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Jetstream, Arktiseis - Klimakrise überholt uns rechts und links

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Viel ist 2018 passiert, was das Wetter angeht. Beobachtungen und neue Studien zeigen: Die Natur schafft allmählich Fakten, die immer dramatischer auf Atmosphäre und Ozean wirken.

Schäden durch Hurrikan "Michael" am 11.10.2018 in Mexiko Beach (USA)
Schäden durch Hurrikan "Michael"
Quelle: dpa

Die Ozeane stehen in den letzten Jahren besonders wegen des Plastikmülls im Fokus. Aber auch ein anderer "Zivilisationsmüll", das Kohlendioxid, hat Auswirkungen: Es versauert die Weltmeere, indem schlichtweg das CO2 aufgenommen wird und dabei Kohlensäure entsteht. Dieser Umstand gefährdet wiederum die Meeresbewohner, da sich die chemische Zusammensetzung des Wassers verändert. Somit erfasst die Klimakrise, man müsste ja sagen selbstverständlich, nicht nur die Atmosphäre, sondern auch den Anteil unseres Planeten, der die meiste Fläche einnimmt.

Verbindung mit Wirbelstürmen

Wirbelstürme wie Hurrikan "Florence" oder sogenannte Medicane über dem Mittelmeer zeigen: Es steht immer mehr Wärme zur Verfügung. Zusammen mit höheren Lufttemperaturen als normalerweise üblich bekommen sie die nötige Energie, sich rapide zu verstärken. Bisher lässt sich nicht nachweisen, dass diese Art von Stürmen in der Zahl zunehmen, aber sie werden zerstörerischer, verstärken sich in kurzer Zeit von einer kleinen Störung zu einem massiven Hurrikan oder einem Supertaifun - wie zuletzt im Golf von Mexiko mit Kategorie-4-Hurrikan "Michael" und dem Kategorie-5-Supertaifun "Yutu" im Pazifik. Und das lässt sich auf die vom Menschen verursachte Klimakrise zurückführen.

Im hohen Norden verändert sich seit etwa drei Jahrzehnten die Artkis dramatisch, so wie in zehntausenden von Jahren nicht. Und das in einer so kurzen Zeit, die geologisch nicht mal ein Augenzwinkern darstellt. Die Erwärmung findet dort mindestens doppelt so schnell statt wie sonst auf der Erde, was zu einer Art Kettenreaktion geführt hat. Das Eis wird weniger und besonders im Sommer liegt dann der arktische Ozean offen - für die Wärme von der Sonne. Das Wasser wird wärmer, das wiederum schmilzt das Eis, erwärmt die Luft, die Umgebung und so schmilzt noch mehr Eis. Die Vorgänge sind noch komplexer als hier dargestellt und weitere Rückkopplungen wirken nur in eine Richtung: Das Eis verschwindet.

Barentssee hat sich weltweit am stärksten erwärmt

Auch in der Arktis gibt es Bereiche, die sich rascher verändern als andere. Die nördliche Barentssee gehörte eher zum arktischen Ozean. Eine leichte, kalte Süßwasserschicht lag bisher über einer wärmeren, schwereren Schicht mit Salzwasser. So konnte bisher das wärmere Wasser nicht an die Oberfläche und neue Eisschollen aus der Arktis sorgten für neues Süßwasser, so blieb diese Art der Schichtung erhalten. Besonders in den Sommermonaten ist das aber nicht mehr zu beobachten. Weniger Eis gelangt in die nördliche Barentssee.

In einer Studie zeigen Sigrid Lind und ihre Kollegen vom Meeres-Forschungsinstitut in Tromsö in Norwegen, dass sich die nördliche Barentssee weltweit am stärksten erwärmt. Seit dem Jahr 2000 nahm lokal die Temperatur um 1,5 Grad Celsius zu. Die Schichtung, wie sie bisher bestand, ist gestört und so gelangt wärmeres salzhaltiges Wasser nach oben an die Oberfläche - hemmt die Eisbildung einerseits durch das Salz, aber andererseits durch die zusätzliche Wärme. Die nördliche Barentssee wandelt sich damit in sehr kurzer Zeit zu einem Meer mit atlantischen Merkmalen. Die Arktis verliert ein Teil ihrer Fläche.

Meereserwärmung verändert Jetstream - und umgekehrt

Da die Atmosphäre immer mit Land oder Ozean gekoppelt ist, wirkt sich diese Veränderung auch auf den Jetstream aus. So sagt Jennifer Francis, eine renommierte Wissenschaftlerin an der Rutgers Universität in New Jersey/USA, dass die Veränderungen in der Barents-, aber auch in der Kara-See nördlich von Russland den Jetstream störten, was wiederum zu Extremwetter in Europa und Asien führt. Diese Störungen setzten sich sogar bis hoch in die Stratosphäre fort und können den Polarwirbel beeinflussen. In den Wintermonaten bedeutet das wiederum Kaltluftausbrüche aus der Arktis, südwärts in unsere Breiten, so ähnlich wie in diesem Jahr im Februar und im März.

Diese Art der Kaltluftausbrüche wird sich verstärken, denn die Vorgänge in der Arktis sind nicht mehr umkehrbar. Aber es ist auch ein Wechselspiel aus allen Komponenten. Während also der Eisrückgang den Jetstream beeinflusst, verlangsamt und stark mäandern lässt, schiebt genau dieser veränderte Jetstream Sturmtiefs mit warmer Luft in die Arktis und schmilzt wiederum das Eis. Es wird klar, die Veränderungen nehmen ihren Lauf und das immer schneller.

Studie: Ozeane haben mehr Wärme als bekannt aufgenommen

Während auf der ganzen Erde Veränderungen zu beobachten sind, die auf die weitere Erwärmung der Erde zurückzuführen sind, machte Anfang November eine Studie auf sich aufmerksam, dass die Ozeane in den vergangenen Jahrzehnten noch mehr Wärme aufgenommen haben, als bisher vermutet wurde. Die internationale Studie, an der auch das Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR in Kiel beteiligt war, verwendete eine neue und genauere Messmethode. Die bisherigen Durchschnittswerte liegen nach der neuen Studie um 50 Prozent höher als bisher angenommen, erklärt Laure Resplandy von der Princeton Universität.

Die Erde reagiert offensichtlich viel empfindlicher auf das Verbrennen fossiler Brennstoffe. "Dieses Ergebnis zeigt leider auch, dass wir die Emissionen von CO2 noch schneller und in noch erheblicherem Umfang, als im Bericht des Weltklimarats gefordert, reduzieren müssen, wenn wir die globale Erwärmung auf 2 oder sogar 1,5 Grad Celsius beschränken und damit die versprochenen Klimaziele einhalten wollen", fasst Ko-Autor Andreas Oschlies vom GEOMAR zusammen. Dabei empfiehlt der Weltklimarat (IPCC) bereits eine umfassende sofortige Transformation der globalen Gesellschaft, weg von fossilen Brennstoffen. Und weiterhin steht der weltweite Klimaschutz im krassen Missverhältnis zum rasanten Fortschritt der Klimakrise, die uns bereits rechts und links überholt.

Özden Terli ist Diplom-Meteorologe und Redakteur in der ZDF-Wetterredaktion.

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