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Kolumbien-Fans bei der WM - Pilgerfahrt der "Cafeteros"

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Sie tragen gelb, sind zahlreich und höchst feierfreudig: Kolumbiens Fans machen in Russland Stimmung. Beim Spiel gegen Senegal könnte ihre Party Europas größten Platz füllen.

Fans aus Kolumbien in Russland
Kolumbien-Fans sind in Russland zahlreich vertreten.
Quelle: dpa

Auf den ersten Blick sieht die Fanzone in Samara nicht viel anders aus als überall sonst: Blaue Planen umhüllen ein bestens bewachtes Innenstadt-Gelände mit Verkaufsständen und Videowänden. Hinein kommt nur, wer eine Personenkontrolle passiert. Den Weg zum FIFA-Fanfest, wie es korrekt heißt, weisen Hinweisschilder mit weißen Pfeilen auf blauem Grund: So findet jeder schon von der Straße Leningradskaja den Weg zum Kuibyschew-Platz.

Das für die Fans vorgesehene Areal in der einstigen Hochburg der Raketen- und Rüstungsindustrie - unter der Bezeichnung Kuibyschew noch bis 1991 für Besucher aus dem Ausland komplett verriegelt - wirkt riesig. Denn der Kuibyschew-Platz ist mit 174.000 Quadratmetern Fläche der größte in ganz Europa. Nun könnte diese bislang eher überdimensioniert wirkende Fanzone für das letzte WM-Gruppenspiel zwischen Kolumbien und Senegal (16 Uhr MESZ) tatsächlich gebraucht werden.

Mehr als 65.000 Karten gingen nach Kolumbien

Wer nämlich kein Ticket für die Kosmos-Arena hat, der geht am besten in die Fanzone. Abertausende von Kolumbianern dürften es am Donnerstag sein. Ihre Anhängerschaft gehört nicht nur zu den stimmungsvollsten, farbenprächtigsten und feierfreudigsten des Turniers, sondern auch zu den zahlreichsten.

65.234 Tickets sind im Vorlauf an die Landsleute von Radamel Falcao oder Superstar James Rodriguez gegangen. Das drittgrößte ausländische Kontingent. Weder Fans aus Deutschland oder England und auch nicht aus Argentinien können da mithalten. Nur aus den USA (88.825) und Brasilien (72.512) gab es mehr Bestellungen.

Nationalmannschaft beliebter als Vereine

"Nicht nur unsere Mannschaft, sondern auch unsere Fans sind etwas Besonderes", meint der Journalist Jaime Orlando Dimas Escobar. "Es geht den Menschen um ein fröhliches Fest und den Fußball. Einige haben dafür sogar Schulden gemacht, ihre Autos verkauft." Eine WM ist nicht gerade billig. Der normale Linienflug von Bogota nach Moskau kostet rund 1.000 Euro und dauert in der Regel mit einem Zwischenstopp in Paris rund 20 Stunden. Viele Anhänger haben sich in Moskau oder der Umgebung ein Apartment genommen, um von der russischen Hauptstadt im Zug oder Mietwagen zu den Spielen auszuschwärmen.

Der kahlköpfige Radiomann Dimas Escobar wird von ausländischen Kamerateams am Trainingsplatz im abgelegenen Quartier im Skiresort Kasan selbst häufig befragt. Die kolumbianische Delegation hat sich wohl nicht ganz zufällig ein Domizil 30 Kilometer abseits der Tatarenstadt mitten in einem Naturschutzgebiet gesucht, um dem Rummel zu entgehen: Der Swijaga-Komplex wirbt tatsächlich damit, 2010 die Europameisterschaft im Tontaubenschießen veranstaltet zu haben.

Die Kolumbien-Expertin Julieth Gonzalez Theran sagt: "Die Menschen lieben den Fußball. Und sie lieben die Nationalmannschaft mehr als die Vereine. Das geht durch Familien und Freundeskreise. Wenn das Nationalteam spielt, ist das Land wie paralysiert." Sie erzählt auch davon, wie die Nationen aus Lateinamerika sich bei einer WM gegenseitig unterstützen. "Kolumbianer gehen auch zu den Spielen von Peru oder sie feuern andere Teams in der Fanzone an." Die große Zahl komme auch zustande, "weil viele im Ausland lebende Kolumbianer nach Russland gereist sind".

Ein Volksfest bei jedem Spiel

Zuletzt in Kasan nach dem zweiten Gruppenspiel gegen Polen (3:0) hatten 25.000 Fans in kanariengelber Kluft ein Volksfest erst in der Fußgängerzone auf der Baumann Straße gefeiert und später in der WM-Arena am gegenüberliegenden Kasanka-Ufer. Niemand, der beim Singen der Nationalhymne Kolumbiens keine Gänsehaut hatte. Ein Heimspiel für "Los Cafeteros", wie die Kicker in Anlehnung an die Kaffeebauern Kolumbiens immer wieder genannt werden.

Sogar der Nationaltrainer Jose Pekerman, gebürtiger Argentinier, staunte - und bedankte sich hinterher artig für die lautstarke Unterstützung. "Das Glück, das wir empfinden, kann man mit nichts vergleichen", schwärmte Bayern-Star James, der von der Atmosphäre ergriffen war. "Die Leute sind von so weit gekommen, ums uns zu unterstützen, und das wollen wir einem Sieg belohnen", verspricht der 26-Jährige nun vor der Partie gegen Senegal.

Das Weiterkommen als Lebenselixier für den Anhang. Zuletzt waren sogar die Nationalhelden René Higuita und Carlos Valderrama in Russland zugegen, die allein wegen ihrer Frisuren den Kultcharakter aus den 90er Jahren behalten haben. Auch sie wollen die Party nicht versäumen. Einzelne Aussetzer gehören wohl dazu: Ein kolumbianischer Fan sorgte für Aufsehen, weil er zum ersten Gruppenspiel gegen Japan (1:2) Schnaps in einem falschen Fernglas ins Stadion von Saransk geschmuggelt hatte. Das Video sorgte in den sozialen Netzwerken für Aufsehen. Sein Arbeitgeber, die Fluglinie Avianca, kannte aber keine Milde. Der Mann soll seinen Job verlieren.

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