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Kommentar - Baut Nord Stream 2 fertig!

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Alle Warnungen sind berechtigt: Nord Stream 2 spaltet den Westen, stärkt Europas Gegner und schwächt Deutschlands Verbündete. Trotzdem ist es klug, die Pipeline nun fertigzubauen.

Kommentar von Andreas Kynast zu Nord Stream 2
ZDF-Hauptstadt-Korrespondent Andreas Kynast kommentiert den Nord-Stream-2-Kompromiss
Quelle: ZDF/dpa

Der Humor von Präsident Putin ist manchmal etwas grob. Als Russlands Staatschef im Mai 2018 in Sotschi vor der Presse steht, hat er ein langes Gespräch mit der deutschen Kanzlerin hinter sich. Es ging um Nord Stream 2 und um die Transitgebühren, die der Ukraine durch den Bau der neuen Pipeline wegbrechen.

Merkel hat Putin mit diesen Gebühren so sehr genervt, dass sich der Gastgeber in Sarkasmus flüchtet. "Das sind etwa zwei bis drei Milliarden Dollar im Jahr", sagt Putin und runzelt die Stirn: "Man will, dass wir die Ukraine ein bisschen miternähren. Nichts dagegen."

Schwerer Schlag für Wirtschaft der Ukraine

Putins Einwilligung mag ironisch verpackt sein. Aber für verbliebenen Befürworter von Nord Stream 2 ist die Zusage der vielleicht wichtigste Baufortschritt seit der Versenkung des ersten Rohres vor vierzehn Jahren. Denn was immer gegen die Ostsee-Pipeline spricht: Die Bedenken der Ukraine wiegen am schwersten. Ein Zehntel des ukrainischen Haushalts hängen am Gastransit. Da muss sich Europa ganz sicher sein, dass Russland die Pipeline nicht (auch) baut, um der Ukraine zu schaden. Denn es stimmt ja: Dazu hat der Kreml bislang keine Gelegenheit ausgelassen.

Zuletzt hat Moskau mit dem Bau der Brücke auf die Krim gezeigt, wie man mit einem großen Infrastrukturprojekt größtmögliche Vorteile für Russland schafft – bei größtmöglichen Nachteilen für die Ukraine. Die Brücke eröffnet Russland einen Landweg auf die annektierte Krim und versperrt gleichzeitig den Seeweg in die Häfen der Ost-Ukraine. Unter der Krim-Brücke passen nur noch Schiffe durch, die niedriger als 33 Meter sind. Viele der Stahl- und Getreidefrachter, die Mariupol oder Berdjansk anliefen, waren aber 41 Meter hoch. Ein schwerer Schlag für die Wirtschaft der Ukraine.

Brücke zwischen Russland und der Halbinsel Krim
Die Brücke zwischen Russland und der Halbinsel Krim. Unter sie passen nur noch Schiffe, die niedriger als 33 Meter sind.
Quelle: imago

Russisch-deutsch-niederländisch-französisches Projekt

Warum sollten Russlands Absichten bei Nord Stream 2 argloser sein, fragen die Kritiker? Weil, sage ich, es kein russisches Projekt ist. Sondern ein russisch-deutsch-niederländisch-französisches.

Und weil die Bundesregierung endlich aufgehört hat, die Pipeline allein als reine Angelegenheit der Wirtschaft abzutun. Macht Moskau mit der Unterwasserröhre Politik? Klar. Aber Berlin und Brüssel können das auch. Wenn es gelingt, die Ukraine vor wirtschaftlichen und strategischen Nachteilen zu bewahren, muss Nord Stream 2 niemandem schaden. Könnte aber allen nutzen.

Nach Alternativen suchen

Deutschland, das aus der Erzeugung von Kohle-Energie aussteigen will, wird in Zukunft mehr Erdgas brauchen als früher. Die Fördermengen in Norwegen und den Niederlanden gehen zurück. Es ist vernünftig, nach Alternativen zu suchen. Russisches Erdgas ist die politisch umstrittenste Lösung, aber die wirtschaftlich günstigste. Deshalb ist es richtig, neben dem Bau von Nord Stream 2 auch den Bau der Terminals voranzutreiben, die es ermöglichen, amerikanisches Flüssiggas zu importieren. Je größer die Möglichkeiten, umso geringer die Abhängigkeit.

Nord Stream 2 ist über 600 Kilometer bereits Realität. Ende des Jahres soll die Pipeline fertig sein. Es gehört zum politischen Alltag in Berlin und Brüssel, laut zu klagen, wenn Putin Abmachungen bricht. Oder Alarm zu schlagen, wenn Trump unzuverlässig und sprunghaft ist. Ganz so, als habe nicht auch die EU einen Ruf als verlässlicher Handelspartner zu verlieren.

Ganz neue Möglichkeiten

Es ist zu spät, Nord Stream 2 ohne gewaltige Begleitschäden zu stoppen. Und es ist nicht nötig. Der zwischen Frankreich und Deutschland gefundene Kompromiss ermöglicht den Fertigbau der Pipeline, schafft aber ganz neue Möglichkeiten, den Betrieb zu regulieren.

Zwar bleibt es dabei, dass Russland den Gashahn auf- oder zudrehen kann. Deutschland kann das jetzt aber auch - und die EU darf Deutschland kontrollieren. Damit spricht nichts mehr dagegen, eine Brücke zu bauen zwischen Deutschland und Russland. Wir können sie benutzen oder wir können es lassen. Aber wir haben die Wahl.

Andreas Kynast ist Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio Berlin.

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