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Klimaschutzziele umsetzen - Konzerne wollen Energiewende 2.0

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Während die Politik zaudert, arbeitet die Industrie unter Hochdruck an neuen Strategien für die Energiewende. Überholt die Wirtschaft die Politik beim Klimaschutz?

Deutschland - einst Primus im Klimaschutz - ist unter Druck. Die Klimaziele werden von der Politik krachend verfehlt. Dabei gibt es gerade in der Industrie machbare Ansätze.

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Lange galt Deutschland als Vorreiter und Musterschüler der Energiewende. Beim Ausbau von Solar-, Wind- und Wasserstrom überholen uns tatsächlich längst andere Länder. Deutschland fällt auf Platz sechs im internationalen Vergleich hinter China, den USA, Indien, Russland und Japan zurück, wie der BP Statistical Review zeigt. Erste Industriechefs fordern nun von der Politik: Macht jetzt endlich ernst mit der Energiewende und startet eine grüne nachhaltige Revolution!

Die Energiewende braucht politische Leitplanken

Das Problem der Wirtschaft: Sollten die CO2-Preise rasant steigen, könnten viele wichtige energieintensive Industriezweige wie Stahl, aber auch Zement nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Allein der Eisen- und Stahlbereich ist laut Umweltbundesamt/DEHST für knapp 38 Prozent der Industrie-Emissionen verantwortlich, gefolgt von Raffinerien, der Chemie- und Zementbranche.

Das zeigt etwa die Salzgitter-AG. Der niedersächsische Stahlproduzent ist der zweitgrößte Hersteller Deutschlands, fertigt unter anderem für die Autoindustrie. Beim klassischen Hochofen-Verfahren werden hier prozessbedingt Unmengen CO2 erzeugt – laut Salzgitter AG allein ein Prozent der deutschen Emissionen. Die Umstellung auf Direktreduktions-Öfen und Wasserstoff, technisch möglich, würde Milliarden kosten.

Sollte das auf den Stahl umgelegt werden, wäre der für die Kunden kaum zu bezahlen. So könnten rund 25.000 Arbeitsplätze in den Stahlwerken und noch viele drum herum in Gefahr geraten. "Die Dekarbonisierung ist möglich", sagt Konzern-Chef Heinz Jörg Fuhrmann, "doch nur als gesamtgesellschaftliches Projekt", sprich: mit Subventionen und klaren gesetzlichen Leitplanken für die CO2-Emissionen, die für alle Wettbewerber gelten.

Mehr Effizienz- und Wettbewerbsgewinne möglich

Doch Klimaschutz kostet nicht nur. Beispiel Chemie: Chlor ist der wichtigste Grundstoff der Chemie-Industrie. Doch die Produktion verbraucht zwei Prozent der deutschen Energieproduktion. Bei Covestro, bis 2015 die Kunststoff-Sparte der Bayer AG, kann bei der Chlorproduktion mittels Elektrolyse durch den Einsatz sogenannter Sauerstoffverzehrkathoden bis zu 25 Prozent CO2-eingespart werden. In anderen Bereichen kann Kohlendioxid in synthetischem Polyol künftig sogar Öl ersetzen.

"300.000 Unternehmen in Deutschland brauchen Erdgas derzeit als Prozesswärme, die könnten in Theorie alle problemlos umstellen auf Wasserstoff".
Lars Baumgürtel

Auf neue Verfahren setzt auch der Mittelständler ’Zinq’ in Hagen. Mit dünnerem Zink-Schichten auf Produkten lässt sich ein Vielfaches der Energie einsparen. Geschäftsführer Lars Baumgürtel hält zudem eine Ersetzung von Primärenergie nicht nur in seinem Betrieb für unproblematisch: "300.000 Unternehmen in Deutschland brauchen Erdgas derzeit als Prozesswärme, die könnten in Theorie alle problemlos umstellen auf Wasserstoff."

Energiesparen lässt sich aber auch mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen, wie das Logistik-Unternehmen Baur aus Franken zeigt. Seit 2006 hat man hier durch Lichtmanagement, Schnelllauf-Rolltore, Elektromobilität und eigene Ökostrom-Erzeugung den Energieverbrauch um mehr als 50 Prozent gesenkt. Mit Geothermie soll bald noch mehr möglich werden.

Pumpspeicher in Kohle-Tagebauten

Braunkohletagebau Jänschwalde wird gestoppt. Archivbild
Braunkohle-Tagebauten könnten auch für Pumpspeicher genutzt werden. (Archiv)
Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Der Übergang von fossilen Energieträgern zu grünen Technologien steigert die Nachfrage nach Strom um ein Vielfaches. Notwendig ist für eine sichere Versorgung auch die Speicherung von Öko-Strom. Eine einfache Lösung bieten Wasserbatterien, die etwa in gefluteten Tagebauten wie in Nordrhein-Westfalen oder in der Lausitz, aber auch off-shore in der norwegischen Rinne versenkt und als umgekehrte Pumpspeicher eingesetzt werden könnten.

"Geschenke des Himmels", könnten die Tagebauten so werden, glaubt der für Bau und Infrastruktur Verantwortliche Joachim Schwister der einstigen Kohlestadt Kerpen nahe dem Hambacher Forst. Denn in der einstigen Kohleregion saubere Energie zu erzeugen und zu speichern, wäre rasch möglich und könnte weit mehr Arbeitsplätze bringen, als durch die Kohle verloren gehen. 

Maja Göpel, Beraterin der Bundesregierung für globale Umweltfolgen, sieht es ähnlich. Längst zögen sich Finanzmarkt-Investoren aus CO2-intensiven Bereichen zurück, scheuten das Risiko, hier in sterbende Industrien zu investieren. Doch umso länger Deutschland die Energiewende verzögere, desto teurer werde es. Konzerne wie mittelständische Unternehmen rechnen dagegen beim Klimaschutz weniger auf rasche Gewinne als auf langfristigen Wohlstand. Und das ist vielleicht das Beste, was dem Klima und der Gesellschaft derzeit passieren kann.

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