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Kölner Stadtarchiv - Das Zwei-Millionen-Teile-Puzzle

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Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 müssen unzählige Dokumente restauriert werden. Es wird 30 bis 40 Jahre dauern, bis alle Arbeiten abgeschlossen sind.

Archiv: Restaurierung von Akten aus dem Kölner Stadtarchiv, aufgenommen am 17.04.2009 in Köln
Archiv: Restaurierung von Akten aus dem Kölner Stadtarchiv, aufgenommen am 17.04.2009 in Köln Quelle: ap

Vorsichtig entnimmt Michael Helm einen Papierschnipsel aus dem Karton. Einer von Tausenden. Handschuhe, weißer Kittel, Unterdruck-Kabine - die Szene mutet an wie in einem Labor. Mit äußerster Sorgfalt besprüht er den Schnipsel mit Luftdruck und einem Spezialpulver, um ihn rundum zu säubern. Denn die meisten dieser Papierfetzen haben monatelang im Wasser und  Bauschutt gelegen. "Man braucht Geduld und muss hochkonzentriert arbeiten", sagt Helm, "denn zu viel Druck zerstört die Oberfläche. Dann ist alles verloren."

Die Säuberung der Papierfetzen ist nur einer von vielen aufwendigen Arbeitsschritten, die in einer ehemaligen Lagerhalle eines Möbelhauses im Kölner Süden stattfinden. Hier befindet sich das Restaurierungs- und Dokumentationszentrum (RDZ) der Stadt Köln. Der größte Teil dessen, was an Archivgut aus den Trümmern des Kölner Stadtarchivs gerettet werden konnte, ist hier gelagert.

Das Gedächtnis der Stadt in einer Lagerhalle

In der 10.000 Quadratmeter großen Halle arbeiten 90 Fachleute und setzen das Zwei-Millionen-Teile-Puzzle Stadtarchiv wieder zusammen. Alles hier ist klinisch sauber: weiße Overalls und blaue Schutzhandschuhe für die Mitarbeiter sind Vorschrift, ebenso wie die Abluftröhren an der Decke für den gesammelten Staub und Dreck. In grellem Neonlicht stapeln sich die Pappkartons in Regalen und auf den Tischen: Urkunden, Akten, Bücher oder Fotos. Das gesamte "Gedächtnis der Stadt Köln", wie sie hier sagen.

"95 Prozent des gesamten Archivgutes konnten geborgen werden, der Rest ist leider unwiederbringlich verloren", sagt Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia. Sie konnte sich mit vielen anderen vor neun Jahren gerade noch aus dem Gebäude retten, bevor es einstürzte. Dass am Ende tatsächlich fast alles an Archivmaterial geborgen werden konnte hätten sie 2009, im Jahr des Einsturzes, nicht für möglich gehalten. Rund 4.000 freiwillige Helfer hatten nach dem Einsturz mehr als eine Million Kisten und Kästen, mit Schriften, Büchern, Fotos und Karten aus dem Schutt geborgen und sortiert.

Lernfähige Software als Puzzle-Hilfe

30 bis 40 Jahre wird die Restaurierung insgesamt dauern, schätzt Archivleiterin Schmidt-Czaia und beziffert allein hierfür Kosten bis zu 400 Millionen Euro. Denn mit der Säuberung allein ist es nicht getan: die Millionen von Schnipseln - die sie hier "Köln-Flocken" nennen - müssen wieder zusammengefügt werden. Dazu werden sie nach dem Säubern eingescannt und katalogisiert. Eine spezielle, lernfähige Software übernimmt anschließend die Arbeit. Anhand von Farbe, Risskanten und Schriftart stellt der Computer fest, welche Fragmente zusammen gehören. "Das Software-System wurde bereits für die Aufarbeitung geschreddeter Stasi-Unterlagen eingesetzt und ist für unsere Anforderungen weiter entwickelt worden", sagt Schmidt-Czaia. "Virtuelles puzzeln" nennen sie das hier. So entstehen - mit viel Akribie, Fleißarbeit und Geduld - zumindest digitale Varianten der zerstörten Schriftstücke.

Archiv: Kölner Stadtarchiv nach dem Einsturz, aufgenommen am 04.03.2009 in Köln
Archiv: Kölner Stadtarchiv nach dem Einsturz, aufgenommen am 04.03.2009 in Köln Quelle: dpa

"Von unserem Ziel, Bestände in ihrem Kontext komplett wiederherzustellen mussten wir uns allerdings schnell verabschieden", räumt die Archivleiterin ein, "denn dadurch, dass die meisten Signaturen verloren gegangen sind, lassen sich auch keine Kontexte mehr herstellen". Das Ziel sei nun, die wiederhergestellten Einzelstücke so schnell wie möglich wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Rund zehn Prozent des geretteten Archivguts seien wieder verfügbar - analog oder digital.

In der Ruhe liegt die Kraft

 "Es ist kein Sprint, sondern eine Marathonaufgabe", sagt Schmidt-Czaia. "Unsere Generation muss diesen Marathon durchstehen. Wir können nicht warten, bis eine zukünftige kommt. Wenn wir wünschen, dass wir 1.000 Jahre Schriftkultur der Stadt Köln auch den nachfolgenden Generationen übermitteln wollen, dann muss unsere Generation dafür kämpfen."

Der Grundstein für die Zukunft ist bereits gelegt. Wenige Kilometer weiter entsteht nun das neue Kölner Stadtarchiv, ein moderner, transparenter Bau. Zwar verlaufen die Bauarbeiten nicht ganz nach Plan - der für 2020 geplante Umzug wird sich wahrscheinlich verzögern. Doch eines ist sicher: Die nächste U-Bahn ist weit weg.

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