Sie sind hier:

Wachstum versus Klima - Klimawandel: Ist Wirtschaftswachstum böse?

Datum:

Bei anhaltendem Wachstum sei das Weltklima nicht zu retten, sagt Postwachstumsforscher André Reichel im makro-Interview - und fordert "mehr Fantasie jenseits der monetären Logik".

Der Klimawandel (und andere Übel) sei nicht zu stoppen ohne einen Ausbruch aus der kapitalistischen Wachstumslogik, sagt Umwelt-Ökonom Niko Paech. Das bedeutet Verzicht. Und eigenes Gemüse.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

Die Welt versucht, Klimawandel und Umweltzerstörung mit technischem Fortschritt und Effizienzgewinnen zu begegnen - ein Ansatz, bei dem die Weltwirtschaft ihrer inneren Logik folgend weiter wächst. André Reichel hält diesen Weg für eine Sackgasse. Er sagt: "Die Produktivität wird uns bis auf Weiteres nicht retten." Er plädiert für eine Abkehr vom Wachstumsfetisch. Und, ja, auch für Verzicht.

makro: Welche Art von Wachstum halten Sie für sinnvoll?

André Reichel: Wachstum an selbstbestimmtem Leben. Also nichts, was unbedingt mit dem Bruttoinlandsprodukt etwas zu tun hat. Sinnvoll ist es, unser Wirtschaftswachstum sowohl vom Umweltverbrauch als auch von der Lebensqualität zu entkoppeln: weniger Umweltverbrauch für jeden verdienten Euro, mehr Lebensqualität für jeden verdienten Euro.

makro: Wachstum entsteht unter anderem durch Effizienzgewinne, etwa wenn man sparsamere Motoren oder wirkungsvollere Fertigungstechniken entwickelt: Sollen wir darauf in Zukunft verzichten?

Reichel: Nein. Aber als alleinige Strategie, um mit dem Klimawandel und anderen ökologischen Krisen umzugehen, funktioniert das nicht. Jeder Effizienzgewinn bedeutet ein mehr an Einkommen, das dann wieder für Mehrkonsum, also mehr Umweltverbrauch, ausgegeben werden kann. Es braucht die doppelte Entkopplung, wie ich sie oben beschrieben habe: Zur Effizienzrevolution muss zwingend eine Suffizienzrevolution hinzukommen, sonst haben die hehren Ziele von Paris keine Chance.

makro: Das Wirtschaftswachstum hat in Deutschland bisher dafür gesorgt, dass Verteilungskonflikte nur moderat ausgetragen wurden: Muss weniger Wachstum nicht zu schärferen Verteilungskonflikten führen?

Reichel: Wer hatte denn in den letzten 20 Jahren Einkommenszuwächse? Wachstum alleine hat noch nie für eine gerechte Verteilung gesorgt, das hat immer die Politik getan: mit einer entsprechenden Steuer- und Sozialgesetzgebung. Die Frage nach einer etwaigen Verschärfung von Verteilungskonflikten hängt deswegen auch nicht am Wachstum, sondern an der entsprechenden Politik.

Nehmen Sie als Beispiel die USA und Schweden: beides Länder mit positiven Wachstumsraten, aber fundamental anderer Verteilungspolitik. Anstatt sich hinter vermeintlichen ökonomischen Urgewalten wie dem Wachstum zu verstecken, ist es wieder an der Zeit, Politik als Raum des Möglichen zu gestalten - egal unter welchen Bedingungen.

makro: Künftig werden immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter immer mehr Rentner versorgen müssen: Kann das gut gehen ohne Produktivitätszuwächse?

Reichel: Welche Produktivitätszuwächse? Wir haben in allen OECD-Staaten ein Problem mit der Produktivität, seit vielen Jahren. In den USA forscht Robert Gordon dazu und hat ein wunderbares Buch über das Ende des amerikanischen Wachstums geschrieben. Die Produktivität wird uns also bis auf Weiteres nicht retten.

Richtig ist, dass der demografische Wandel ein Wachstumshemmnis ist, übrigens auch auf globaler Ebene. Zuwanderung kann dies etwas abmindern helfen, aber der weitere Rückgang der Wachstumsraten scheint mir nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die Postwachstumswelt manifestiert sich schrittweise.

makro: Was müsste die Politik unternehmen, damit die Gesellschaft mit weniger Wachstum funktioniert?

Reichel: Ganz klassisch zum Beispiel durch Arbeitsverkürzungen, einer negativen Einkommenssteuer zur Umverteilung hin zu einkommensschwachen Haushalten und einer kostenneutralen ökologischen Steuerreform, die Arbeit und soziale Dienstleistungen günstiger, Umweltverbrauch dagegen teurer macht. Es braucht aber auch mehr Fantasie jenseits der monetären Logik: Gelingt es uns, soziale Sicherungssysteme von Geld auf Leistungen umzustellen? Tauschringe operieren seit vielen Jahrzehnten mit dieser Idee.

Können wir also zum Beispiel staatliche oder gemeinschaftliche Internetplattformen nutzen, um soziale Dienstleistungen zu tauschen - Erziehung, Pflege, Hilfen im Haushalt, im Garten, bei der Reparatur von Produkten - und uns ein "Leistungskonto" ansparen, welches wir dann als Alternative zu marktlichen oder staatlichen Leistungen verwenden können?

Das Interview führte Günther Neufeldt.

Der These vom Ende des Wirtschaftswachstums möchte Philipp Harms nicht folgen. In den saturierten, westlichen Industriestaaten sei es jedoch nur noch ein Abbild des technologischen Fortschritts.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.