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Kommentar zu 30 Jahre Mauerfall - "Hört auf, von Ost und West zu faseln"

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Ost oder West? Das gibt's für unseren Autoren nicht mehr. Er ist 18 und kennt die Mauer nur von Youtube. Er fordert von heute 45-Jährigen: Fangt an mit dem Mauerfall in Eurem Kopf.

Berliner Mauer in Augmented Reality.
Berliner Mauer in Augmented Reality (Symbolbild)
Quelle: Brooks Kraft/Apple/dpa

30 Jahre Mauerfall. Die Abschaffung des Soli. Die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg. Und alle reden von "dem Osten" und "dem Westen". Von "den Wessis" und "den Ossis". Der Spiegel titelt: "So isser, der Ossi". Ich, lange nach dem Mauerfall in Berlin geboren, kenne kein Ost und West.

Täglich überquere ich die ehemalige Grenze und das, ohne es zu merken. Nur manchmal ist es das Ruckeln meines Fahrrads, wenn ich über die präzise aneinandergereihten Pflastersteine fahre, was mich für einen Moment an meinen Geschichtsunterricht zurückdenken lässt. Die in den Boden eingelassene Line aus Steinen zeichnet den Verlauf der Mauer nach. Schier unendlich erstreckt sich das Denkmal durch Berlin.

Langsam solltet Ihr die Mauer vergessen

Ich kenne die Mauer nur als Touri-Attraktion, aus Videos aus dem Internet oder den Erzählungen meiner Eltern. Der Gedanke an eine deutsche Teilung ist für mich ungreifbar. Nicht vorstellbar, dass es eine Zeit gab, als Berlin nur halb so groß und durch drei Meter hohen Beton getrennt war. Meine Generation kennt keine Mauer. Und langsam solltet Ihr sie auch vergessen.

Ich sehe jetzt schon die Artikel vor mir, die verzweifelt versuchen zu erklären, warum der Osten so anders ist. Warum von den 30 Dax-Unternehmen immer noch keines im Osten sitzt und warum man anhand der letzten Wahl die ehemalige Grenze problemlos nachziehen kann. Am Ende werden sie alle zu dem Schluss kommen, dass es wohl noch ein paar Jahre braucht, bis alle Unterschiede verschwunden sind und die "wirkliche" Einheit hergestellt ist.

Für Euch steht die Mauer noch. In Euren Köpfen.

Genau da liegt das Problem. Denn die so viel angepriesene Einheit ist nichts, was man greifen kann. Einheit ist nicht messbar. Einheit entsteht im Kopf. Und genau in diesem Kopf steht die Mauer für Euch weiter. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist es deshalb endlich mal Zeit, dass Ihr Euch lossagt von all den Klischees und Vorurteilen. Hört auf, von Ost und West zu faseln. Hört auf, Euch als Wessi oder Ossi zu fühlen. Fangt endlich an mit dem Mauerfall im Kopf.

Wie? Miteinander reden wäre ein guter Anfang. Vielleicht merkt ihr dann, dass nicht alle Ossis Nazis sind und nicht jeder Wessi meint, alles besser zu wissen. Das gilt gerade auch für Euch, die ihr im Westen wohnt und vielleicht manchmal glaubt, der Mauerfall habe wenig mit Eurem Leben zu tun. Verbringt doch mal den nächsten Urlaub in der Uckermark, nicht auf Ibiza. Da, wo in Eurem Kopf noch graue Plattenbauten stehen, ist es eigentlich wunderschön.

Vor Kurzem wurde ich gefragt, ob ich mehr Freunde aus dem Westen oder aus dem Osten habe. Aber das weiß ich gar nicht. Es war nie ein Thema. Für mich kamen sie immer nur aus Berlin.

Dieser Artikel ist Teil der heute.de-Serie zu 30 Jahren Mauerfall. Die Serie ist entstanden in Zusammenarbeit mit jungen Journalistinnen und Journalisten der ems - Electronic Media School in Potsdam-Babelsberg.

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