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Evangelischer Kirchentag - Klimapolitik: Nur Applaus reicht nicht

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Die Hoffnung ist Grün. Während in Aachen Tausende für Klimaschutz demonstrieren, diskutiert der Kirchentag: Wie geht grün genau? Gar nicht so einfach. Nur Applaus reicht nicht.

Svenja Schulze (SPD, r), Bundesumweltministerin, spricht beim 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag
Umweltministerin Svenja Schulze muss sich auf dem Kirchentag einiges anhören.
Quelle: dpa

Svenja Schulze bläst die Backen auf, atmet tief durch. Nicht sehr angenehm, was sich die Bundesumweltministerin auf dem Podium des Kirchentages anhören muss. "Diese Regierung ist nicht mehr das, worauf meine Generation vertraut." Und noch einen: "Die Regierung beschäftigt sich seit zwei Jahren mit sich selbst."

Und nochmal: "Etwas anderes als reden, ist in der Politik leider nicht passiert." Merle Bösing sagt das, sie ist 17 Jahre alt und Schülerin aus Dortmund. Statt mit den anderen von "Fridays for Future" in Aachen gegen die Klimapolitik zu demonstrieren, sagt sie den Erwachsenen in Dortmund, was sie von deren Klimapolitik hält. Nichts. Von den hunderten Besuchern bekommt sie dafür langen Applaus, einige stehen auf. Doch so einfach ist das nicht.

Schulze: "Das ist alles nicht einfach"

Denn wenn es konkret wird, die vereinbarten Klimaziele bis 2030 einzuhalten, wird es schwierig. Der EU-Rat hat es schon einmal nicht geschafft, sich auf Klimaneutralität bis 2050 zu einigen. Die osteuropäischen Länder sind dagegen. Und viel ist auch hierzulande noch nicht passiert. Windkrafträder vor der eigenen Haustür? Spülmittel ohne Plastikflasche? Mit den Öffentlichen zur Arbeit, die auf dem Land gar nicht mehr fahren? Oder in Ballungsgebieten an der Belastungsgrenze sind? Dass man sich trotzdem nicht zurücklehnen kann, machte an diesem Nachmittag Hans Joachim Schellnhuber, Gründer des Potsdamer Instituts für Klimafolgeforschung, anhand von Schaubildern deutlich. Extremwetterlagen, schmelzendes Eis, Heißzeiten: "Wir stehen vor einer existentiellen Herausforderung", sagt Schellnhuber. Die Entwicklung lasse sich noch stoppen, aber das müsse schnell passieren, "sonst gehen wir unter".

Ministerin Schulze findet, dass sie durchaus etwas tut. Sie spricht von ihrem Klimagesetz, das derzeit in der Bundesregierung diskutiert wird. Über Gutachten, die momentan erstellt werden, um die Folgen einer möglichen CO2-Bepreisung abzuschätzen. Bis Herbst, so hat es sich die Koalition vorgenommen, sollen Entscheidungen fallen, wie konkret der Klimaschutz besser werden soll. Und worauf der einzelne verzichten muss. "Das ist alles nicht einfach", sagt Schulze. Und sie wiederholt ihre Mantra, das sie seit einigen Wochen an dieser Stelle immer sagt: "Ich sorge mit dem Klimaschutzgesetz dafür, dass endlich gehandelt wird."

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"Wir müssen alle den Hintern hochkriegen"

An den "Pffs" und "Das wisst ihr seit 30 Jahren"-Rufen im Publikum ist zu spüren, dass nicht allen das reicht. Unterstützung bekommt Schulze von der vermeintlichen Gegenseite auf dem Podium. Christoph Bals ist politischer Geschäftsführer von Germanwatch, einer Art grünen Lobbygruppe. "Es reicht nicht, auf dem Kirchentag Beifall zu klatschen", wendet er sich direkt an die Zuhörer. "Wir müssen alle den Hintern hochkriegen." Es reiche auch nicht aus, wenn sich die Kirchentagsbesucher einig sind. "Wir müssen mit denen in Diskurs gehen, die anderer Meinung sind, da brauchen wir alle." Da brauchten auch die Politiker mehr Unterstützung.

Das finden diese offensichtlich auch. "Unterstützen Sie uns", appelliert Ursula Heinen-Esser, Umweltministerin in Nordrhein-Westfalen und CDU-Politikerin. "Wir sind in den Kabinetten oft die Spaßverderber." Und da muss dann auch Ministerin Schulze lachen. Klar ist, wer gemeint ist: die Wirtschaftsminister, die Verkehrsminister. Man brauche den Rückhalt der Bevölkerung, dann könne man auch "eine vernünftige Klimapolitik machen". Das findet auch die Bundesumweltministerin. C02-Bepreisung sei ja nur ein "Baustein" zur Einhaltung der Klimaziele. Insgesamt gehe es nicht um "kleines Schraubendrehen". Alle, die bei der großen Umgestaltung der Gesellschaft mithelfen wollten: "Bitte, tun Sie das!"

Manche haben längst angefangen

Dabei machen das viele schon längst. Burkhard Drescher, Geschäftsführer der Innovation City, zeigt, dass selbst in Bottrop schon weiter ist. Überdurchschnittlich viele Gebäude werden dort energetisch saniert, weil man es selbst in die Hand genommen hat. "Die Instrumente des Bundes sind die falschen", sagt Drescher. Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche in Westfalen, ruft an diesem Nachmittag auf dem Podium für ihre Kirche den Klimanotstand aus. Alle Bereiche ihres Hauses sollen nun auf die Einhaltung der Klimaschutzziele überprüft werden. "Da haben wir als Kirche noch ganz schön viel Luft nach oben", sagt Kurschus. "Wir müssen und wir werden jetzt handeln."

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von Alica Jung

Wer bei sich selbst auch schon einmal anfangen will, bekommt auf dem Kirchentag genügend Anregungen. Das Aufforsrtungsprojekt "Stop Talking, Start Planting", Anregungen zur radikalen Wirtschafts- und Lebensweise von der Akademie solidarische Ökonomie, Überprüfung des eigenen ökologischen Fußabdrucks und so weiter. Und wer möchte, kann sich "Kunst fürs Klima" anschauen oder bei der Anti-Atomkraft-Bewegung kleine Akws, gebastelt aus Keksen und Mini-Schaumküssen, einfach aufessen.

Warnung aus dem Kongo

So einfach ist es dann aber doch nicht. Der Kirchentag gibt zwar nicht der AfD, den Gegnern der ganzen Transformationsprozesses, eine Stimme. Wohl aber Kritikern von der anderen Seite des Kontinents. Denis Mukwege, Friedensnobelpreisträger aus dem Kongo, warnt an diesem Freitag vor einer höheren Produktion von Elektroautos. Dann wachse nämlich die Nachfrage nach Koltan, das schon jetzt für Smartphones gebraucht wird und zu heftigen Kämpfen um diesen Rohstoff führt. 200.000 Menschen, sagt Mukwege, seien deswegen schon aus ihrer Heimat geflohen. Umweltschutz mache keinen Sinn, wenn deswegen Menschenleben zerstört werde. "Saubere Autos sollten mit sauberen Rohstoffen geplant werden."

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