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Modernisierung von Kläranlagen - Medikamente und Chemie im Abwasser: Wer zahlt?

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Medikamente und Chemikalien im Abwasser belasten die Kläranlagen - steigende Abwassergebühren für alle drohen. Experten sehen die Industrie in der Pflicht, doch die wehrt sich.

Die Technik der deutschen Klärwerke ist nicht mehr zeitgemäß. Die Reinigung der Abwässer muss in ganz Deutschland nachgerüstet werden - wegen des ständig steigenden Medikamentenkonsums und immer mehr unbekannter Chemikalien in Bächen und Flüssen.

Allein im Rhein werden derzeit 2.500 noch nicht identifizierte Mikroschadstoffe gemessen. Um die Umweltgefahren durch diesen Chemiecocktail und auch die Ausbreitung von antibiotikaresistenten Keimen zu verhindern, müssen fast alle 3.000 kommunalen Kläranlagen in Deutschland nachgerüstet werden. Darin sind sich die Experten im sogenannten "Spurenstoff-Dialog des Bundes" einig. Vertreter aus Bund und Ländern, der Wasserwirtschaft und Industrie sowie aus Verbraucher- und Umweltverbänden diskutieren in dem Gremium seit drei Jahren: Es geht um Strategien zur Vermeidung von Spurenstoffen und resistenten Keimen in der Umwelt.

36 Milliarden Euro bis 2045

Das Ergebnis ist, dass fast alle kommunalen Klärwerke früher oder später mit einer sogenannten "4. Reinigungsstufe" ausgestattet werden müssen. Pro Klärwerk ist dabei mit Investitionen von rund zehn Millionen Euro zu rechnen - wenn eine Ozonanlage, Aktivkohlefilter oder ein Ultramembran-Filter eingebaut wird. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft rechnet mit bundesweiten Gesamtkosten von 36 Milliarden Euro bis zum Jahr 2045. Dem Verbraucher droht dadurch ein Anstieg der Wassergebühren um bis zu 20 Prozent.

Um die zusätzlichen Belastungen für den Gebührenzahler zu reduzieren, fordern die Vertreter von Verbraucherschutz- und Umweltverbänden sowie der Wasserwirtschaft eine Kostenbeteiligung der Industrie. Außerdem sollen sich die Hersteller von Medikamenten und Chemie-Produkten verpflichten, umweltschonende Substanzen zu verwenden.

Doch die Industrie blockt ab, sagt Paul Kröfges, der als Vertreter des "Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland" im Gremium "Spurenstoff-Dialog des Bundes" sitzt. Gegenüber Frontal 21 sagte er: "Wir haben es bisher mit einer strikten Verweigerungshaltung der Industrie zu tun gehabt, die wirklich nicht bereit war, sich an den Kosten zu beteiligen und auch nicht bereit war, umweltverträglichere Ersatzstoffe zu beschließen."

"Runder Tisch" platzt nach Presseanfrage

Wir haben es bisher mit einer strikten Verweigerungshaltung der Industrie zu tun.
Paul Kröfges, "Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland"

Auch der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, Martin Weyand, rügt die "große Reserviertheit" der Industrie, die sogar ein Gutachten vorgelegt habe, wonach eine Kostenbeteiligung der Industrie an der Wasseraufbereitung unmöglich sei.

Wegen der Meinungsverschiedenheiten ist Anfang November sogar der erste "Runde Tisch" geplatzt. Der Bundesverband der Pharmahersteller hatte seine Gastgeberrolle für das geplante Treffen in Bonn mit rund 20 Fachleuten überraschend zurückgezogen.

Der Organisator der Veranstaltung, das Frauenhofer-Institut für System- und Informationsforschung (ISI), teilte allen Teilnehmern am Vortag der geplanten Sitzung mit: "Bedauerlicherweise sah sich der Bundesverband der Arzneimittelhersteller aufgrund von unvorhergesehenen Medienaktivitäten im Vorfeld kurzfristig veranlasst, seine Zusage zurückzunehmen."

Ruf nach Gesetzgebern

Hintergrund war eine Anfrage von Frontal 21, das den Pharmaverband um eine Stellungnahme zum Vorwurf der "Verweigerungshaltung" gebeten hatte. Paul Kröfges nannte die Absage des Verbandes ein "Armutszeugnis". Die Öffentlichkeit habe ein Recht auf Information, auch weil es für den Steuer- und Gebührenzahler um viele Milliarden gehen wird". Der Bundesverband der Pharmahersteller dagegen legt Wert auf die Feststellung, dass er im "Spurenstoff-Dialog" bisher "konstruktiv und lösungsorientiert" mitgearbeitet habe.

Die Arzneimittel-Hersteller forschen sehr intensiv an neuen, noch umweltverträglicheren Wirkstoffen.
Bundesverband der Pharmahersteller

In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es weiter: "Die Arzneimittel-Hersteller forschen sehr intensiv an neuen, noch umweltverträglicheren Wirkstoffen. Es wird jedoch kaum möglich sein, für alle Anwendungsbereiche Wirkstoffe zu entwickeln, die sowohl ihre medizinische Zweckbestimmung als wirksame, gut verträgliche Arzneimittel erfüllen als auch eine optimale Umweltverträglichkeit aufweisen." Zu den Forderungen nach einer Kostenbeteiligung schreibt der Pharmaverband: Das sei eine "gesamtgesellschaftliche Aufgabe".

Kritiker befürchten nun, dass es im "Spurenstoff-Dialog" nicht mehr zu einer Einigung mit der Pharma - und Chemieindustrie kommen werde. Daher müsse der Gesetzgeber die Hersteller in die Pflicht nehmen.

Andreas Halbach arbeitet in der ZDF-Redaktion Frontal 21.

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