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Kommentar - Robert Menasse und die verkehrte Welt

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Trotz Kritik am Umgang mit Zitaten und Fakten bekommt der Autor Robert Menasse die Carl-Zuckmayer-Medaille. Viel Aufregung um ein paar verdrehte Textstellen, findet unser Autor.

Der Schriftsteller ist ein Schriftsteller – "The writer is a writer" -, hat der große amerikanische Erzähler Philip Roth stets betont. Nicht mehr und nicht weniger. Darin steckt keine falsche Bescheidenheit. Was Philip Roth damit meint: Ein Schriftsteller und sein Werk können von Politik handeln, sollten aber nicht Politik machen wollen.

In seinem 2004/2005 erschienenen Roman "Verschwörung gegen Amerika" hat er selbst zum Beispiel den Atlantikflieger Charles Lindbergh und Franklin D. Roosevelt als Konkurrenten um das Amt des Präsidenten erfunden und die USA als Land vor der Bedrohung durch eine faschistische Regierung geschildert. Er hätte auch auf Robert Coovers Roman "Die öffentliche Verbrennung" von 1976 über die McCarthy-Ära verweisen können, in dem der damalige Vizepräsident Richard M. Nixon als psychopathischer Kommunistenfresser auftaucht und nachts den Kühlschrank plündert. Oder auf die düsteren Krimis von James Ellroy, der vor nichts zurückscheut, wenn er das Amerika der Nachkriegszeit und Personen der Zeitgeschichte aufs Korn nimmt.

Verklärung oder Tragikomödie?

Das alles ist erlaubt, oft vergnüglich und dient der spielerischen Befassung des Lesers mit der Welt, in der er leben muss. Ein Schwein, das durch Brüssel läuft, wie in Robert Menasses preisgekröntem Roman "Die Hauptstadt", dient ähnlichen Absichten, egal, ob aus seinem Roman eine Verklärung der zentralen Instanzen Europas in Gestalt der höchsten Brüsseler Beamten herauszulesen ist oder eine Tragikomödie über einen politischen Moloch. Dieses Schwein im Herzen der EU ist ein prächtiges Bild, eine Zuspitzung, um das gegenwärtige Europa zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Zuspitzung ist dabei Methode und Kunstgriff, und wenn der Präsident der ersten EWG-Kommission, Walter Hallstein, in dem Buch ein Plädoyer hält, das so nie gesprochen worden ist, dann ist auch das ein Kunstgriff und erlaubt. Schwierig wird es erst, wenn Robert Menasse Fantasien herbeizitiert, um Europa realpolitisch an ein neues, transnationales Ufer zu führen, als sei er ein Zeus des 21. Jahrhunderts. In politischen Debatten sind verfälsche Zitate dann eben nur verfälschte Zitate und also nicht wahr.

Schlampig zitiert oder zu spät reagiert?

Ob ihm das als schlampiger Zitierer unterlaufen ist (vermutet seine Halbschwester Eva Menasse), ob er früher auf die Nachfragen des Historikers Heinrich August Winkler hätte reagieren sollen – das kann man ihm vorwerfen. Aber auch sonst hat kaum jemand auf bestehende Zweifel reagiert - und über Auschwitz sind schon schäbigere Geschichten erfunden worden. Das Vernichtungslager als Ort eines europapolitischen Aufbruchs zu wählen ist allemal ehrender als beispielsweise John Boynes haarsträubende Neuerfindung des Lagers im Dienst seiner Kinderbuchschnulze "Der Junge im gestreiften Pyjama", die auch umstritten ist, aber von vielen Seiten gefeiert wird.

Gemessen an Robert Menasses Erzählfreude wirken Entschuldigungen und diplomatische Sprachregelungen vor der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille jedenfalls irgendwie aschgrau, sie beruhigen die Lage, zeigen den Dichter ein bisschen reumütig und die Politik großmütig. Das aber ist ein Stück aus der verkehrten Welt: Denn die gegenwärtige Wahrheit der EU, um das mal so zu formulieren, ist weitaus skandalöser als die paar verdrehten Zitate von Robert Menasse.

Der Autor ist Redakteur und Literaturexperte in der Redaktion Kulturzeit bei 3sat.

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