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Ein Kommentar - UN-Migrationspakt - Es ist höchste Zeit

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Der UN-Migrationspakt, der heute im Bundestag beraten wurde, soll helfen, Migration zu managen. Es ist höchste Zeit für ein solches Abkommen. Verschwörungstheorien - fehl am Platz.

Archiv: Flüchtlinge gehen am 28.10.2015 hinter der deutsch-österreichischen Grenze in Wegscheid (Bayern) zu einer Notunterkunft
Flüchtlinge gehen hinter der deutsch-österreichischen Grenze in Wegscheid (Bayern) zu einer Notunterkunft.
Quelle: dpa

Worte vergiften schleichend. Beim Wort Pakt schwingt immer ein bisschen Verschwörung mit. Da haben es die Verschwörungstheoretiker leicht mit dem geplanten "UN-Migrationspakt". Sie unterstellen ihm konspirative Absichten, die sich auch mit der Lupe nicht finden lassen im "Globalen Abkommen für eine sichere, geordnete und geregelte Migration". So lautet die sperrige, aber korrekte Wiedergabe der englischen Überschrift über dem Vertragswerk für 193 Staaten der Vereinten Nationen. Richtig übersetzen muss man allerdings erstmal wollen. Sprache ist schwierig. Migranten können ein Lied davon singen.

Probleme der Erde wachsen zusammen

Menschen waren immer in der Welt unterwegs. Die Vereinigten Staaten von Amerika wären ohne Einwanderer nicht gegründet worden. Ohne sie müssten wir heute vielleicht auf das iPhone verzichten. Apple-Gründer Steve Jobs war ein Migrantenkind.

Globalisierung bedeutet heute, dass alle Probleme dieser Erde zusammenwachsen. Klimawandel und Ressourcenmangel bedrohen die Lebensgrundlage vieler Menschen - vor allem in Schwellenländern. Küstenstädte mit Millionenbevölkerung sind perspektivisch vom Untergang bedroht. Aus durch Korruption und Kriminalität zerrütteten Staatsgebilden machen sich Menschen auf und rütteln - wie derzeit in Mittelamerika zu beobachten - an den Toren des reichen Nachbarn.

Deutsche Politik verschließt gern die Augen

Auch ohne Krieg in Syrien, Nigeria oder anderen Regionen: Die Gefahr neuer Völkerwanderungen zeichnete sich seit Jahren am Horizont ab. Der Fehler der deutschen Politik war bislang, die Augen gern zu verschließen. Das UN-Migrationsabkommen ist der Versuch, sich mit dem nötigen Management dieser globalen Herausforderungen zu beschäftigen, bevor sich nichts mehr managen lässt.

Hunderte von afrikanischen Geflüchteten, die den Grenzzaun zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta durchbrochen haben, waren erst ein Anfang. Was wird Europa denn tun, wenn die Dinge so weiterlaufen und jede Woche möglicherweise Tausende die gesicherten Außengrenzen in Frage stellen? Schießen? Niemand bei den Vereinten Nationen würde derzeit vermessen sagen "Wir schaffen das". Aber "Wir sehen das", unterschrieben von den Mitgliedern der Weltgemeinschaft, das ist doch ein Anfang. Hin zu Taten ist der Weg dann noch genauso lang wie der, den viele Migranten für eine Chance auf Zukunft in Kauf nehmen.

Abkommen soll Migration managen

Das Migrationsabkommen soll dazu beitragen, das Risiko und die Verletzlichkeit für Wandernde einzudämmen - ohne Sorgen und Befürchtungen in den Aufnahmeländern außer Acht zu lassen. Es fordert zum Beispiel keine herabgesetzten Standards für den Zugang von Fremden zum Arbeitsmarkt, wie Kritiker behaupten und fälschlich übersetzen. Die Rede ist allerdings von besserer Nutzung der beruflichen Qualifikationen, die Migranten mitbringen, von abgestimmten beruflichen Trainings- und Anpassungsoptionen; von Datenbanken, in denen schon vor der Abreise Nachweise über Berufspraxis hinterlegt werden können. Alles Dinge, die bei uns eigentlich keine Angst auslösen sollten. Teile davon ließen sich auch in ein deutsches Einwanderungsgesetz gut einarbeiten. Irgendwie müssen wir den Facharbeitermangel hierzulande ja angehen.

Ganz persönlich: Für das ZDF habe ich mehr als 25 Jahre Migranten und Geflüchtete in aller Welt getroffen, begleitet und über ihr Schicksal berichtet. Meine Überzeugung bleibt, dass kaum jemand freiwillig die heimische Erde Richtung Unbekannt verlässt, wenn ihn nicht echte Not davontreibt.

In Pakistan und Bangladesch habe ich mit Bauern zusammen gesessen, denen die immer katastrophaleren jährlichen Überschwemmungen den Boden rauben, während die Bevölkerung dieser Länder kaum gebremst weiterwächst. Irgendwann werden sich auch dort ganze Dörfer in Bewegung setzen. Aus Verzweiflung. Nicht, weil sie uns den Mercedes neiden.

Es wird Zeit für ein Abkommen

Das wohlhabende Deutschland wurde mit dem Thema Flüchtlinge erst vor drei Jahren "überfallen". Weltweit leben kleinere und ärmere Länder schon viel länger mit größeren Zahlen von Migranten, ohne ihnen mehr bieten zu können als generelle Hilfsbereitschaft und Zeltlager, die sich oft zu neuen Städten verfestigt haben. Vielleicht ist die Bereitschaft zur Solidarität noch selbstverständlicher in Gesellschaften, die mit der eigenen Geschichte näher dran sind am Elend, so dass sie das Elend anderer mit dem Herzen verstehen.

Im Schnitt wird alle zwei Sekunden ein Mensch auf der Welt zur Flucht gezwungen, haben die Vereinten Nationen ausgerechnet. Durch Krieg, Katastrophen, Umweltverschmutzung oder wirtschaftliche Not. Nur für Kriegsflüchtlinge gibt es bisher klare internationale Regeln und Schutzmechanismen.

Für alle anderen Migranten gilt: nichts. Es wird also Zeit für einen UN-Migranten"pakt". Nicht als internationale Verschwörung. Sondern als Beschwörung für die Unterzeichner, dass davon am Ende mehr bleibt als das Lippenbekenntnis im Angesicht der größten globalen Herausforderung.

Der UN-Migrationspakt: Darum geht's

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