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Parlamentswahl im Irak - Regierungschef Al-Abadi droht Wahlniederlage

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Für den bisherigen Ministerpräsidenten zeichnet sich eine Niederlage ab. Stattdessen scheint ein schiitischer Geistlicher als Sieger aus der Parlamentswahl im Irak hervorzugehen.

Bei der Parlamentswahl im Irak führt nach Zwischenergebnissen überraschend der schiitische Prediger Al-Sadr. Er hatte von 2003 bis 2011 einen Aufstand gegen die US-Truppen im Land angeführt.

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Bei der Parlamentswahl im Irak führt nach Auszählung von über der Hälfte der Stimmen überraschend der einflussreiche schiitische Prediger Moktada al-Sadr. Der Wunschkandidat des Westens, Regierungschef Haider al-Abadi, liegt nach Angaben der Wahlkommission vom Sonntag an dritter Stelle

Für Al-Sadr wäre das Ergebnis ein Comeback, Abadi droht damit eine empfindliche Niederlage. Aus Kreisen der Wahlkommission und der Sicherheitsbehörden war zunächst verlautet, dass Abadi bei der ersten Parlamentswahl nach dem Sieg über die Extremistenmiliz IS vorne liegt. Der Anführer der wichtigsten Schiiten-Miliz im Land, Hadi al-Amiri, kommt auf den zweiten Platz. Nuri al-Maliki, der als großer Rivale Abadis galt, scheint abgeschlagen.

Verhandlungen über neue Regierung könnten Monate dauern

Die Iraker konnten am Samstag erstmals nach Ausrufung des Sieges über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ein neues Parlament wählen. Bei der Abstimmung war aber eine relativ geringe Wahlbeteiligung von 44 Prozent verzeichnet worden - so wenig wie seit Saddam Husseins Sturz 2003 nicht. Zehn Millionen Iraker gingen an die Wahlurnen. Eine neue Regierungskoalition muss die Hälfte aller 329 Parlamentssitze hinter sich versammeln, um den Ministerpräsidenten stellen zu können. Die Verhandlungen dürften sich über Monate hinziehen.

Bei der Verkündung der Ergebnisse im nationalen Fernsehen wurden am Sonntag zunächst zehn Provinzen berücksichtigt. Die restlichen Ergebnisse und die Verteilung der 329 Sitze im Parlament werden erst in den nächsten Tagen bekannt gegeben. Deshalb kann es noch zu Verschiebungen kommen.

Al-Abadi hatte im Dezember den militärischen Sieg über den IS erklärt. Große Teile des Iraks sind zerstört. Der Wiederaufbau kommt nur langsam voran. Der Weltbank zufolge werden dafür in den nächsten Jahren rund 88 Milliarden Dollar (rund 71 Milliarden Euro) benötigt. Nach UN-Angaben sind zudem noch immer mehr als zwei Millionen Menschen im Land vertrieben. Auch IS-Zellen sind weiterhin aktiv.

Jubel in Bagdad

Unterdessen brach in dem Stadtteil Sadr City von Bagdad Jubel auf den Straßen aus. Die verarmte Region, Heimat von rund drei Millionen Menschen, ist nach dem verstorbenen Vater des Klerikers Al-Sadr, Ajatollah Mohammad Sadik al-Sadr benannt. Der Jüngere warb im Wahlkampf dafür, gegen Korruption vorgehen und in Infrastruktur investieren zu wollen. In der Hauptstadt ging er überraschend eine Allianz mit der Kommunistischen Partei ein. Im Krieg gegen den IS kommandierte der Geistliche Kämpfer. Zuvor führte Al-Sadr eine mächtige Miliz an, die im Irak US-Soldaten bekämpfte.

Er gilt als starker Gegner eines US- sowie eines iranischen Einflusses auf die Politik im Irak. Um die Parlamentssitze hatten sich fast 7.000 Kandidaten aus Dutzenden politischen Allianzen beworben. Einen klaren Favoriten gab es nach dem wochenlangen Wahlkampf nicht.

Politiker und Aktivisten besorgt über geringe Wahlbeteiligung

Die Abstimmung galt als Referendum über die Arbeit Al-Abadis, der einst mit dem Versprechen angetreten war, die sunnitische Minderheit stärker in politische Entscheidungen einzubeziehen. An den Wahllokalen wurden strenge Sicherheitsmaßnahmen und Politikverdrossenheit für die geringe Wahlbeteiligung verantwortlich gemacht. Politiker und Aktivisten reagierten besorgt und erklärten, 2022 wollten sie vor allem junge Menschen an die Wahlurnen bringen.

Der 23-jährige Wähler Ahmed Abdelruba versprach sich indes Vorzüge von seiner Stimmabgabe. "Ich will Vorteile von der Partei, vom Staat - alles, was möglich ist", sagte er. Nach eigenen Angaben wählte er Al-Sadrs Block und hoffte anschließend darauf, nun bald einen Job zu finden. Wahlhelfer des Klerikers habe er wissen lassen, für ihn gestimmt zu haben.

Im Irak werden Arbeitsplätze oftmals über Kontakte vergeben. Bei der Postenvergabe etwa in Ministerien wählen Parteien loyale Unterstützer aus oder berücksichtigen sie bei Ämtern in Krankenhäusern und Schulen vor Ort. Während die größte Herausforderung für eine neue Regierung sein dürfte, den iranischen wie den amerikanischen Einfluss im Land auszugleichen - auf beide Länder war der Irak im Kampf gegen den IS angewiesen - sind für herkömmliche Iraker Themen wie Korruption, Wirtschaftswachstum und eine Verbesserung der öffentlichen Dienste vordringlich.

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