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Gegenprogramm zum Kirchentag - Die "Ketzer" von Dortmund

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Während in der Dortmunder Innenstadt Tausende Menschen den Evangelischenen Kirchentag feiern, gibt es parallel ein Gegenprogramm. Ein Besuch bei den Kirchentagskritikern.

Evangelischer Kirchentag - Kunstfiguren der Kirchentagskritiker in der Dortmunder Innenstadt
Evangelischer Kirchentag - Kunstfiguren der Kirchentagskritiker in der Dortmunder Innenstadt
Quelle: ZDF

Auf dem Weg vom Bahnhof in die Innenstadt strecken sich in Dortmund viele Hände vom Rand in die Mitte, um Flyer an die Vorbeilaufenden zu verteilen. Es sind Flyer, die jede Umweltkatastrophe als in der Bibel vorhergesagt deuten. Die Gelegenheit, solche Theorien zu verbreiten, ist dieses Wochenende günstig, weil hier viele tausend Menschen vorbeikommen, die zum Kirchentag möchten. Mit diesen Flyerinhalten, die sich lesen wie Verschwörungstheorien, haben die angemeldeten Kritiker des Kirchentags nichts zu tun. Sie demonstrieren in der Innenstadt und haben ein eigenes Gegenprogramm zusammengestellt: vier Tage säkulare Alternativ-Veranstaltungen.

Hauptkritikpunkt: Zu viel finanzielle Unterstützung

In der Dortmunder Fußgängerzone stehen Moses und ein nackter Martin Luther – als Pappmaschee-Statuen. Sie gehören zum Informationsstand der Initiative "Religionsfrei im Revier". Die Moses-Figur zeigt die Hauptkritik der Initiative. "11. Gebot: Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen!" Das steht an der Figur. Die Vertreter am Informationsstand hier kritisieren, dass der Kirchentag finanziell vom Staat unterstützt wird.

Mit mehr als 500.000 Euro hat der Bund den Kirchentag in Dortmund in diesem Jahr unterstützt, das Land NRW gab nach Recherchen des WDR 4,5 Millionen Euro dazu. Die Stadt Dortmund gab obendrein 2,8 Millionen Euro. Auf der Website des Kirchentags heißt es: "Ein Kirchentag will immer auch ein Ereignis sein für die Einwohner der Region, in der er zu Gast ist." Das sei einer der Gründe, warum Städte und Bundesländer den Kirchentag finanziell unterstützen.

Kirchentag wird von Verein organisiert

Das Reformationsjubiläum vergangenes Jahr kostete 280 Millionen Euro. Für die Projekte zu diesem Gedenkjahr kamen 35 Millionen Euro aus Bundesmitteln. "Das geht zu weit", findet Maximilian Steinhaus. Er trägt eine Kappe mit dem Schriftzug "Gottlos glücklich" und ist Sprecher einer der Kunstaktionen der Kirchentagsgegnger.

Beim 37. Evangelischen Kirchentag in Dortmund hat Bundespräsident Steinmeier u. a. zum Thema Digitalisierung gesprochen und forderte ethische Richtlinien. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Digitalisierung den Menschen mehr Freiheit bringe.

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Warum wird der Kirchentag nicht alleine von der Evangelischenen Kirche finanziert? Der Kirchentag begründet das damit, dass er ein eigener Verein ist, der 1949 als Evangelischene Laienbewegung gegründet wurde. Er beschreibt sich online als eine "Bewegung, die Menschen vereint, die sich gesellschaftlich engagieren, Verantwortung übernehmen und den christlichen Glauben leben wollen." Für die Veranstaltung in Dortmund gab es in diesem Jahr 5,5 Millionen Euro kirchliche Zuschüsse, das ist etwa ein Drittel der Gesamtkosten.

"Ketzertag" im Kino

Es duftet nach Popcorn. Der sogenannte "Ketzertag", das Gegenprogramm zum Kirchentag, findet in einem gemütlichen Dortmunder Programmkino statt. Rund 70 Zuhörende sitzen in dunkelroten Samtsesseln und gucken auf die Leinwand. "Vertrauen? Zerplatzt" steht da. Deutlich als Gegenmotto zum Kirchentag zu erkennen, das lautet: "Was für ein Vertrauen!".

