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Kinder- und Jugendärztetag - Immer mehr chronisch kranke Kinder in Deutschland

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Kinder- und Jugendärzte schlagen Alarm: 11,4 Prozent aller Mädchen und 16 Prozent aller Jungen unter 17 Jahren sind chronisch erkrankt – Tendenz steigend. Am häufigsten sind Diabetes, Nahrungsmittelallergien und Erkrankungen der Schilddrüse – aber auch psychische Störungen.

Der Bundestag hat über den 15. Kinder- und Jugendbericht beraten. Er soll ein aktuelles Bild der Lebenslagen und des Alltags Jugendlicher und junger Erwachsener geben. Kinder- und Jugendärzte berichten derweil von immer mehr chronisch kranken Kindern.

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Viel mehr als ein schmaler Bauchgürtel ist es nicht, den der neunjährige Enis aus Berlin mit sich herumträgt - auf den ersten Blick. Denn die kleine Insulinpumpe darin reguliert stündlich Enis Blutzuckerspiegel. Er ist seit seinem vierten Lebensjahr an Diabetes Typ I erkrankt. Die Krankheit kam bei ihm plötzlich und ohne ersichtliche Ursache. Er hat gelernt damit zu leben.

Gründe für den Anstieg: Ernährung und mangelnde Bewegung

So wie Enis geht es mittlerweile vielen Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Wie ein Bericht des Robert Koch-Instituts zeigt, kommen mittlerweile jeder vierte Jugendliche und jedes sechste Kind wegen einer chronischen Erkrankung zum Kinderarzt, Tendenz steigend. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte schlägt nun Alarm. 11,4 Prozent aller Mädchen und 16 Prozent aller Jungen unter 17 Jahren sind mittlerweile betroffen.

Neben Schilddrüsenerkrankungen und psychischen Störungen sind es vor allem Allergien, Fettleibigkeit und eben Diabetes, die die Ärzte immer häufiger diagnostizieren. "Ein Grund für den Anstieg ist natürlich auch die Ernährung, also die Art, wie wir Nahrung zu uns nehmen und wie sie behandelt wird", weiß Kinderarzt Jakob Maske, der auch Enis betreut. "Es liegt aber auch an der Umwelt und an der mangelnden Bewegung." Für Enis‘ Diabetes-Erkrankung dagegen lässt sich keine bestimmte Ursache ausmachen.

"Wir leben zu sauber"

Prof. Klaus-Michael Keller ist Chefarzt an der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden und Leiter des 47. Kinder- und Jugendärztetages, der am Freitag in Berlin beginnt und sich dem Thema der chronischen Erkrankungen bei Jugendlichen widmet. Seine Studien zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen der Dichte von Fastfood-Restaurants in einer bestimmten Region und Kindern, die an Übergewicht und Fettleibigkeit leiden.

Neben verbesserten Diagnosemethoden und einem grundsätzlich höheren Bewusstsein der Eltern macht er noch zwei ganz andere Phänomene für den Anstieg chronischer Erkrankungen verantwortlich: Extrem unreife Frühgeborene hätten heute Dank des medizinischen Fortschritts zwar bessere Überlebenschancen, seien aber auch stärker gefährdet, später chronisch zu erkranken. Hinzu käme, dass Kinder heute immer weniger den für sie eigentlichen guten Keimen der Umwelt ausgesetzt seien: "Wir leben zu sauber." Das zeige sich auch in aus seiner Sicht so absurden Entwicklungen wie dem "Wunschkaiserschnitt", der bei vielen Geburten Anwendung fände, oder dem Verzicht aufs Stillen, wodurch dem Säugling wichtige mütterliche Keime entgingen.

Etwa 2.000 Kinderärzte fehlen

Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, sieht Nachholbedarf auf Seiten der Politik. Zum einen fordert er bessere Weiterbildungsmöglichkeiten für Kinderärzte. Zum anderen entspräche die derzeitige Bedarfsplanung für Kinderärzte bei weitem nicht dem tatsächlichen Bedarf. Viele seiner gut 6.000 niedergelassen Kollegen gingen bald in Rente, Nachwuchs sei vor allem in strukturschwachen Regionen dringend gesucht. "Wir haben ungefähr ein Drittel zu wenig niedergelassene Jugendärzte", rechnet Fischbach vor. Knapp 2.000 Ärzte also fehlen, die Kindern wie Enis das Leben durch bessere Betreuung einfacher machen könnten.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Text im Nachhinein verändert. So ist klargestellt, dass Diabetes Typ I nicht durch falsche Ernährung oder mangelnde Bewegung entstehen kann.

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