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Kinderarmut - "Fürsorgearbeit muss sichtbar gemacht werden"

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Unter dem Motto "Es reicht für uns alle" wurde am Samstag gegen Kinderarmut demonstriert. Vor allem braucht es mehr Anerkennung der Fürsorgearbeit, sagt Mitorganisatorin Funke.

Für die meisten Alleinerziehenden ist es ein ständiger Kampf: Das Geld reicht vorne und hinten nicht, ein Vollzeitjob wegen der Kinderbetreuung oft unmöglich. Für mehr Unterstützung vom Staat haben hunderte Alleinerziehende in Berlin demonstriert.

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heute.de: Am Samstag, also einen Tag vor dem Muttertag, findet unter dem Motto "Es reicht für uns alle" eine Familiendemo zum Thema Kinderarmut statt. Warum reicht es den Müttern?

Claire Funke: Es wird davon ausgegangen, dass Eltern für ihre Kinder sorgen. Jedoch braucht man in Deutschland 1,5 Gehälter um nicht arm zu sein, wenn man Kinder hat. Alleinerziehende können das nicht leisten. Die Forderung, dass Eltern selbst für ihre Kinder sorgen müssen, ist heute also nicht mehr so umsetzbar wie früher, als es das Alleinernährermodell gab, bei dem man mit einem Gehalt eine Familie mit zwei Kindern ernähren konnte. Hinzu kommt die private, unbezahlte Care-Arbeit. In unserer Gesellschaft ist nicht abgebildet, dass wir die Zeit, die wir für Fürsorgearbeit aufwenden, nicht für Erwerbsarbeit zur Verfügung haben. Die zwei Hauptforderungen unserer Demonstration sind also die Bekämpfung von Kinderarmut und die damit einhergehende Bekämpfung von Armut durch Fürsorgearbeit - zum Beispiel durch eine Kindergrundsicherung oder die Forderung nach einem Fürsorgegehalt: Fürsorge-Arbeit muss sichtbar werden.

Am Samstag wollen sich in Berlin Familien und Alleinerziehende Eltern versammeln, um unter dem Motto "Es reicht für uns alle" gegen Kinderarmut zu demonstrieren.

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heute.de: Was kann man unter dem Begriff Fürsorgearbeit, auch Care-Arbeit genannt, verstehen?

Funke: Man kann dies in zwei Bereiche aufteilen: Die bezahlte, öffentliche Care-Arbeit in Institutionen, also Lehre, Beratung, Pflege, Erziehen. Dann gibt es aber auch den Bereich der privaten, unbezahlten Care-Arbeit in der Familie: Die Pflege von Angehörigen, Haushaltsarbeiten, Betreuungsarbeiten. Diese Fürsorgearbeit ist nicht finanziell abgesichert, obwohl es Arbeit ist. Angehörige sind aber auf Fürsorge angewiesen. Wenn ich meinen Kindern nichts zu Essen mache, dann verhungern sie. Dadurch, dass politisch gesagt wird, dies sei Privatsache, wird die Arbeit unsichtbar gemacht. Wenn dann gesagt wird, die Frau habe nicht gearbeitet, dann stimmt das so nicht. Sie war nicht erwerbstätig - aber sie hat gearbeitet.

heute.de: Welche zusätzlichen Belastungen haben insbesondere alleinerziehende Frauen? Was resultiert daraus für die Kinder?

Funke: Alleinerziehende müssen zusätzlich Geld aufbringen, um für die Kinderbetreuung zu bezahlen, während sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Sie haben diese 1,5 Gehälter nicht - das fällt natürlich auf die Kinder zurück. Zudem sind überwiegende Anzahl der Alleinerziehenden Frauen, von denen 50% überhaupt keinen Unterhalt und 25 Prozent nur unregelmäßig Unterhalt für ihre Kinder bekommen. Insbesondere alleinerziehende Frauen müssen also erwerbstätig sein und Fürsorgearbeit leisten - und sind damit doppelt belastet. 80 Prozent der privaten und öffentlichen Care-Arbeit wird von Frauen erledigt. Pflegeberufe, in denen typischerweise viele Frauen arbeiten, werden zudem sehr schlecht bezahlt. Zusammen resultieren diese Faktoren in einer zunehmenden Armut bei alleinerziehenden Frauen und ihren Kindern.

heute.de: Wie könnte politisch dagegen gesteuert werden?

Funke: Private Fürsorgearbeit muss sichtbar gemacht und als Arbeit anerkannt werden. Aber sie muss auch abgesichert werden, zum Beispiel indem man eine Kindergrundsicherung einführt. Diese Forderungen gibt es auch von Seiten des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter, des Paritätischen oder des Kinderschutzbundes. Dennoch bleibt die Politik bei ihrem Standpunkt, dass Eltern diese Leistungen privat erbringen müssen. Zudem könnte man das heutige Steuermodell verändern. Derzeit wird die Ehe steuerlich begünstigt, nicht jedoch Kinder zu haben - obwohl viele Kinder in Beziehungen aufwachsen, in denen die Eltern nicht verheiratet sind. Die Forderungen sind also eine Kindergrundsicherung, die steuerliche Entlastung und die Absicherung sowie Anerkennung der privaten Fürsorgearbeit.

Das Interview führte Sarah Ulrich

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