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Mafia-Film in Cannes - "Nicht zerstört, aber beschädigt"

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Ein Mafia-Boss, der auspackt - und in Italien ein Beben auslöst. Darum geht es in "Der Verräter". Er sei fasziniert von dem "schillernden Charakter", erklärt Regisseur Bellocchio.

Am 23. Mai feiert “Der Verräter” seine Premiere in Cannes im Wettbewerb der Filmfestspiele. Es ist ein Film über einen Mafiaboss, der das Schweigen gebrochen hat.

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Er hat das Schweigen gebrochen. Tommaso Buscetta war der erste Mafiaboss, der die "Omertà", den Treueeid der sizilianischen Mafia, missachtet und mit der Justiz zusammengearbeitet hat. Ein Verräter in den Augen der Mafia. Buscetta sah das anders. Für ihn waren die übrig gebliebenen Mitglieder der Mafia, die nicht mehr davor zurückschreckten, auch Frauen und Kinder zu töten, die eigentlichen Verräter der "Cosa Nostra".

Unter Zeugenschutz in den USA

Es gibt viele tolle Mafia-Filme, aber wir wollten etwas ganz anderes machen.
Marco Bellocchio

So erklärte Buscetta das dem Ermittlungsrichter Giovanni Falcone. Seine Aussagen führten zur Festnahme von 366 Mafiamitgliedern, die sich in den 80er Jahren in einer Serie großer Prozesse vor Gericht verantworten mussten. Die Rache der Mafia blieb nicht aus. Zwei seiner Söhne und ein Dutzend weitere Familienmitglieder wurden getötet. Buscetta lebte bis zu seinem Lebensende unter einem Zeugenschutzprogramm in den USA. 

Der italienische Altmeister Marco Bellocchio (79) hat sich dieses wichtigen Kapitels der italienischen Geschichte angenommen, das das Land bis ins Mark erschüttert hatte. "Es gibt viele tolle Mafia-Filme, aber wir wollten etwas ganz anderes machen", sagte Bellocchio auf der Pressekonferenz in Cannes. Herausgekommen ist ein gut zweieinhalb Stunden langer, hochspannender Film, dessen Premiere mit minutenlangem Beifall gefeiert wurde.

Erbitterter Krieg untereinander

Als wir noch mit Zigaretten schmuggelten, lief alles gut. Erst als das Heroin aufkam, wurden alle immer habgieriger und befehdeten sich gegenseitig.
Tommaso Buscetta

"Ich war fasziniert von seinem schillernden Charakter", sagt Bellocchio. Buscetta, genannt Masino, war Sohn eines Glasers, relativ ungebildet, aber voller Charisma und natürlicher Autorität. Er hatte sich nach Brasilien abgesetzt, als mehrere Mafia-Familien sich einen erbitterten Krieg untereinander liefen. "Als wir noch mit Zigaretten schmuggelten, lief alles gut. Erst als das Heroin aufkam, wurden alle immer habgieriger und befehdeten sich gegenseitig", erklärt Buscetta es dem Ermittlungsrichter. 

Der Film erzählt, wie Buscetta in Brasilien festgenommen und an Italien ausgeliefert wurde. Hin und wieder sind historische Aufnahmen zu sehen, etwa wie der echte Buscetta aus dem Flugzeug steigt, die Hände unter einer Decke verborgen, so dass niemand sehen konnte, ob er Handschellen trug. Bellocchio erinnert sich an diesen Moment. "Das war auf der Titelseite aller Zeitungen. Aber man wusste noch wenig über ihn. Das Gewicht seiner Aussagen wurde erst nach und nach deutlich."

Respekt und Verständnis auf beiden Seiten

Am Ende hatte der Staat einen Teilsieg gegen die Mafia erreicht. Sie war nicht zerstört, aber beschädigt
Marco Bellocchio, Regisseur

Ermittungsrichter Falcone wusste, auf was er sich einließ, als er Buscetta sein Insiderwissen entlockte. Je länger die Verhöre dauerten, desto mehr wuchsen Respekt und Verständnis auf beiden Seiten. Als Buscetta zögerte, einen angebotenen Kaffee zu trinken, weil er fürchtete, dass er vergiftet sein könnte, schieb Falcone ihm wortlos seine eigene Tasse hin. Sechs Jahre nach dem ersten Treffen der beiden kam Falcone bei einem Sprengstoff-Anschlag ums Leben. 

Die so genannten Maxi-Prozesse waren die Bühne, auf der Buscetta seine großen Auftritte hatte - vor allem in den Kreuzverhören mit anderen Mafiamitgliedern. Der Gerichtssaal wurde zu einer riesigen Bühne, auf der es immer wieder zu Tumulten kam - mit keifenden Ehefrauen auf der Tribüne, Mafia-Mitgliedern, die sich aus Protest entkleideten und empörten Anwälten, die nach einer Übersetzung ins Italienische brüllten, wenn die Angeklagten in hohem Tempo sizilianischen Dialekt sprachen.

"Am Ende hatte der Staat einen Teilsieg gegen die Mafia erreicht. Sie war nicht zerstört, aber beschädigt", resümiert Bellocchio. Buscetta verbrachte seine letzten Jahre in den USA, wo er seine Paranoia nie ganz ablegen konnte und sich ab und zu eine Waffe im Supermarkt kaufte, wenn sie gerade im Sonderangebot waren - und von seiner Lieblingseisdiele in Palermo träumte.

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