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Kommentar - Einheit darf sich nicht wie Zwangsehe anfühlen

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Dass 28 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch von "den Ostdeutschen" und "den Westdeutschen" gesprochen wird, ist bedenklich. Warum ist das so?

Kommentar: Andreas Postel zur Wiedervereinigung
Andreas Postel zur Wiedervereinigung
Quelle: ZDF/dpa

Dass das Trennende wieder mehr betont wird als das Gemeinsame, hängt viel damit zusammen, dass Ost- und Westdeutsche mehr übereinander als miteinander reden.

Wer nach den rassistischen Ereignissen in Chemnitz mit dem Finger allzu pauschal in den Osten zeigte, der verstellte damit den Blick auf das eigentliche Problem: Rechtsextremismus und Rechtspopulismus sind kein rein ostdeutsches Thema, sondern ein gesamtdeutsches, ja ein europaweites Thema. Das gilt für fast alle Themenbereiche, wie Wirtschaft, Bildung und Sicherheit.   

Nicht nur Kultur und Rügen sind gesamtdeutsch

Es kann nicht sein, dass zum Beispiel die Orte deutscher Klassik oder die Wiege des Bauhauses in Weimar, Johann Sebastian Bach in Leipzig oder die wunderschöne Urlaubsinsel Rügen ganz selbstverständlich als gesamtdeutsch wahrgenommen werden, und die strukturellen Probleme darum herum den sogenannten Jammerossis überlassen bleiben. Wenn die Deutsche Einheit nicht den Eindruck einer andauernden Zwangsehe vermitteln will, dann muss doch auch für diese Ehe gelten: "in guten wie in schlechten Zeiten". Also muss im Westen klar sein, dass sich ein Gefühl der Herabsetzung im Osten wie ein Bumerang in gesamtdeutschen Wahlergebnissen niederschlägt. Damit die Deutsche Einheit eine Erfolgsgeschichte bleibt - denn das ist sie, eine Erfolgsgeschichte. Dank gemeinsamer Kraftanstrengungen in Ost und West. Dank der großen Solidarität vieler Westdeutscher, die geholfen haben, den heruntergewirtschafteten Osten nach 1990 wieder aufzubauen.

Aber es kamen eben auch skrupellose Geschäftemacher, die "Plattmacher", aus dem Westen und so ist es an der Zeit, auch die Verfehlungen der vergangenen 28 Jahre in den Blick zu nehmen und nicht in Feiertagsansprachen zum Tag der Deutschen Einheit alles schönzureden. Es geht darum anzuerkennen, dass Menschen durch den harten Strukturwandel Demütigungen erfahren haben - noch dazu, weil sie aus einer Gesellschaftsform kamen, die sich so stark über Arbeit definierte. Wer dachte, dass die Ungerechtigkeiten der Treuhand-Privatisierungen als Kollateralschaden der Deutschen Einheit durch wirtschaftliche Erfolge längst überlagert würden, der irrt. Es ist offenbar vielfach ein Gefühl der Abwertung geblieben, ein Gefühl "Bürger zweiter Klasse" zu sein. Hier geht es ums Wahrnehmen, ums Anerkennen, um Respekt. Auch nach 28 Jahren arbeiten Ostdeutsche mehr, bekommen weniger Lohn, im Alter sind die Renten kleiner und das Erbe auch.

Miteinander reden, nicht übereinander

Zudem muss man zur Kenntnis nehmen, dass die bürgerliche Mitte in weiten Teilen Ostdeutschlands schwächer ist, dass zwei bis drei Millionen junge, gut ausgebildete Menschen fehlen, weil sie zur Arbeit in den Westen gezogen sind, und jetzt in Westdeutschland als Pflegekräfte, Lehrerinnen und Handwerker den Wohlstand mehren. 

Der Mauerfall besiegelte das Ende der DDR. Mit der Wiedervereinigung ging auch die alte Bundesrepublik zu Ende. Dieser Verlust wird sowohl im Westen als auch im Osten beklagt. Der Umbruch war im Osten nur viel deutlicher spürbar. In Westdeutschland wird das vielen erst jetzt langsam bewusst. Manch ein Westdeutscher scheint die Ostdeutschen sogar für den Verlust der guten alten Bundesrepublik mit verantwortlich zu machen. Doch das greift zu kurz - Globalisierung und Digitalisierung hätten ohnehin viel verändert.

Wir müssen dieses wechselseitige Mit-dem-Finger-auf-den-anderen-zeigen lassen und mehr mit- als übereinander reden. Es braucht einen neuen Ansatz jenseits von Einheitsberichten und Einheitsfeiern. Das Trennende zu überwinden, indem wir die Unterschiedlichkeit akzeptieren und das Gemeinsame gestalten. Wer das nicht schafft, kommt nicht an im vereinten Land.

Andreas Postel wurde 1972 in der DDR geboren. Er wuchs in Mecklenburg an der Ostsee auf und studierte in den 1990er-Jahren an der Humboldt-Universität in Berlin. Seit 2010 leitet er das ZDF-Landesstudio Thüringen in Erfurt.

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