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Kommentar zu Kartell-Vorwürfen - Betriebsblind mit Tempo in die Sackgasse

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Deutsche Autobauer sollen über Jahre Kartellabsprachen getroffen haben. Beim dreckigen Diesel wurde Sauberkeit vorgetäuscht. Wenn das stimmt - und darauf deuten einige Selbstanzeigen hin - dann handelt es sich womöglich um den größten Skandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Der Verdacht geheimer Absprachen deutscher Autobauer zum Schaden von Verbrauchern und Zulieferern setzt die gesamte Branche unter Druck. Die Bundesregierung hat das Kartellamt zu Ermittlungen aufgerufen. Auch die EU-Kommission prüft den Fall.

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Der linke Gewaltausbruch während des G20-Gipfels hat Deutschlands Ansehen in der Welt schwer geschadet. Weit über das hinaus, was materiell kaputt ging. Ideologisch arbeiten sich die Globalisierungsgegner gern an den Großkonzernen ab. Die aber können mindestens ebensoviel zerstörerische Kraft entwickeln. Auch wenn sie nicht als schwarzer Block daherkommen, sondern in feinem Grau oder gedecktem Blau antreten. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, hätten die Kartell-Komplizen den Standort Deutschland massiv beschädigt - und Schaden an Leib und Leben nahmen sie offenbar jahrelang in Kauf.

Bloß nicht darüber reden

Peter Kunz
Peter Kunz, Leiter ZDF-Studio Hannover

Die Gesundheitsgefahr durch hohe Stickoxidkonzentrationen wurde gemeinschaftlich umgangen und totgeschwiegen, während die Welt außerhalb der Ingenieurslabors zur Rettung des Klimas nur auf das im Vergleich vielleicht harmlosere CO2 schaute. Verbraucher hatten höchstens noch den subventionierten Preis beim Dieselkraftstoff im Blick. Gegen die Bedrohung durch Stickoxide half von Wolfsburg bis Stuttgart ein bewährtes Mittel: Bloß nicht darüber reden. Den Rest besorgte die Software.

Der "saubere Diesel" war eine geniale Lüge zur Optimierung des Betriebsergebnisses. Wir alle zahlen langfristig die Zeche dafür. Ganz unabhängig davon, wieviel Milliarden Strafe die Gerichte den Autokonzernen womöglich noch aufbrummen. Durch ihre vermutlich das Kartellrecht verletzenden Absprachen in vielen Produktionsbereichen hätten sich BMW, Daimler, Volkswagen, Audi und Porsche ihre globale „Pole Position“ mit teils unlauteren Mitteln erkämpft. Und sie hätten bei der Dieselproblematik sogar über Schädigungen der Kundschaft hinweggesehen. Made in Germany? Ein guter Ruf ist das nicht mehr unbedingt.

Von wegen Saubermann

Nochmal ein Blick nach Hamburg: Einige der aggressivsten Randalierer waren aus Griechenland an die Elbe gereist. Bei ihnen zuhause sind die Deutschen inzwischen verhasst, weil sie sich in der Wahrnehmung als Saubermänner und Zuchtmeister Europas aufspielen - und Griechenland mit den Auflagen zur finanziellen Rettung die Luft abschnüren. Hierzulande wird gerne darauf hingewiesen, dass die Griechen selbst schuld seien an ihrer Misere, weil sie sich den Zugang zur Europäischen Union und zum Euro mit Betrug erschlichen hätten.

Wir sehen uns sehr gern in der Rolle des Moralapostels. Aber Vorsicht: Womöglich hat die Welt um uns herum von uns schon längst ein realistischeres Bild. Die Europäische Union kritisiert seit langem, dass Deutschland Verfehlungen der Autoindustrie nicht genügend ahnden würde. Und dass das Durchsetzen gemeinsamer Normen und Standards zu lasch gehandhabt werde. Von wegen Saubermann.

Auch nur Hooligans

Die Bundesrepublik ist zu einem großen Teil auf vier Rädern gebaut, auf denen das Wirtschaftswunder von Anfang an mitrollte. Das erklärt die historische Nähe und oft auch Kungelei zwischen Politik und Autoindustrie, macht es in der Sache aber nicht besser. Wir sind sozusagen betriebsblind mit Tempo unterwegs in einer Sackgasse.

Wenn Deutschland auch morgen noch ganz vorne mitfahren will in einer Industrie, in der sich durch Digitalisierung und Elektroantrieb ohnehin gerade alles fundamental ändert, dann muss auch die Ahndung quasikrimineller Praktiken der Big Five unter den Automarken brutal konsequent sein. Es geht um die Vermeidung eines gesellschaftlichen Totalschadens, solange Konzernlenker und -manager mit Hybris und ohne Unrechtsbewusstsein die Frontsitze für sich beanspruchen. Solche haben am Steuer nichts zu suchen. Denn sie sind auch nur Hooligans - aber mit größerer Reichweite als die Randalierer, die in Hamburg die Autos angezündet haben.

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