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Klimawandel im Jahr 2019 - Die Hütte brennt

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Globale Klimaproteste haben 2019 den Klimawandel auf die politische Dauer-Agenda gesetzt. Während die Staaten zaudern, kommt der Klimaschutz auf lokaler Ebene in die Gänge.

Noch nie hat die Klimakrise so viel Aufmerksamkeit bekommen wie in diesem Jahr. Weltweit engagieren sich Menschen gegen die Erderwärmung. Könnte 2019 das Jahr der Klimawende werden?

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In der letzten Ausgabe des Jahres hat das "Time Magazine" die "Person of the Year 2019" präsentiert. Die Wahl fiel, wenig überraschend, auf Greta Thunberg. Die 16-jährige schwedische Aktivistin ist die Gallionsfigur einer weltweiten Bewegung, die den Klimawandel endgültig ins globale Bewusstsein gehoben hat.

Viel spricht dafür, dass es sich diesmal nicht um eine Eintagsfliege handelt. Denn 2019 zeigten neue Daten und extreme Wetterereignisse: Der Klimawandel ist bereits im Gang - und die Menschheit muss reagieren. "Es ist ehrlich gesagt schon fünf nach zwölf", sagt Kai Niebert, Präsident des Deutschen Naturschutzrings.

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Millionen Menschen beteiligen sich an "Fridays for Future"

Vorläufiger Höhepunkt der "Fridays for Future"-Proteste war der globale Klimastreik am 20. September 2019, an dem sich weltweit rund sieben Millionen Menschen beteiligten. Zornig appellierten sie an die Politik, endlich die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die CO2-Emissionen drastisch zu senken und so das Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015 noch zu erreichen: eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.

Die Klimarebellion der jungen Generation stellte die Politik auch in Deutschland bloß: FDP-Chef Christian Lindner riet den jungen Aktivisten am 10. März 2019, auf ihren Schulstreik zu verzichten, denn der Klimawandel sei "eine Sache für Profis". Zwei Tage später konterten 26.800 Wissenschaftler als "Scientists for Future" mit einer Stellungnahme: Die Anliegen der Jugendlichen seien "berechtigt und gut begründet. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei weitem nicht aus".

CO2-Anteil in der Luft steigt weiter an

Spätestens da stand die Politik unter Druck. Die Bundesregierung hatte noch Anfang des Jahres den Kohleausstieg auf 2038 festgesetzt. Das dürfte jedoch deutlich zu spät sein, wie neue Daten des Treibhausgas-Bulletins der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) zeigten:

Der CO2-Gehalt der Erdatmosphäre lag im Mai 2019 bei 415 CO2-Molekülen pro einer Million Luftteilchen. Das sind 47 Prozent mehr als zu Beginn der Industrialisierung. Derart viel CO2 hat die Erdatmosphäre seit mindestens drei Millionen Jahren nicht mehr enthalten, wie man aus Untersuchungen an Eisbohrkernen weiß.

Nach Berechnungen des Weltklimarats IPCC vom vergangenen Jahr müssten die weltweiten CO2-Emissionen bereits bis 2030 um 45 Prozent verringert werden. 2050 dürfte die Menschheit unterm Strich überhaupt kein CO2 mehr in die Atmosphäre entweichen lassen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Stürme, Brände, Hitzewellen

Die Lage ist ernst: 2019 kam es auf allen Kontinenten zu extremen Wetterereignissen. In Australien begann und endete das Jahr mit den schlimmsten Hitzewellen seit Temperaturaufzeichnung. In einigen Regionen sank das Thermometer für bis zu 40 Tage nicht mehr unter 40 Grad Celsius.

Der Klimawandel und seine Auswirkungen war schon 1978 ein Thema. In der ZDF-Sendung "Querschnitt" (Eine Art Vorgängersendung von Leschs Kosmos) hat ihn Hoimar von Ditfurth erklärt.

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Bis zum Spätsommer wüteten tropische Wirbelstürme erst im südöstlichen Afrika, dann in Indien, Sri Lanka und Bangladesch und schließlich in der Karibik. Europa erlebte den nächsten Hitzesommer nach 2018 mit neuen Temperaturrekorden in Frankreich oder Deutschland. "Diese Sommer haben gezeigt, dass wir bereits mitten im Klimawandel sind", sagt die Klimaforscherin Antje Boetius vom Alfred-Wegener-Institut.

Während sich enorme Waldbrände durch Tasmanien, Alaska, Sibirien und das Amazonasgebiet fraßen, gingen in Deutschland ungewöhnlich viele Bäume an den Folgen der Hitze zugrunde. "Wir sehen in den Wäldern Schäden, die wir noch nie gesehen haben", sagt Jürgen Bauhus, Forstwirtschaftler an der Uni Freiburg. Zugleich gab es in den USA ebenso wie in Südeuropa und Zentralasien heftige Starkregen. Die Überschwemmungen, die sie mit sich brachten, kosteten Hunderte Menschenleben.

Diese Sommer haben gezeigt, dass wir bereits mitten im Klimawandel sind.
Antje Boetius, Alfred-Wegener-Institut

Das Zaudern der Politik

Am 20. September 2019, zeitgleich mit dem globalen Klimastreik, stellte die Bundesregierung ihr lange erwartetes "Klimapaket" vor. Dessen Kernstücke waren zunächst: eine Steuer in Höhe von zehn Euro pro Tonne ausgestoßenes CO2, die Absenkung der Mehrwertsteuer für Bahnfahrkarten und eine Erhöhung der Pendlerpauschale.

