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"Mit der Renovierung nicht mal angefangen"

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100 Tage Brand von Notre-Dame - "Mit der Renovierung nicht mal angefangen"

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Vor 100 Tagen hat es gebrannt, seitdem ist Notre-Dame die berühmteste Baustelle Frankreichs. Touristen kommen, aber verweilen nicht mehr. Die Renovierung hat nicht mal begonnen.

Sanierungsarbeit an der Notre-Dame in Paris (Frankreich), aufgenommen am 17.07.2019
Noch ist die Ruine der Kathedrale Notre-Dame in Paris nur mit Planen bedeckt. Die Renovierungsarbeiten haben noch gar nicht begonnen.
Quelle: AP

Domitille Monville hatte ihr kleines Bistro in der Nähe von Notre-Dame erst im März geöffnet, nur wenige Wochen vor dem Brand. Inzwischen musste sie mehrere Mitarbeiter entlassen und betreibt das Café nun weitgehend allein. "Es kommen immer noch viele Touristen her. Aber die meisten gehen schnell weiter", sagt sie im ZDF-Interview. Niemand habe Lust, mit der Aussicht auf einen Bauzaun Kaffee zu trinken. Ein paar Läden weiter klagt ein Café-Besitzer, dass er kurz vor der Pleite stehe.

Touristen am Metallzaun

Es ist sehr traurig, die Kathedrale in diesem Zustand zu sehen.
Marylou Morgan, USA

In der kleinen Straße, die nördlich von Notre-Dame verläuft, standen früher Touristen Schlange, um die Glockentürme zu erklimmen. Einer der beiden Türme wäre bei dem Brand beinahe eingestürzt. Heute stehen einige Touristen am Metallzaun und beobachten, was sich auf der berühmtesten Baustelle Frankreichs tut. "Wir waren vor vier Jahren hier, da war alles voll von Menschen. Jetzt ist es so leer hier", sagt Marylou Morgan, eine Besucherin aus den USA. "Es ist sehr traurig, die Kathedrale in diesem Zustand zu sehen."

Derzeit arbeiten Spezialisten daran, die 28 gotischen Strebebögen, die die Wände des Kirchenschiffes von außen abstützen, mit massiven Holzbalken zu verstärken. Mehrere riesige Kräne stehen dafür bereit. Auf dem Vorplatz der Kathedrale ist ein großes Zelt aufgebaut, in dem zahlreiche Steinbrocken in Metallregalen liegen. Jedes geborgene Stück soll untersucht werden.

Ferngesteuerte Bagger und Kräne

Im Moment geht es immer noch um die Absicherung. In welchem Zustand die Kathedrale ist, wissen wir erst, wenn das gesamte Gewölbe untersucht sind. Aber davon sind wir noch weit entfernt.
Philippe Villeneuve, Architekt

Vor einigen Tagen durften einige Journalisten ins Innere der Kathedrale und haben anschließend Fotos und Videos veröffentlicht. Darauf ist zu sehen, dass im Mittelschiff der Kirche ferngesteuerte Bagger und Kräne im Einsatz sind, um verkohlte Holzbalken und heruntergefallene Steine zu bergen. Viele Orte sind nicht zugänglich, da noch immer Einsturzgefahr besteht. Die Arbeiter tragen Schutzkleidung und Masken, um sich vor Bleistaub und anderen Gefahrenstoffen zu schützen.

"Mit der Renovierung haben wir noch nicht mal angefangen", erklärte der für die Arbeiten zuständige Architekt Philippe Villeneuve. "Im Moment geht es immer noch um die Absicherung. In welchem Zustand die Kathedrale ist, wissen wir erst, wenn das gesamte Gewölbe untersucht sind. Aber davon sind wir noch weit entfernt."

"Löschwasser trocknet nur langsam"

Touristen beobachten, was auf der Baustelle von Notre-Dame passiert
Touristen am Bauzaun von Notre-Dame
Quelle: ZDF/Ulrike Koltermann

Mehrere Experten halten die von Präsident Emmanuel Macron vorgesehenen fünf Jahre für den Wiederaufbau für unrealistisch. "Das Gewölbe war mehrere Stunden Temperaturen von etwa 1.000 Grad ausgesetzt. Hinzu kommt das Löschwasser, das nur langsam trocknet. Wir wissen noch nicht, wie die Steine darauf reagieren", betonte der Restaurator Antoine-Marie Préaut in einem Interview mit einem französischen Fernsehsender. "Jetzt einen Zeitplan aufzustellen, wäre zu gewagt", fügte er hinzu.

Mittlerweile hat auch die französische Nationalversammlung ein umstrittenes Gesetz verabschiedet, das den Wiederaufbau beschleunigen soll. Es ermöglicht zum einen, die Spendengelder zu verwalten und zum anderen, einige bislang geltende Regeln zum Denkmal- und Umweltschutz zu umgehen. Von den zugesagten 850 Millionen Euro sind nach Aussagen des Kulturministeriums bislang nur etwa zehn Prozent eingegangen. Allerdings gebe es bislang auch noch gar keine Kostenschätzungen für die Renovierungsarbeiten, betonte das Ministerium.

Drahtzaun, mit Blick auf die Fassade

An der Absperrung zum Vorplatz der Kathedrale, dort wo ein Drahtzaun den Blick auf die Fassade freigibt, stehen zahlreiche Touristen und fotografieren die Kathedrale. Unter ihnen treffen wir den ehemaligen Rektor von Notre-Dame, der mittlerweile Bischof in Guadeloupe und auf Heimatbesuch ist. "Das berührt mich sehr, Notre-Dame so beschädigt zu sehen", sagt er. Er hatte als Rektor auch den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl in der Kirche empfangen.

Den Wiederaufbau sieht er mit Optimismus. "Im 19. Jahrhundert wurde die Kirche schon einmal gründlich renoviert, und jetzt tun wir das im 21. Jahrhundert eben noch einmal", sagte er. Aber eines ist für ihn sehr wichtig: bloß keine architektonischen Experimente. "Man muss das Original wieder aufbauen, keine Frage", sagte er.

Ulrike Koltermann ist Mitarbeiterin des ZDF-Studios Paris.

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