Warum die Bahn ihre Klimaziele verfehlen wird

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Bahnexperte im ZDF-Interview - Warum die Bahn ihre Klimaziele verfehlen wird

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Bis 2030 soll die Bahn doppelt so viele Menschen transportieren. So steht es in den Klima-Beschlüssen. Der Experte Christian Böttger erklärt, warum das kaum zu schaffen ist.

Archiv: Das Logo der Deutschen Bahn ist auf einem ICE im Hauptbahnhof in Frankfurt am 03.09.2018 zu sehen.
"Um die Verdoppelung der Fahrgastzahlen zu erreichen, muss vor allen Dingen die Infrastruktur ausgebaut werden", sagt Experte Böttger.
Quelle: DPA

heute.de: 86 Milliarden Euro an Steuermitteln stellt der Bund für die Sanierung des Schienennetzes zur Verfügung. Die Deutsche Bahn kauft für Rekordsummen neue Züge. Warum bezweifeln Sie dennoch, dass die Klimaziele zu erreichen sind?

Christian Böttger: Es sind alles Schritte in die richtige Richtung, die die Bahn da gerade macht. Aber um die Klimaziele zu erreichen, um die Verdoppelung der Fahrgastzahlen zu erreichen, muss vor allen Dingen die Infrastruktur ausgebaut werden. Und trotz all der gewaltigen Zahlen, die da im Raum stehen, reicht dafür das Geld nicht aus, und es reichen auch die Ressourcen nicht aus. Mehr Geld alleine hilft nicht, wenn man nicht auch die Leute hat, die das verbauen können. Wir haben in der heutigen Struktur nicht die Planer, nicht die Baufirmen um diese Projekte durchzuführen. Deswegen bin ich sehr skeptisch, dass dieses Ziel erreicht werden kann.

heute.de: Bahn und Verkehrsministerium betonen, dass noch nie so viel Geld in das System Bahn gesteckt wurde wie in den nächsten zehn Jahren. Wieviel müssen wir denn noch aufwenden?

Böttger: Diese 86 Milliarden in der zehnjährigen Finanzierungsvereinbarung betreffen allein die Instandsetzung des bestehenden Netzes. Und schon hier muss man sich fragen, ob es reicht. Da sind in den letzten Jahren 50 Milliarden an Rückständen aufgelaufen. Die 86 Milliarden werden nicht reichen, um das Netz zu erhalten, schon gar nicht um die Rückstände abzubauen. Um aber tatsächlich mehr Verkehr auf der Schiene bewältigen zu können, brauchen wir mehr Infrastruktur. Und dafür stehen zurzeit jährlich 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Wir bräuchten aber eigentlich etwa 100 Milliarden bis 2030. Es ist nicht sichtbar, dass dieses Geld tatsächlich zur Verfügung steht oder dass auch die Ressourcen dafür zur Verfügung stehen.

heute.de: Warum reicht es nicht, das bestehende Gleisnetz auf den neuesten Stand zu bringen?

Böttger: Wir sind in der Situation, dass sich die Netznutzung verändert. Immer mehr geht auf die großen Achsen, in die großen Knoten, das betrifft auch den Güterverkehr. Und dafür ist das Netz eben nicht ausgestattet. Wir sehen, dass das Netz auf erheblichen Teilen heute bereits bis an den Anschlag ausgelastet ist. In der Zufahrt zu den großen Knoten, nach Köln, Frankfurt, München, Berlin oder Hamburg sind wir bereits an den Kapazitätsgrenzen angekommen. Die Pendlerzüge sind überfüllt, wir lassen regelmäßig Leute an den Bahnsteigen stehen, weil die Kapazitäten schon heute nicht reichen. Und auf der Basis noch mal verdoppeln zu wollen erfordert tatsächlich neue Infrastruktur.

Die Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr ist gestiegen.
Die Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr ist gestiegen.
Quelle: Bodo Marks/dpa

heute.de: Was muss denn passieren, um die Schienenknoten zu entlasten?

Böttger: Da gibt es eine Vielzahl von Lösungen, eine Vielzahl von Konzepten für jede Stadt, für jede Region noch mal anders. Aber es geht in der Tat ganz massiv um neue Infrastruktur - neue Trassen oder Ausweichstrecken etwa. Natürlich geht es teilweise auch darum, dass man noch mal Signale versetzt oder verdichtet. Dass man in der Digitalisierung neue Kapazitäten schafft. Das ist eine Fülle von unterschiedlichen Mechanismen, die dahinter stehen. Aber auf jeden Fall erfordern sie Geld und auch die Leute, die das bauen können.

heute.de: Es gibt doch europaweit eine ganze Reihe von Firmen, die das durchführen könnten. Wer fehlt denn da konkret?

Böttger: Wir brauchen zum einen Planer, wir haben in Deutschland ja ein unglaublich komplexes Planungsrecht. Die Bundesregierung hat jetzt erstmals angefangen, das ein kleines bisschen zu vereinfachen. Auch das ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Aber der Markt ist leer.

Es gibt auch immer mehr Bauaufträge, bei denen die Bahn kein einziges Angebot mehr bekommt. Die Baufirmen sagen, es ist viel einfacher, die Regeln sind viel lockerer, wenn ich eine Straßenbrücke baue als wenn ich eine Bahnbrücke baue. Deswegen findet die Bahn tatsächlich sowohl in der Planung als auch in der Durchführung auf dem freien Markt nicht genügend Firmen, die das tatsächlich umsetzen können.

heute.de: Wenn es bei der Bahn an Geld und Ressourcen fehlt, warum hat der Straßenbau diese Probleme nicht?

Böttger: Der Straßenbau wird bevorzugt. 75 Prozent der Deutschen sagen ja auch, dass sie gerne oder sehr gerne Auto fahren. Also man weiß, man kann keine Wahl gegen den Autofahrer gewinnen. Auch die Logistikindustrie sagt, dass man Straßenlogistik für die Wirtschaft braucht – das ist ein Stück weit natürlich auch richtig. Aber wir stecken viel mehr Geld in die Straße als in die Schiene.

Aber wir stecken viel mehr Geld in die Straße als in die Schiene.

Wenn Sie alle Ebenen zusammen rechnen, inklusive Kommunen, dann werden jedes Jahr 30 Milliarden Euro in den Straßenbau gesteckt. Das muss man immer im Kontext sehen. Bei der Bahn reden wir über 1,5 Milliarden Neubau-Etat und etwa 4,5 Milliarden, die der Bund für die Instandsetzung zur Verfügung stellt. Das zeigt ungefähr die Relation von der wir reden.

Das Interview führte Hansjürgen Piel.

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