Wir haben aber nicht 200 Jahre Zeit, um gegenzusteuern, sondern höchstens 15 Jahre.
Volker Quaschning, TU Berlin

Die Reaktionen aus der Wissenschaft waren vernichtend. "Bei so einem niedrigen Preis wird die Wirkung für den Klimaschutz gleich null sein", sagt Volker Quaschning, Ingenieur an der TU Berlin und einer der Initiatoren von Fridays for Future. "Wir haben aber nicht 200 Jahre Zeit, um gegenzusteuern, sondern höchstens 15 Jahre."

Bereits im Januar hatte das Umweltbundesamt vorgerechnet, dass Deutschland sein Klimaziel für 2020 nicht schaffen würde. Angepeilt war eine Verringerung des CO2-Ausstoßes um 40 Prozent gegenüber 1990. Bis 2018 war jedoch erst ein Minus von 31 Prozent erreicht worden. Der Bundesrat, in dem verschiedene Landesregierungen mit einer Beteiligung der Grünen vertreten sind, blockierte dann auch das Klimapaket.

Nachjustieren beim CO2-Preis

Am 20. Dezember präsentierte die Bundesregierung eine überarbeitete Version: Die CO2-Steuer, die von vielen Experten als wichtigstes Instrument für den Klimaschutz angesehen wird, soll im kommenden Jahr mit einem Preis von 25 Euro pro Tonne CO2 starten und dann bis Mitte des Jahrzehnts auf bis zu 65 Euro pro Tonne ansteigen.

"Ein steigender CO2-Preis ist unverzichtbare Voraussetzung für jede effektive Klimapolitik", sagt Otmar Edenhofer, Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung. "Im Gegensatz zu Verboten und rein technischen Maßnahmen gibt es beim CO2-Preis Einnahmen, die man für die Entlastung der ärmeren Haushalte verwenden kann, um Klimaschutz sozialverträglich zu machen."

Ausgetrocknetes Flussbett der Loire

Nachrichten -
Bedrohung durch Klimawandel
 

Die meisten Wissenschaftler sehen die Erde bedroht.

Die Enttäuschung von Madrid

Die Erwartungen an die UN-Klimakonferenz Anfang Dezember in Madrid waren hoch. Der Internationale Klimabeirat IPCC mahnte an: Um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, müssten die globalen CO2-Emissionen bis 2030 um 7,6 Prozent gesenkt werden. Tatsächlich steigen sie weiterhin an.

In der zweiwöchigen UN-Klimakonferenz schaffte es die Staatengemeinschaft jedoch nicht, sich auf verbindliche Maßnahmen zu einigen. Die Pläne, einen weltweiten Handel mit CO2-Emissionsrechten zu beschließen, fielen ins Wasser.

Wir wissen alle, dass jetzt ganz viel passieren muss, dass eine große Transformation her muss.
Maja Göpel, Wissenschaftlicher Beirat für Globale Umweltveränderungen

Nach 43-stündigen Abschlussverhandlungen verpflichteten sich die Staaten lediglich, im kommenden Jahr ihre Klimaschutzziele für 2030 noch einmal zu verschärfen. Das reicht nicht: "Wir wissen alle, dass jetzt ganz viel passieren muss, dass eine große Transformation her muss", sagt Maja Göpel vom Wissenschaftlichen Beirat für Globale Umweltveränderungen (WBGU).

Klimaschutz von unten

Die gute Nachricht des Jahres 2019 lautet indes: Auf lokaler Ebene wird der Klima-Notfall bereits ernst genommen. Als erste deutsche Stadt kam Konstanz einer der Forderungen von Fridays for Future nach und erklärte am 2. Mai 2019 den "Klimanotstand". Seitdem sind 67 weitere Städte oder Landkreise gefolgt, darunter die 3,5-Millionen-Stadt Berlin.

Etliche dieser Kommunen arbeiten etwa an neuen Mobilitätsangeboten, die ohne Benzin oder Diesel auskommen. Denn der Straßenverkehr stößt mit fast 18 Prozent der deutschen CO2-Emissionen im Jahr 2017 nach der Energieerzeugung die meisten Treibhausgase aus.

Mit 275 Windrädern und 4.400 Photovoltaikanlagen ist der Rhein-Hunsrück-Kreis Vorreiter in Sachen Energiewende. Hier wird dreimal mehr Strom produziert, als verbraucht. Und davon profitiert nicht nur die Umwelt, sondern auch die Finanzlage der Kommune.

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Sind die Kipppunkte schon überschritten?

Zahlreiche Städte und Landkreise treiben bereits seit Jahren im Netzwerk der "Energie-Kommunen" den Ausbau der erneuerbaren Energien voran. Sie arbeiten auf das Ziel hin, ihre Energieversorgung bereits 2030 vollständig auf grünen Strom aus Photovoltaik, Windkraft und Biomasse umzustellen. "Es gibt bereits einige Kommunen, die komplett klimaneutral sind", sagt Volker Quaschning.

Wissenschaftler warnen seit Jahren vor den sogenannten Kipppunkten, nach denen sich das Klima so drastisch ändert, dass selbst eine ehrgeizige Klimaschutzpolitik nicht mehr hilft. Ob solch ein Kipppunkt bereits überschritten wurde, vermag die Forschung derzeit noch nicht zu sagen.

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