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Kippa-Solidaritätsaktion - "Antisemitismus ist eine Erkrankung der Gesellschaft"

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Heute sind alle Menschen aufgerufen, Kippa zu tragen - aus Solidarität mit den Juden. Zwei jüdische Männer geben Einblick in ihren Alltag. Der eine trägt Kippa, der andere nicht.

Mann mit Kippa (Symbolbild)
Mann mit Kippa (Symbolbild)
Quelle: AP

Ein Stück Stoff erregt die Gemüter. Auch bei Alfred Bodenheimer, Professor für jüdische Religionsgeschichte an der Universität Basel. Seine Familie lebt in Israel, er pendelt zwischen Jerusalem und der Schweiz. Als religiöser Jude trägt Alfred Bodenheimer eine Kippa - manchmal verdeckt er diese aber mit einer Mütze.

"Habe mich übel gefühlt"

"Meine Frau verlangt von mir schon länger, dass ich in Deutschland eine Mütze tragen soll", erzählt Bodenheimer. "Ich tue das aber nicht konsequent. Ich bin auch oft mit der Kippa unterwegs." Bei einer Exkursion in Paris letztes Jahr trug er zunächst eine Mütze. Doch "nach zwei Tagen habe ich mich wegen des Versteckspiels so übel gefühlt, dass ich wieder mit der Kippa unterwegs war", berichtet der Professor.

Als Religionshistoriker hat Bodenheimer die großen Linien der jüdischen Geschichte im Blick. Er befürchtet, "dass die Juden Europas wieder zu Marranen werden". Marranen waren spanische Juden, die aufgrund von Verfolgung konvertierten oder ihr Jüdischsein nach außen hin ablegten. Das Judentum spielt dann allenfalls in den eigenen vier Wänden noch eine Rolle. Für Bodenheimer wäre der Rückzug ins Private fatal.

"Antisemitismus erfordert entsprechende Schutzmaßnahmen"

Und doch hat der Professor Verständnis für Funktionäre, die vor dem Tragen einer Kippa warnen. Und er versteht Juden, die sich im Alltag situativ verhalten. "Es ist niemandem gedient, wenn man zum Krüppel geschlagen wird, weil man sich oder der Welt beweisen wollte, dass Judentum keinen objektiven Grund darstellt, sich zu verstecken."

Terry Swartzberg ist Autor, Journalist, Aktivist und bekennender Jude. Seit 40 Jahren lebt der gebürtige Amerikaner in München. Immer und überall trägt er eine Kippa, die Kopfbedeckung männlicher Juden.

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Zum Vergleich wählt Bodenheimer ein gesundheitspolitisches Szenario: Er würde sich auch nicht weigern, in einer Stadt mit Mundschutz rumzulaufen, wenn dort ein gefährlicher Virus umherginge. "Der Antisemitismus ist eine Erkrankung der Gesellschaft und erfordert entsprechende Schutzmaßnahmen", sagt Bodenheimer.

Geschmacklose Witze sind Alltag

Ruben Gerczikow
Ruben Gerczikow trägt im Alltag keine Kippa.
Quelle: privat

Häufige antisemitische Anfeindungen liegen bei Ruben Gerczikow bereits ein paar Jahre zurück. Heute ist er 22 Jahre alt. Er studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien und ist Vorstandsmitglied der Jüdischen Studierendenunion Deutschland. Gerczikow ist in Frankfurt am Main aufgewachsen und war zu Schulzeiten regelmäßig mit Antisemitismus konfrontiert. "Ich musste mir ständig geschmacklose Witze über die Shoah und Adolf Hitler anhören", berichtet Gerczikow. Die Mobber hätten sogar ein Codewort erfunden, das sinngemäß "Scheiß Jude" bedeutete.

Dramatisch hat Gerczikow ein Tischtennis-Spiel in Erinnerung. In der Schule spielten sie Rundlauf: Alle rennen um die Tischtennis-Platte. "Ich habe einen Mitschüler rausgeschlagen. Der hatte dann eine Kurzschlussreaktion. Er hat mich wüst beschimpft und versucht, meinen Tischtennis-Schläger zu entreißen, kaputt zu machen und mich damit zu schlagen." Der Mitschüler habe "eindeutig antisemitisch motiviert" gehandelt, berichtet Gerczikow: "Er hat mich auf meine Religion reduziert und mich beleidigt."

"Keine Konsequenzen für den Mitschüler"

Die Schule sei mit dem Problem Antisemitismus überfordert gewesen. "Wir mussten beide zum Direktor, aber am Ende ist nichts passiert." Auch bei geschmacklosen Shoah-Witzen sei es "bei einer mündlichen Ermahnung" geblieben. "Es gab keine Konsequenzen für die Mitschüler, die mich gemobbt haben", bedauert Gerczikow.

Auch als Fußball-Spieler im jüdischen Sportverein Makkabi sei er offenem Antisemitismus begegnet. Als ein türkischstämmiger Spieler etwas Antijüdisches von sich gab, soll der ebenfalls türkischstämmige Schiedsrichter gesagt haben: "Sag‘ das nicht zu laut, sonst muss ich dich verwarnen." Für Gerczikow wirkt so ein Statement wie ein Schlag ins Gesicht: "So toleriert man Antisemitismus. Die Gesellschaft sollte hart durchgreifen."

Davidstern-Kette statt Kippa

Gerczikow hat sich entschieden, im Alltag keine Kippa zu tragen. Allerdings nicht wegen Sicherheitsbedenken, sondern weil er kein orthodoxer Jude ist. In der Synagoge oder auf dem jüdischen Friedhof trägt er aber eine Kippa. Trotzdem ist sein Jüdischsein im Alltag erkennbar: Um seinen Hals baumelt eine Kette mit einem Davidstern. Der "sei relativ offen zu sehen, ich verstecke ihn nicht".

Gerczikow hat oft das Gefühl, dass Menschen den Davidstern bemerkten. Er würde sich wünschen, dass ihn die Leute dann auch darauf ansprechen. "Viele Menschen sind neugierig und würden sich gerne mit mir über das Judentum unterhalten. Aber sie trauen sich nicht." Dabei sei Dialog wichtig, sagt Gerczikow: "Gerade jetzt, wo unsere Gesellschaft so verroht."

Kippa - sichtbares Zeichen jüdischen Glaubens:

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