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Städtebau gegen die Hitze - "Die Städte müssen grüner werden"

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Deutschland ächzt unter der Hitzewelle - was bringt Abkühlung? Klimaanlagen vergrößern das Problem nur, sagt Klimaforscher Emeis. Er empfiehlt Städten nachhaltigere Lösungen.

Stadtpark in Hamburg
Stadtpark in Hamburg
Quelle: imago

heute.de: Dem Flughafen Hannover ist es zu heiß geworden. Überrascht Sie das?

Stefan Emeis: Nein, ähnliche Phänomene haben wir schon in den letzten Jahren beobachten können. Wenn es zu heiß wird, dann brechen auch mal Autobahnen auf. Wir nennen das "Blow up". Das Material dehnt sich aus, findet keinen Platz und wählt dann den Weg nach oben.

heute.de: Deutschland ist für Regulierungen bekannt. Wie kann es sein, dass die Vorschriften hohe Temperaturen nicht einkalkuliert haben?

Emeis: Ich gehe davon aus, dass sich die Architekten an die jeweiligen DIN-Normen gehalten haben. Aber die hatten den Klimawandel noch nicht im Blick. Mittlerweile kann sich der Boden gar nicht mehr abkühlen, sondern speichert die Wärme. Von daher müssen die Normen korrigiert werden. Die DIN-Richtlinien werden in der Regel alle fünf Jahre überarbeitet. Wir brauchen neue Toleranzwerte für ein heißeres Klima.

heute.de: Bedeutet das dann auch höhere Kosten?

Emeis: Wenn umgerüstet werden muss, dann ja. Aber wenn neue Rollfelder auf Flughäfen gebaut werden, dann ist das keine Kostenfrage. Es geht ja nur um den Abstand zwischen den einzelnen Platten. Der einzige Unterschied ist: Sie müssen die Fugen besser behandeln.

heute.de: Wem macht die Hitze noch zu schaffen?

Emeis: Ich warne vor einer Überwärmung der Städte. Die Städte werden immer wärmer, weil immer dichter gebaut wird. Baumasse speichert Wärme und behindert Winde. Deswegen ist es in Städten stickiger als auf dem Land.

heute.de: Ist Amerika mit seinen vielen Klimaanlagen ein Vorbild?

Emeis: Nein. Das wäre zwar technisch einfach umzusetzen. Aber Klimaanlagen fressen viel Energie. Und solange mehr als die Hälfte unseres Energiebedarfs mit fossilen Brennstoffen gedeckt wird, ist das keine Lösung. Wir würden den Klimawandel nur verstärken.

heute.de: Welche Lösung schlagen Sie vor?

Emeis: Man müsste die Städte anders bauen und anders gestalten. Dächer spielen eine wichtige Rolle. Wir sollten uns von dunklen Dächern oder roten Ziegeln verabschieden und stattdessen die Dächer weiß streichen oder helle Ziegel verwenden. Alles, was dunkel ist, heizt sich auf. Weiß hingegen weist das Sonnenlicht ab. Griechische Städte sind nicht umsonst in Weiß gehalten.

heute.de: Sie würden also Schieferdächer am liebsten verbieten?

Emeis: Schiefer wärmt sich hervorragend auf. Ich will nichts verbieten, fordere aber von den Behörden ein Umdenken. In Bayern wollte das Landratsamt mal einem Mann verbieten, weiße Dachziegel zu verwenden. Denn es gab eine Satzung, die ein einheitliches Ortsbild vorschreibt. Ich verstehe den Wunsch, dass es nett aussehen soll. Aber klimatechnisch wäre es besser, wenn die Behörden etwas flexibler wären.

heute.de: Gibt es außer einem hellen Hausdach noch weitere Möglichkeiten, Städte abzukühlen?

Emeis: Die Städte müssen grüner werden. Ideal sind breite Straßenzüge mit grünen Mittelstreifen und Bäumen. Grün ist von Vorteil, denn aus den Pflanzen verdunstet Wasser. Und dieser Prozess braucht viel Wärme. Deswegen hält Vegetation schön kühl. Wir können auch viel von arabischen Städten lernen, etwa von Windtürmen.

heute.de: Was ist ein Windturm?

Emeis: Das sind Türme, die oben eine Öffnung haben. Wenn oben der Wind über das Gebäude fegt, zieht er warme Luft aus den Türmen heraus. Und von extra gebauten Leitungen unter der Erde strömt kühle Luft nach. Das ist eine Art natürliche Klimaanlage, die vor Hitze schützt. Wegen der Hitze kann Technik nämlich kollabieren, zum Beispiel Klimaanlagen.

Hitze fordert Infrastruktur heraus

heute.de: Seit Jahren sprechen wir über den Klimawandel. Haben Sie ein Patentrezept?

Emeis: Nein, es gibt keine einfache Lösung. Wir müssen auch sehr sorgfältig sein, wie wir Probleme bekämpfen. Denn gut Gemeintes kann auch schlecht sein. Als Kühlschränke nicht mehr mit gefährlichem Ammoniak, sondern mit FCKW produziert wurden, dachten viele: Das ist ein Fortschritt. 50 Jahre später hat man festgestellt: Das FCKW ist für das Ozonloch verantwortlich.

heute.de: Birgt es auch Risiken, wenn Städte durch solche Maßnahmen ganzjährig etwas abgekühlt werden?

Emeis: Dass die Luft weniger ausgetauscht wird und Schadstoffe in den Städten bleiben. Es ist ein einfaches physikalisches Gesetz: Kalte Luft ist schwerer als warme Luft. Das kennen wir aus der Küche, wenn ein Topf Wasser auf der heißen Herdplatte brodelt. Wenn die Herdplatte abkühlt, dann steigt die Luft nicht mehr auf. Wenn die Städte kühler werden, bleibt also mehr Luft unten – aber leider auch die Schadstoffe. Ich kann also nicht nur die Städte kühlen, sondern muss gleichzeitig auch weniger Schadstoffe produzieren. Denn die Kühlung darf ja nicht zu einer Verschlechterung der Luftqualität führen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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14 min
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