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Klimaschutz - Flugscham - Schweden bleiben am Boden

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Flugreisen schaden Klima und Umwelt. In Schweden wollen deshalb immer mehr Menschen damit aufhören. "Flygskam" - Flugscham - lautet das Motto einer neuen Bewegung.

Oslo Gardermoen International Airport: SAS-Flugzeug am Boden
Fliegen? Immer mehr Schweden wollen darauf verzichten.
Quelle: imago

Evelina Utterdahl steigt lieber einen ganzen Tag in Bus und Bahn als eine Stunde zu fliegen. Auf Instagram nehmen 50.000 Follower an den Reiseerlebnissen der schwedischen Bloggerin teil. Im Netz nennt sich die 26-Jährige "the Earthwanderess" - die Erdenwanderin. Sie will Vorbild sein für eine neue Generation von Touristen und zeigen, dass spannende Reisen auch ohne Flugzeug möglich sind.

"Ich dachte immer, ich wäre umweltbewusst. Ich lebte vegan, vermied Plastik und unnötigen Konsum. Aber plötzlich habe ich festgestellt, dass ich durch meine Vielfliegerei viel mehr Schaden angerichtet habe als jeder durchschnittliche Bewohner", meint Evelina.

75 Länder in fünf Jahren hatte sie bereist und zigtausende Flugmeilen auf dem C02-Konto angesammelt, bevor sie mit dem Fliegen aufhörte.

Das umweltfeindlichste Fortbewegungsmittel

Die Fakten geben den Flugkritikern recht: Allein mit einem Flug nach Thailand und zurück verbraucht jeder Passagier fast so viel C02, wie er normalerweise in sechs Monaten verursachen würde. Im Vergleich zu anderen Reisemöglichkeiten schneidet das Flugzeug am schlechtesten ab: Ein Kilometer in der Luft setzt nach Berechnungen des Bundesumweltamtes 201 Gramm Treibhausgase pro Passagier frei, beim Autofahren sind es 139 Gramm. Am umweltfreundlichsten ist die Bahn mit nur 36 Gramm im Fernverkehr. Hoch sind die Emmissionen auch bei Kreuzfahrten: ohne Filter stößt ein Kreuzfahrtschiff so viele Schadstoffe aus wie fünf Millionen Pkw, sagt der Naturschutzbund.

Durchschnittliche Emissionen unterschiedlicher Verkehrsmittel (2017)
Pkw Reisebus Bahn, Fernverkehr Flugzeug Linienbus Bahn, Nahverkehr Straßen-, Stadt- und U-Bahn
Treibhausgase 139 32 36 201 75 60 64
Kohlenmonoxid 0,60 0,04 0,02 0,13 0,05 0,04 0,04
Flüchtige Kohlenwasserstoffe 0,14 0,01 0,00 0,04 0,03 0,01 0,00
Stickoxide 0,34 0,17 0,04 0,51 0,28 0,18 0,06
Feinstaub 0,004 0,003 0,000 0,004 0,002 0,002 0,000
Auslastung 1,5 Pers./Pkw 60 Prozent 56 Prozent 82 Prozent 21 Prozent 27 Prozent 19 Prozent
Quelle: Umweltbundesamt (2018). Weitere Informationen zur Vorgehensweise. Angaben in g/Pkm. (Gramm pro Personenkilometer)

Initiatorin der schwedischen Kampagne "flygfritt 2020" - auf Deutsch "flugfrei 2020" - ist die zweifache Mutter Maja Rosén. Sie will 100.000 Schweden das Versprechen abnehmen, 2020 zum flugfreien Jahr zu erklären. Das Symbol der Kampagne ist ein Pinguin - der Vogel, der vor 50 Millionen Jahren aufgehört hat zu fliegen.

Prominente Vorbilder

Prominente Schweden zeigen, wie der Flugverzicht funktionieren kann: Die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg ist mit dem Zug von Stockholm zum Weltwirtschaftsforum in Davos gefahren. Björn Ferry, Biathlon-Olympiasieger und Sportkommentator, reist längere Strecken ebenfalls nur noch mit der Bahn.

Gerade für die Schweden, die am nördlichen Rande Europas leben, ist das Nichtfliegen eine Herausforderung: Sonnenziele im Süden sind besonders weit entfernt. Bei einem Klimadinner bei Göteborg treffen sich dann auch die Skeptiker, die sich ihre Lust am Reisen nicht verderben lassen möchten. "Wir wollen nicht aufhören zu reisen, denn der Austausch mit anderen Menschen und Kulturen auf der Welt ist auch sehr wichtig", meint Karin Thorwalsson, die zwar gerne das Klima schützen möchte, aber deswegen noch lange nicht aufs Reisen mit dem Flugzeug verzichtet.

Zahlen fürs Klima

Was also tun? Eine Möglichkeit: Bezahlen. Das geht zum Beispiel bei "Atmosfair". Für jeden Flug spendet man dort an Klimaschutzprojekte auf der ganzen Welt. Ein Flug von Deutschland nach Sydney in Australien verursacht zum Beispiel pro Passagier elf Tonnen CO2. Dafür werden 260 Euro Kompensationszahlung fällig.

Auch Angela Giraldo, Mitbegründerin des gemeinnützigen Siegels "Tourcert", hält nichts von der kompromisslosen Botschaft des Nichtfliegens: "Wir können ja nicht in die Steinzeit zurück", meint sie. Tourismus habe auch eine soziale Komponente, schaffe viele Arbeitsplätze. Ihr Vorschlag für einen nachhaltigen Tourismus: Vor Ort Gutes tun, dort auf die Umwelt achten, wo man ist - weg von den Bettenburgen, hin zu einem sanften, gemeindebasierten Tourismus, von dem auch die einheimische Bevölkerung profitiert.

Viele Flieger steuern die gleichen Ziele an

Eine aktuelle Studie der Technischen Universität Chemnitz zeigt noch einen anderen Ausweg. Die Wissenschaftler hatten sich im europäischen Flugnetz die 140 meistbeflogenen Strecken angeschaut. Das Ergebnis überrascht: Bei der gleichen Anzahl Passagiere könnte die Zahl der Flugbewegungen um zwei Drittel reduziert werden - von 2.040 Flügen pro Tag auf 738.

Der Trick dabei: Weniger Start- und Landegenehmigungen und Vergabe von Flugrouten an nur einen Anbieter. Dieser würde voraussichtlich größere Maschinen einsetzen. Heute kommt es vor, dass Maschinen verschiedener Fluggesellschaften zu den gleichen Zielen starten - im Abstand weniger Minuten.

Lieber ganz am Boden bleiben?

Für Klimaaktivisten wie "flygfritt 2020"-Initiatorin Rosén wären Flugreduzierungen aber bei weitem nicht genug. Sie will Menschen davon überzeugen, ganz am Boden zu bleiben. "Die Situation ist genauso bedrohlich, als wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen. Wir müssen die Klimakrise endlich als die Bedrohung anerkennen, die sie ist", sagt sie.

Geht es nach Evelina Utterdahl, der schwedischen Reisebloggerin und Vielbahnfahrerin, kann man dabei dennoch Spaß haben: "Ich will ein Beispiel dafür sein, dass man reisen, entdecken und ein aufregendes Leben haben kann, ohne damit das Klima und das Wohlbefinden anderer Menschen zu beeinträchtigen."

Andere Länder erkunden, Traumziele kennenlernen und dabei auch noch etwas für die Umwelt tun: Reisen mit gutem Gewissen ist nicht immer ganz einfach. Aber es ist möglich.

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