine Vereinbarung zur Linderung des Strafmaßes", beteuert der 39-Jährige. Er wolle nur helfen aufzuklären. Seine Wortwahl ist gewandt, die Aussagen präzise, doch emotionslos. Es passt ins Bild, dass der Psychiater von einer Selbstdarstellung mit "manipulativen Zügen" spricht.

Wieso hat niemand dem Jungen geholfen?

Heute nun geht der Prozess gegen die Mutter und ihren Lebensgefährten zu Ende. Fragen aber werden bleiben: Wie konnte es dazu kommen, dass niemand den Jungen beschützte? Dass das Jugendamt – obwohl sich die Schule an es wandte – nichts unternahm? Dass die Familienrichterin die kurzfristige Inobhutnahme von Marc durch das Jugendamt beendete und ihn zurück in die Familie schickte? Dass der Therapeut, dessen Besuch Christian L. zur Auflage nach der ersten Haft gemacht wurde, Stunden, die nie stattgefunden hatten, abrechnete? Und der gleiche Therapeut ein Attest ausstellte, das "keine Anzeichen aus den Gesprächen sah, dass Christian L. ein sexuelles Interesse an Jungen habe"?

Sie weigere sich, dies alles mit Kommunikationsfehlern zu entschuldigen, hatte die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen zu Beginn des Prozesses in einem ZDF-Interview gesagt. Für den Jungen kommt die Aufarbeitung in jedem Fall zu spät. Er lebt inzwischen in einer Pflegefamilie. Über das Geschehene will er kaum reden, das bereitet den Menschen, die ihn betreuen, Sorgen. Eine Polizistin, die als Zeugin vor Gericht aussagte, spricht davon, dass Marc noch ein, zwei Jahre brauche, bevor eine Therapie auch nur ansatzweise beginnen könne. Er sei derzeit damit beschäftigt, "in seinem neuen Leben anzukommen".

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