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Experte zum Koalitionsvertrag - "Echtes Grundrecht für die junge Generation"

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Was bringt der Koalitionsvertrag den Generationen Y und Z, also den unter 37-Jährigen? Überraschend viel, meint Soziologe Hurrelmann. Besonders eine Neuerung sei ein echter Gewinn.

Junge Menschen in Berlin
Stecken im Koalitionsvertrag gute Nachrichten für die Generation Y? Quelle: imago

heute.de: Der Koalitionsvertrag von Union und SPD steht. Wie viel Gutes bringt er der sogenannten Generation Y, also den 18- bis 37-Jährigen, und der Generation Z, den unter 18-Jährigen?

Klaus Hurrelmann: Man merkt dem Koalitionsvertrag an, dass diese beiden jüngsten Generationen Y und Z bei der Ausgestaltung mit im Blick waren. Ich selbst bin richtig angetan davon, dass die Kinderrechte im Grundgesetz verankert werden sollen. Das wird oft vergessen, aber es ist von überragender Bedeutung, dass ein echtes Grundrecht für die jungen Generationen geschaffen wird. Das bedeutet, dass Kinder und Jugendliche klagen können, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Rechte nicht beachtet werden. Das ist mehr als ein symbolischer Akt. Die gleichberechtigte Position von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft ist damit ein Verfassungsrecht. Der zweite wichtige Punkt ist die Verankerung einer eigenständigen Jugendpolitik. Das berücksichtigt, dass sich die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenenalter nicht nur gestreckt hat und unübersichtlich geworden ist, sondern auch ein eigenständiger Lebensabschnitt geworden ist. Immer mehr Menschen studieren, was länger dauert, und auch die Ausbildung wurde zeitlich ausgedehnt. In dieser Zeit braucht man Entfaltungsmöglichkeiten. Entsprechend werden im Koalitionsvertrag Teilhabe und Selbstentfaltung der jungen Leute betont.

heute.de: Eine Ihrer Thesen ist, dass diese beiden Generationen sowieso nicht weit im Voraus planen. Wie wichtig ist da die vereinbarte Reduzierung der sachgrundlos befristeten Beschäftigung?

Archiv: Klaus Hurrelmann am 05.09.2017 in Berlin
Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Quelle: imago

Hurrelmann: Gerade weil die Lebenssituation unübersichtlich geworden ist, weil man eigentlich nichts langfristig planen kann, werden Arbeitsverträge  geschätzt, die unbegrenzt sind. Ganz oben auf der Wunschliste der jungen Leute steht neben Spaß und Erfüllung die Sicherheit. Sie wollen zwar nirgendwo feststecken, aber das Gefühl haben, dass man bleiben könnte. Wenn sich an den vielen befristeten Verträgen etwas ändern würde, dann wäre das ein großer Gewinn.

heute.de: Wie sieht es im Bereich Familie aus?

Hurrelmann: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für diese Generationen von riesiger Bedeutung. Vor allem auch, weil inzwischen so viele hochqualifizierte Frauen in den Beruf einsteigen. Bei denen besteht noch stärker als bei Männern der Wunsch, sich erst im Beruf zu entfalten, aber dann irgendwann das Privatleben in den Vordergrund  treten lassen zu können. Das ist im Vertrag ausdrücklich erwähnt. Das müsste die Generation Y, also die über 18 bis etwa 37-Jährigen, merken und auch zu würdigen wissen.

heute.de: Gibt es noch mehr gute Nachrichten für die Jüngeren?

Hurrelmann: Das Recht auf Teilzeit: Für Frauen, aber zunehmend auch für Männer, ist das ein sehr großer Wunsch. Aber auch die Weiterbildung. Das sind Generationen, die wissen, dass sie mit ihrer jetzigen Ausbildung nicht sehr weit kommen werden und sich immer wieder neu orientieren müssen. Deswegen sind alle Weiterbildungsangebote von großer Bedeutung. Der Abbau des Kooperationsverbotes, also dass der Bund den Ländern Geld für die Bildung geben kann, ist ein guter Schritt. Auch soll es in der beruflichen Ausbildung eine Mindestvergütung geben und das BAföG verbessert werden. Nicht zu vergessen, dass endlich die Digitalisierung aller Lebensbereiche beachtet wird. Das gehört alles auf die Liste der Dinge, bei denen die Große Koalition die Interessen der Jüngeren mit aufnimmt.

heute.de: Aber wenn man den Koalitionsvertrag als Ganzes betrachtet: Wurde dann vielleicht doch mehr für Ältere getan?

Hurrelmann: Wenn man sich anschaut, für welche Maßnahmen wieviel Geld fließen wird, ist das schon etwas anderes. Die Rentenreform ist natürlich wahnsinnig teuer, insbesondere wenn ein Wirtschaftseinbruch kommt.

Auch sind diese Änderungen fester verankert. Mit Reformen bei der Rente legt man sich auf Jahrzehnte fest. Diese kommen den älteren Generationen zugute und werden irgendwann über Steuern oder andere Abgaben den Jüngeren aufgehalst. Da sieht man, dass der größte Brocken an Ausgaben mal wieder den älteren Generationen zur Verfügung gestellt wird.

heute.de: Die Jusos haben dafür geworben, in die SPD einzutreten und gegen die Große Koalition zu stimmen: Kann man junge Generationen mit solchen Aktionen für Politik begeistern?

Hurrelmann: Grundsätzlich ja. In diesem sehr komplexen politischen Geschäft gibt es ja Tausende und Abertausende Diskussionen. Und dann verschwimmen sehr schnell die Alternativen. So ein Angebot, bei dem man mit "Ja" oder "Nein" stimmen kann, spricht gerade auch Jüngere besonders an. Insbesondere, wenn man damit so gewichtig über die politische Entwicklung im Land entscheiden kann. Da kann keiner mehr sagen, dass er nicht von Bedeutung ist. Das wird in Zukunft sicher auch von den anderen Parteien mitentdeckt werden.

heute.de: Was glauben Sie, wie wirkt es auf die Jüngeren, dass Martin Schulz nun doch Minister unter Merkel werden will, obwohl er das im Wahlkampf ausgeschlossen hatte?

Hurrelmann: Das wird als Wortbruch wahrgenommen, das kommt bei jungen Leuten ganz schlecht an. Denn diese Leute suchen nicht nur nach Richtungen, sondern auch nach Ehrlichkeit, Berechenbarkeit und Wahrhaftigkeit. Wenn solche Aussagen, die eine moralische Komponente haben, gebrochen werden, dann ist das fatal. Besonders bei ihm.

heute.de: Warum besonders bei ihm?

Hurrelmann: Was ihn immer ausgezeichnet hat, ist sein emotionaler Zugang zur Politik. Man konnte ihn immer als Menschen erkennen, der rackert und mit seinem rheinischen Temperament auch mal lachen kann. Das hat ihm große Sympathien gebracht, gerade auch bei jungen Leuten. Umso wichtiger wäre es, dass er jetzt keinen Wortbruch begeht. Das Umschwenken von einem "Nein" zum "Ja" zur Großen Koalition hingegen wird eher als Notwendigkeit gesehen. Das ist vermittelbar.

heute.de: Unterm Strich: Können sich die jungen Generationen über den Koalitionsvertrag freuen?

Hurrelmann: Ganz klar: ja.

Das Interview führte Henrik Pomeranz.

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