Auf der Bühne steht Ingrid Matthäus-Maier. Sie war stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD und ist mittlerweile Sprecherin der Kampagne "Gegen Religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz". Bestimmt tritt sie vor der Kinoleinwand auf. "Ich bin so sauer", sagt sie. "Die Kirchenmitglieder nehmen ab, und die finanziellen Staatsleistungen steigen. Das wissen alle und das verdecken sie, indem sie über was ganz anderes reden." Ihr Vortrag richtet sich gegen die Verantwortlichen der Kirchen, die an diesem Wochenende nur wenige Meter entfernt in Dortmund unterwegs sind. "Ich greife aber nicht nur die Kirche an, sondern auch die Politik." Ingrid Matthäus-Maier spricht von schweren Vertrauensbrüchen im Bezug aufs Arbeitsrecht. Kirchliche Arbeitgeber haben in Deutschland nämlich ein eigenes Arbeitsrecht.

Klage wegen religiöser Diskriminierung

Als Beispiel nennt sie einen Chefarzt, der in einem katholischen Krankenhaus in Düsseldorf gekündigt wurde, weil er ein zweites Mal geheiratet hatte. Zehn Jahre lang und durch sieben Instanzen hat er sich gekämpft, bis seine Kündigung im Februar für unrechtmäßig erklärt wurde. Ähnlich kompliziert verlief ein Fall in der Evangelischenen Kirche. Dort wurde eine Bewerberin der Diakonie abgelehnt, weil sie kein Kirchenmitglied war. Die Frau klagte wegen religiöser Diskriminierung. Der Fall ging bis zum Europäischen Gerichtshof, der entschied: eine Glaubensrichtung darf nur Bedingung sein, wenn er für die Tätigkeit notwendig ist.

Die Diakonie verlor wegen dieser Auslegung vorm Bundesarbeitsgericht. Der Fall ist aber nicht abgeschlossen, denn die Diakonie ist kürzlich vor das Bundesverfassungsgericht gezogen. Das macht Ingrid Matthäus-Maier besonders wütend. "Die Kirchen haben freiwillig nie etwas aufgegeben. Sie geben keine Ruhe." Sie sieht das vor allem aus Perspektive der Menschen, die darunter leiden. "Sie fallen von einer Ohnmacht in die andere." Sie habe dort, wo es keine Religion gibt, erlebt, dass die Menschen nicht schlechter miteinander umgehen.

Satirische Kirchenkritik

Eine ähnliche Meinung vertritt Jacques Tilly. Er ist Illustrator und Bildhauer und ist bekannt als Wagenbauer des Düsseldorfer Karnevalsumzugs. "Der religiöse Ansatz ist nicht geeignet, um die Welt zu erklären oder eine Gesellschaft danach auszurichten, denn er baut auf Wunschdenken und Illusionen auf", erklärt er gegenüber heute.de. Seine Arbeiten sind oft kirchen- und religionskritisch. Darin sieht er einen wichtigen Auftrag. "Religiöse Gefühle sind nicht einfach schützenswert, sondern teilweise gefährlich. Sie müssen sie unter Umständen auch mal verletzt werden."

Tillys Kritikform ist das Bild. Karikaturen haben seiner Erfahrung nach eine besondere Wirkung. Sie können eine starke mediale "Kawuppdizität" erzeugen, wie er es als Reinländer nennt. Seine satirische Kritik packt er in vereinfachende Bildformeln, die eine klare Haltung zeigen. Wie reagieren die Kirchen darauf? "Sie haben eine sehr kurze Lunte. Sie gehen sofort hoch", erklärt er den Zuhörern in Dortmund. Er erlebt: "Religionen haben Probleme mit Humor" – und mit seinen satirischen Bildern. Jacques Tilly sieht deshalb Schwierigkeiten für die Religionen, in der Streitkultur zu bestehen. Dabei sei Kritik das Lebenselixier einer demokratischen Gesellschaft. "Ich nutze meine Narrenfreiheit so gut aus wie ich kann."

Während Jacques Tilly seine Karikaturen an diesem Abend an die Kinoleinwand projiziert, wird wenige Meter weiter im Dortmunder Konzerthaus ein modernes Oratorium aufgeführt, auf dem Friedensplatz werden Kerzen und der Nachtsegen verteilt. Und durch die Straße, in der das Gegenprogramm stattfindet, ziehen Grillschwaden. Was hier auf der Straße am Abend diskutiert wird: Kebap, Shawarma oder Falafel?

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