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Fridays for future - "Das kann eine Langzeitbewegung werden"

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Tausende Schüler haben gestern wieder für besseren Klimaschutz demonstriert. Mehr als ein Greta-Effekt? Ja, sagt Klaus Hurrelmann. Die Jugend hat politische Kraft wie lange nicht.

Jeden Freitag gehen bundesweit tausende Schüler auf die Straße.

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heute.de: Jeden Freitag demonstrieren tausende Schüler für besseren Klimaschutz. Hat es so etwas schon einmal gegeben?

Klaus Hurrelmann: Wir müssen lange zurückdenken, dass sich so viele junge Leute an einer politischen Demonstration beteiligt haben. Und zwar nicht nur als Mitläufer, sondern als Initiatoren und mit aktiver Rolle. Das ist etwas Besonderes.

heute.de: Ist diese Generation also gar nicht so unpolitisch, wie es ihr oft nachgesagt wird?

Hurrelmann: Wir können aus den Jugend-Studien, zum Beispiel den Shell-Jugend-Studien, klare Trends ablesen. Die unter 20-Jährigen werden wieder politisch, die über 20-Jährigen halten sich dagegen sehr zurück. Sie fremdeln mit den Parteien und auch mit dem parlamentarischen System. Die Jüngeren haben keine wirtschaftliche Not mehr, völlig anders als die Generationen davor. Sie haben keine Ängste, in Ausbildung und Beruf zu kommen. Und das macht sie politisch und führt zu den gegenwärtigen Bewegungen.

heute.de: Was ist es genau: Lust auf Protest oder Frust über die Politik?

Hurrelmann: Wir sehen eine sehr leidenschaftliche Bewegung wegen eines Themas, nämlich dem Klima. Es ist ganz eindeutig, dass das etwas ist, was die jungen Leute innerlich beschäftigt und aufwühlt. Sie sehen ihre Existenz gefährdet. Sie haben richtige, unterschwellige Angst, dass Wasser, Nahrung, Luft und Boden nicht mehr so sind, wie sie das brauchen, um überleben zu können.

heute.de: Die Demonstrationen finden während der Schulzeit statt. Geht es um reine Aufmerksamkeit und muss man das verurteilen?

Hurrelmann: Es ist auffällig, dass wir hier ein Element von zivilem Ungehorsam haben. Man demonstriert nicht in der Freizeit, sondern in der Schulpflichtzeit. Das ist ein bewusster kalkulierter Verstoß gegen bestehende Regeln. Und die Schüler müssen in Kauf nehmen, dass sie dafür sanktioniert werden. Ich hoffe, sie werden sanktioniert! Denn wenn das nicht geschähe, also wenn man das stillschweigend in den Schulen durchgehen ließe, dann würde man die Bewegung entwerten. Die jungen Leute denken sich ja was dabei. Sie wollen zeigen: Wir sind zornig, wir lehnen uns auf, wir protestieren.

heute.de: Also ein normaler Streik wie unter Arbeitnehmern.

Hurrelmann: So kann man es vergleichen. Aber noch etwas fällt auf. Es politisieren sich viele weibliche Schüler, das haben wir auch lange nicht gehabt. Alle Studien zeigen, dass Mädchen und junge Frauen ein nicht allzu großes politisches Interesse haben und sich nicht so sehr beteiligen an politischen Aktivitäten. Das scheint hier anders zu sein, viele Sprecher sind weiblich. Das zeigt auch noch einmal, wie sehr emotional das Thema Umweltgefährdung verankert ist.

heute.de: Was sagt es denn über diese Generation von Schülern aus, wenn sie sich über Sanktionsdrohungen hinwegsetzen?

Hurrelmann: Der Antrieb ist sehr stark! Gegen Regeln zu verstoßen, das tut man nur, wenn man einen intensiven Grund hat. Man könnte es auch so sehen: Eben weil die jungen Leute keine Angst haben müssen, in Ausbildung und Beruf zu kommen, können sie es sich leisten, etwas kürzer zu treten. Das hätte eine Generation davor nicht so ohne weiteres einkalkuliert.

heute.de: Was glauben Sie, haben die Schüler die Kraft, das länger durchzuhalten?

Hurrelmann: Es ist erstaunlich, dass es jetzt schon mehrere Wochen lang immer wieder neue Aktivitäten gibt. Es ist auffällig, dass es bereits eine Organisation gibt, nicht von außen, sondern die jungen Leute haben sich eigene Netzwerke geschaffen. Sie erweisen sich als kluge Organisatoren, sie machen das sehr clever. Das ist bemerkenswert. Wenn sich das weiterentwickelt, es Sprecher gibt und klare Botschaften kommen. Und wenn es Widerstand gibt, das ist ganz wichtig. Das spornt an.

heute.de: Warum?

Hurrelmann: Dann werden sie durchhalten. Es ist aber auch ganz wichtig: Zum ersten Mal seit langem haben wir eine Anti-ältere-Generationen-Stimmung. Die jungen Leute sagen: Ihr Älteren habt nicht dafür gesorgt, dass alles in der Klimapolitik in Ordnung ist. Ihr habt versagt! Diesen Ton haben wir schon lange nicht mehr gehört. Aus der gewissen Aggressivität schließe ich auch, dass das eine Langzeitbewegung werden könnte. Es sieht momentan so aus, also es nicht nur ein kurzes Aufflackern zu einem Thema ist.

heute.de: Müssen die Alten Angst vor den Jungen haben?

Hurrelmann: Es ist ein Ziel der Proteste. Die junge Generation gibt das Signal: Wir wollen gehört werden, wir wollen unsere Positionen auch gegen euch etablierte Politiker durchsetzen. Das sind klare Botschaften.

Das Interview führte Lars Bohnsack.

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