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Viel mehr Kirchenaustritte - Gegen die Zeit

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Nur noch 53,2 Prozent der Bürger gehören einer der christlichen Kirchen an. Alarmstimmung herrscht bei diesen allerdings nicht.

Kirche Heilig Geist in Münster, aufgenommen am 05.07.2019
Quelle: dpa

436.000 Menschen sind im Jahr 2018 aus einer der beiden Kirchen ausgetreten. 216.000 Austritte verzeichnen die Katholiken; bei der Evangelischen Kirche liegen die Zahlen, wie fast immer in der Vergangenheit, etwas höher, nämlich bei 220.000. Damit gehören nur noch 53,2 Prozent der Bürger einer der beiden Kirchen an.

Ab dem Jahr 2012 hatte ein rapider Anstieg bei den Kirchenaustritten begonnen und im Jahr 2014 seinen Höhepunkt erreicht. Seitdem blieben die Austrittszahlen auf hohem Niveau.

Bisher keine finanziellen Konsequenzen

Dass diese Entwicklung zwar zu Besorgnis führt, aber von Alarmstimmung bei den Kirchen nicht wirklich die Rede sein kann, liegt daran, dass die schrumpfenden Mitgliederzahlen finanziell keinerlei Konsequenzen haben. Im Gegenteil: Das Kirchensteueraufkommen eilt von Rekord zu Rekord: Fast zwölf Milliarden Euro waren es 2017, so viel wie noch nie. Zum Vergleich: In den 70er Jahren, als noch über 90 Prozent der Deutschen einer der beiden christlichen Kirchen angehörten, waren es in den besten Zeiten umgerechnet vier Milliarden Euro.
Der Grund für diese gegensätzliche Entwicklung: Die, die noch Kirchensteuer zahlen, stehen im Arbeitsleben und verdienen seit Jahren immer besser.

Doch die Zeit arbeitet in dieser Hinsicht nicht für die Kirche. Die größte und derzeit wohlhabendste Alterskohorte in der Bevölkerung Deutschlands sind die "Babyboomer". Sie gehen zwischen 2020 bis 2030 in Rente. Sie werden dann bis zu 40 Prozent weniger Geld zur Verfügung haben und entsprechend weniger Kirchensteuer zahlen. Spätestens dann wird sich der Rückgang bei den Kirchenmitgliedern auch finanziell niederschlagen.

Neue Zahlen könnten demotivieren statt aktivieren

Eine zeitliche Perspektive von elf Jahren - in der Finanzplanung ist das nicht gerade viel. Schon aus Sorge um die weitere Verbreitung der christlichen Botschaft sollten die Kirchenaustrittszahlen nun zu Entschlusskraft, Mut und Taten führen, um die eigenen Gemeindemitglieder beisammen zu halten und aktiv neue zu werben.

Im vergangenen Jahr sind mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten als bisher. Katholiken und Protestanten haben heute beide aktuelle Zahlen zu ihren Mitgliedern veröffentlicht.

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Zu befürchten ist jedoch, dass die neuen Zahlen eher demotivieren als aktivieren. Hinweise auf den Missbrauchsskandal parieren katholische Würdenträger neuerdings mit der semantischen Konstruktion vom "Missbrauch des Missbrauchs" – nicht gerade ein Zeichen des Ehrgeizes, dieses Problem glaubwürdig und nachhaltig zu lösen.

Auch sind die Handelnden in den Kirchen nicht frei von der Demographie: Auch sie sind Teil von Alterskohorten und werden die absehbaren Folgen der Kirchenaustritte nicht mehr aktiv erleben: "Nach mir die Sintflut" wäre jedoch ein sehr unrühmliches Motto angesichts der großen sozialen, theologischen, historischen und kulturellen Bedeutung der beiden christlichen Kirchen in Deutschland.

Ulrich Hansen ist Redakteur in der ZDF-Redaktion Kirche und Leben evangelisch.

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