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"Keine nervige Zusatzarbeit, sondern Chance"

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Digitale Kirche - "Keine nervige Zusatzarbeit, sondern Chance"

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Digitalisierung, auch das noch: Kirchengemeinden mühen sich, wie Parteien und viele andere auch. Dabei könnte die digitale Kirche eine Chance sein, sagt Jonas Bedford-Strohm.

Archiv: Ein iPad mit Abbildung einer historischen Bibel in der Thomaskirche Leipzig am 20.10.2014
Ein iPad mit Abbildung einer historischen Bibel in der Thomaskirche Leipzig
Quelle: imago

heute.de: Kirche tut sich schwer mit dem Schritt ins digitale Zeitalter. Warum?

Jonas Bedford-Strohm: Die Kirchen stehen mit ihrem Zögern nicht alleine da. Die ganze Gesellschaft steht vor der Herausforderung, wie wir Technologie so einsetzen können, dass sie unser Leben wirklich besser macht. Wenn man aus der Gegenwart herauszoomt, ist seit dem Beginn der digitalen Revolution erst ein Wimpernschlag vergangen. Deswegen hatte Angela Merkel auch recht damit, das alles "Neuland" zu nennen. Genau wie Verwaltung, Ministerien, Gewerkschaften, öffentlich-rechtlicher Rundfunk und viele andere Institutionen hat damit auch die Kirche zu kämpfen.

heute.de: Woran liegt das?

Bedford-Strohm: Die Bindungskraft der großen Institutionen nimmt ab - deswegen sind viele in einem Rückzugsgefecht und haben das Gefühl, dass auf die eh schon schwierige Arbeit jetzt auch noch lauter gehypte Digitalaufgaben oben drauf kommen. Entsprechend fühlen sich viele schlicht überfordert. Aber Technologie ist ja gar kein Selbstzweck, sondern das Mittel zu einem Zweck, der nicht in der Technologie selbst liegt. Wenn man digitale Innovation deshalb auch nicht als nervige zusätzliche Arbeit sieht, sondern ganz einfach als Chance, den eigenen Auftrag besser zu erfüllen, dann hilft das beim Priorisieren und ist nicht immer nur "on top". Das heißt aber natürlich, dass einige Aktivitäten eingestellt werden müssen, und das ist für Organisationen nie leicht.

heute.de: Die Evangelische Kirche in Deutschland fördert dieses Jahr mit einer Millionen Euro digitale Projekte. Reicht das?

Bedford-Strohm: Geld alleine löst keine Probleme, aber ohne dieses Geld geht es auch nicht. Um den Menschen digital zur Seite zu stehen, werden die Gemeinden viel Zeit und Geld in die Hand nehmen müssen, um es gut und richtig zu machen. Wenn dabei die Landeskirchen und die EKD die engagierten Gemeinden und Initiativen unterstützen, finde ich das nur folgerichtig. Und viele digitale Präsenzen der Kirchen haben sich ja auch schon im letzten Jahr deutlich verbessert.

heute.de: Was muss denn die einzelne Gemeinde tun?

Technologie wird immer erst dann zum Segen, wenn man sie gestaltet und sich nicht bloß von ihr treiben lässt.
Jonas Befford-Strohm

Bedford-Strohm: Digitale Innovation funktioniert nicht, wenn man nur von den institutionellen Prozessen oder eigenen Sendebedürfnissen her denkt. Deswegen ist es für die Gemeinden wichtig, ihre digitalen Angebote von den Bedürfnissen und Erfahrungen der Menschen her zu entwickeln. Wenn Sinn und Zweck ihrer seelsorgerischen Arbeit insgesamt klar ist, dann lässt sich daraus auch die Strategie für digitale Angebote entwickeln. Technologie wird immer erst dann zum Segen, wenn man sie gestaltet und sich nicht bloß von ihr treiben lässt.

heute.de: Was wäre denn ein gutes digitales Angebot?

Bedford-Strohm: Einsamkeit ist ein großes Problem in Deutschland, insbesondere unter älteren Menschen. Man könnte sich deswegen fragen: Wie können wir einsamen Menschen digital helfen in eine physische Gemeinde zu kommen? Vielleicht über die sorgfältige Pflege der Gemeinde-Infos in Google Maps oder durch eine übersichtliche Webseite, auf der alle Informationen zur Arbeit der Gemeinde auf einen Blick zu erfassen sind. Oder man fragt: Wie können wir einsamen Menschen digital helfen, bei uns lebendige Gemeindeerfahrung zu machen, wenn sie physisch nicht mobil sind? Vielleicht durch Streams und Podcasts von Predigten und Liederabenden. Oder auch durch eine Besuchsgruppe von Freiwilligen, die sich per Messenger koordinieren.

heute.de: Reicht das?

Wir können Probleme zum Teil einfach besser, direkter und hilfreicher lösen als bisher.
Jonas Bedford-Strohm

Bedford-Strohm: Dabei muss es ja nicht bleiben. Es gibt schier unendliche Möglichkeiten für die digitale Gestaltung des kirchlichen Auftrags. Das ist für mich das Spannende an digitaler Innovation. Wenn man aus dem Getriebensein ins wirksame Gestalten kommt, wird deutlich: Wir können Probleme zum Teil einfach besser, direkter und hilfreicher lösen als bisher. Und mit so einem Erfolgserlebnis weicht das Gefühl der Überforderung plötzlich einem Gründergeist, der die Institution insgesamt fit für digitale Kultur macht und eine Aufbruchsstimmung erzeugt, die auch geistlich neuen Schwung bringen kann.

heute.de: Und auch wieder jüngere Menschen in die Kirche bringt? Vielleicht sogar in den Gottesdienst?

Bedford-Strohm: Na klar, warum denn nicht? Einige Jugendformate machen ja schon vor, wie es klappen kann - inklusive der digitalen Dimension. Wenn Jugendliche von sich aus auf dem Weg zum Gottesdienst ein begeistertes Selfie auf Instagram posten und sich ihr kirchliches Engagement ganz bewusst auf die Fahnen schreiben wollen - das wäre ein Indiz dafür, dass es klappt mit der Kombination von analogem und digitalem Gottesdienst. Vieles davon wird anders aussehen als wir es von traditionellen Gottesdienstformen kennen und schätzen. Aber die kulturellen Formen sind sowieso im Wandel, ob wir das wollen oder nicht.

heute.de: Jetzt bekommen die Traditionalisten Angst.

Bedford-Strohm: Das inhaltliche Fundament ist entscheidend. Daran muss sich die Form orientieren. Neben neuen Zielgruppenangeboten ist es für die Kirche deswegen zum Beispiel wichtig auch die generationenübergreifende Begegnung neu herzustellen. Die Mischung macht's.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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