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Zukunftsvisionen für das Theater - Der letzte Vorhang fällt noch lange nicht

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Visionär, experimentierfreudig, aber finanziell klamm - wie soll das Theater der Zukunft aussehen? Darum geht es bei der Hauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins.

Theaterbühne beim Umbau
Quelle: imago

Wenn ein Theater seine neue Spielzeit vorstellt, geht es inzwischen meist um mehr als geplante Premieren und Wiederaufnahmen. Im Mittelpunkt steht immer häufiger nichts Geringeres als die Frage nach der Zukunft des jeweiligen Hauses. Darüber wird diskutiert auch bei der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins in Lübeck diskutiert.

Hang zur Überforderung?

Für Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, steht außer Frage, dass sich die Theater für eine breitere Gesellschaft jenseits des Bildungsbürgertums öffnen müssen: "Das Theater ist vor allen Dingen natürlich ein Ort der künstlerischen Auseinandersetzung. Damit verbunden ist aber stets die Verpflichtung, mit dem Publikum in einen Austausch zu kommen. Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag, Stimmungen und Befindlichkeiten vor Ort aufzugreifen und gesellschaftlich relevante Themen zu behandeln."

Professor Christopher Balme, Direktor des Instituts für Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sieht dabei auf die Theater einen schwierigen Spagat zukommen. "Auf der einen Seite müssen Stadt- und Staatstheater einen Kulturauftrag erfüllen, damit sie weiterhin öffentliche Fördermittel bekommen. Auf der anderen Seite müssen sie den verschiedenen Interessen des Publikums gerecht werden", so der Theaterwissenschaftler.

Theater wieder zu einem selbstverständlichen Ort machen

Da ist einerseits das Abonnementpublikum, das ein Festhalten an klassischen Stücken erwartet. Da sind anderseits die jüngeren Zuschauer, die eher durch Experimentierfreude zu gewinnen sind. Wenn überhaupt, gibt Professor Christopher Balme zu bedenken: "Die Praxis, dass Kinder innerhalb der Familie ans Theater herangeführt werden, ist heute nicht mehr selbstverständlich."

In Erlangen, wo das Stadttheater in der Spielzeit 2018/2019 sein 300-jähriges Bestehen feiert, versucht man diesen Bruch durch frühkindliche kulturelle Bildung vom Kindergarten an zu kitten. "Wir wollen so das Theater wieder zu einem selbstverständlichen Ort für sie machen", unterstreicht Intendantin Katja Ott. Doch egal ob Kinderstücke, Theaterworkshops oder moderne Erzählweisen, es ist ein langer und mühsamer Weg mit vielen Rückschlägen. Katja Ott betont: "Es bleibt die schwierigste Aufgabe, junge Leute wieder für das Theater zu begeistern."

Innovative Ansätze sind gefragt

Ihre Devise: "Theater muss in Bewegung sein und sich weiterentwickeln, um bestehen zu können." In der Jubiläumsspielzeit wird in Erlangen deshalb viel probiert und experimentiert: So wird es im Rahmen eines Gastspiels die Gelegenheit bieten, im Theater direkt auf der Bühne zu übernachten. Und auch in der Vermittlungsarbeit gibt es neue Wege: Schauspieler und Regisseure kommen zu den Zuschauern nach Hause, um sich bei einem selbstgekochten Menü mit diesen über den Hintergrund von Stücken und Inszenierungen auszutauschen.

Dabei kann Katja Ott auf die Unterstützung des Erlanger Oberbürgermeisters Florian Janik (SPD) bauen. "Als Träger darf man von seinem Theater erwarten, dass es sich nicht selbst in seinen eigenen vier Wänden genug ist und stattdessen nach außen in die Stadt geht und dort die Bürger mit innovativen Ideen abholt. Im Gegenzug muss man als Träger seinem Theater aber auch den Freiraum einräumen, dass nicht jeder Versuch erfolgreich sein muss."

Weniger Schauspieler, monotoner Spielplan

Egal ob Erfolg oder Misserfolg solcher Experimente, Professor Christopher Balme sieht unausweichliche Veränderungen auf die Theaterlandschaft zukommen: "Für die kleineren Stadttheater wird es langfristig finanziell schwierig sein, ein großes Ensemble halten zu können, mit dem sie mehrere hauseigene Inszenierungen im Repertoire behalten können." Die Folge: Vielerorts könnte die schöne Gewohnheit, jeden Abend ein anderes Stück genießen zu können, passé sein.

Doch gerade im ländlichen Raum kommt den Theatern in Zukunft für Marc Grandmontagne eine zentrale Bedeutung zu. Er betont: "Dort, wo es Theater, Bibliotheken und Orchester gibt, lebt man gerne. Dadurch bleibt eine Region attraktiv für Menschen. Mit jeder Schließung oder Zusammenlegung geht ein Stück davon verloren und die betroffene Region verliert weiter den Anschluss."

Theater bleiben unverzichtbar

Im Bereich der Kulturförderung fordert er deshalb neue Wege zu gehen: "In vielen Häusern gibt es extreme finanzielle Spannungen, weil Städte und Kommunen in einer sehr schwierigen Haushaltslage sind und am Ende zunächst immer am künstlerischen Budget gespart wird." Marc Grandmontagne mahnt: "Wir brauchen einen neuen Dialog mit der Kulturpolitik. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, tragfähige Visionen zu entwickeln."

Auf Bundesebene wird der Ball seitens des Staatsministeriums für Kultur und Medien (BKM) zurückgespielt. Bei der Investition in Bildung und Kultur komme den Ländern und Kommunen, die nach dem Grundgesetz in erster Linie für Bildung und Kultur zuständig sind, eine große Verantwortung zu, so der Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). In einem ist man sich dagegen einig. Als Begegnungsort und Spiegel gesellschaftlicher Entwicklung bleibt das Theater unverzichtbar.

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