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Beisetzung des Altkanzlers - Kohl-Trauerfeier in Speyer: Lautes Lob und leise Kritik

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Der ganze Tag steht im Zeichen der Trauerfeier für Helmut Kohl. Am Vormittag würdigten die nationalen und internationalen Politik-Größen den Alt-Kanzler in Straßburg. Ein Nachmittag am Dom zu Speyer, wo das Requiem am Abend stattfand, offenbart viel Licht - und einige Schatten.

Im Speyrer Kasiserdom, „Kohls Hauskirche“, zelebrierte der Speyrer Bischof das Requiem für den verstorbenen Altkanzler. Ein militärisches Ehrengeleit folgte, bevor Kohls Sarg in Domnähe im engsten Kreis beigesetzt wurde.

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Der Wind pfeift über den Domplatz in Speyer, der Himmel ist dunkel, es nieselt - das Wetter hat sich dem Anlass der Trauerfeier für Alt-Kanzler Helmut Kohl angepasst. Nach dem europäischen Staatsakt in Straßburg findet nun das Requiem im Hohen Dom zu Speyer statt. Hier schweigen die Größen der Politik, ihre Reden in Straßburg klingen aber noch nach: Kohl, der "deutsche und europäische Patriot" - so nannte ihn EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Und auch den Kanzler der Einheit. Doch was denken die Gäste und Schaulustige in Speyer über den Ex-Kanzler?

Viele Kohl-Fans auf dem Domplatz

Auf dem Ölberg neben dem Dom ist eine Leinwand aufgebaut, die später den Trauergottesdienst für die nichtgeladenen Gäste nach draußen übertragen wird. Schon Stunden vor Beginn der Feier steht ein Mann in grün-schwarzer Motorradkluft vor der Leinwand, um die Schultern trägt er eine Deutschlandfahne. Udo Spannenkrebs ist extra aus Sachsen mit dem Motorrad angereist. "Helmut Kohl hat mein Leben verändert", sagt er. Ihm hätten die Bürger der ehemaligen DDR es zu verdanken, nicht mehr hinter Mauern leben zu müssen: "Kohl hat 1989 die historische Möglichkeit der Einheit erkannt", erklärt Spannenkrebs.

Langsam bekommt der Sachse Gesellschaft auf dem Ölberg, der Platz ist für 3.500 Menschen ausgelegt, wird aber bis zum Schluss relativ leer bleiben. Einige Kohl-Fans sind aber doch gekommen - so auch Uwe Funke. Das ehemalige SPD-Mitglied kommt zwar aus einer anderen politischen Richtung, lobt aber Kohls Heimatverbundenheit. Der 66-Jährige stammt selber aus Kohls Heimatsstadt Ludwigshafen und ist nach Speyer gekommen, um den Alt-Kanzler auf seinem letzten Weg zu begleiten. Etwas Schlechtes möchte er über ihn nicht sagen: "Über Tote soll man nicht schlecht reden", begründet Funke seine Haltung.

Deutsche und Europäische Einheit werden gelobt

Wie auch die offiziellen Redner in Straßburg loben die Anwesenden Kohl für die Wiedervereinigung Deutschlands und die europäische Integration. Ursula Austermann aus Münster hat eine deutsche und eine europäische Flagge dabei. Sie hat Kohl im Oktober 2001 persönlich kennengelernt, als dieser eine Ausgabe seiner Biografie für sie signierte. Sie macht sich angesichts des Brexits und des Streits mit Ungarn, Polen und anderen Staaten Sorgen um Kohls Erbe. "Es ist eine ungewisse Zeit", sagt Austermann und fordert, sich wieder auf Kohls Ideale zurückzubesinnen.

Viele hier haben eine persönliche Wende-Geschichte zu erzählen, die sie vor allem mit Kohl verbinden. Bernd Arendt floh 1977 über die Mauer nach Westdeutschland und traf einige Monate später Kohl im Bundestag. "Wir waren 1990 überglücklich, als es mit der Wiedervereinigung endlich geklappt hat", sagt Arendt, der mit seinem Sohn da ist. Dem 17-Jährigen erzähle er häufig von dieser Zeit, um ihm die Bedeutung von Frieden und Freiheit näher zu bringen.

Der "gute Helmut"

So mancher derjenigen, die heute Abschied vom Alt-Kanzler nehmen wollen, berichten, dass ihre gesamte Jugend durch Kohl geprägt war. Stefan Küstermann spricht beinahe liebevoll von "Helmut", wie er ihn nennt. "Ich will den guten Helmut heute auf seinem letzten Weg begleiten", sagt der 50-Jährige aus Krefeld.

Für ihn hat Kohl Großes geleistet: "Wir werden erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wirklich sehen, wie wichtig sein Wirken für ein gutes Leben in Europa war." Das europäische Projekt ist auch für Lutz Querfurth aus Speyer das wichtigste Erbe Kohls. Gerade die Pfalz sei immer wieder durch Konflikte mit Frankreich geprägt gewesen. "Heute fahren wir ganz selbstverständlich rüber ins Elsass", sagt Querfurth.

Kritische Stimmen sind leise, aber vorhanden

Fast durchweg wird Kohl gelobt. Spendenaffäre, Familienkrise, der Zwist mit Parteifreunden wie Heiner Geißler sind für viele nur Fußnoten der Geschichte. Doch ab und an zeigen sich auch die Schattenseiten. So sagt Lutz Querfurth: "Kohl ist als Mensch sicher nicht immer einfach gewesen", und bedauert den Familienstreit um die Beerdigung und die Trauerfeier.

Auf der Leinwand ist nun die Ankunft des Sargs - mittlerweile mit deutscher Flagge - in Speyer zu sehen. Mechthild Sander schaut kritisch zu - für sie sei Kohl immer ein politischer "Kontrapunkt" gewesen. "Viel zu konservativ", sagt sie. Für sie ist der europäische Staatsakt und die Beisetzung in Speyer eine "Inszenierung", die sich gegen das politische Berlin richte und "größer als jeder Staatsakt" sei.

Sie bewertet die Kanzlerschaft Kohls nicht so positiv wie viele andere. Nicht Kohl sei der Kanzler der Einheit, sondern Willy Brandt. Er habe mit seiner Entspannungspolitik die Wiedervereinigung erst möglich gemacht. "Kohl ist nicht der Kanzler der Einheit, er war lediglich der Herr der Stunde", erklärt Sander, die in Rufweite zum Dom zu Speyer wohnt. Wenn Kohl am Abend im Familien- und Freundeskreis beigesetzt wird, ist zwar das Leben des Alt-Kanzlers endgültig beendet, doch die Bewertung seiner Kanzlerschaft wird die Republik noch lange beschäftigen.

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