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Kommentar - Theresa May: Eine Premierministerin auf Abruf

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Wenn Theresa May spricht, geht es derzeit um fast alles. Es ist das Schicksal einer Premierministerin, die Neuwahlen ausrief, um ihre Position zu stärken, dabei aber fast das Amt verlor. Die erste Parteitagsrede danach sollte ein Befreiungsschlag werden - und wurde zum Albtraum.

Beim Parteitag der britischen Konservativen bleibt die befürchtete Revolte gegen Premierministerin May aus. Trotzdem hat die Regierungschefin einen schwierigen Auftritt. Bei ihrer Abschlussrede scheint alles schief zu laufen.

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Sichtlich nervös betritt die britische Premierministerin, die Anführerin der Tories, der Konservativen, die Bühne in Manchester. Ihre Rede, es sollte und musste ein Meisterstück werden - der Abschluss, der krönende Höhepunkt des Parteitags. Die Anspannung bei Theresa May ist groß - kein Wunder.

Vier Tage hatten die Tories debattiert: Wie weiter nach der Wahl im Juni, als man die Mehrheit verlor, nun eine Minderheitsregierung führt, geduldet von den nordirischen Erzkonservativen, der DUP? Warum spricht die Partei junge Wähler kaum an? Wie bestehen gegen Oppositionsführer Jeremy Corbyn von der Labour-Partei, die in Umfragen mittlerweile vorne liegt? Mit einem Programm, dass man sozialistisch angehaucht nennen mag, das aber immer mehr Briten begeistert - weil es ihre Probleme anspricht: zu wenig Wohnraum und - wenn doch - zu teuer.

Die staatliche Krankenversorgung gleicht einem Patienten in der Notaufnahme, immer wieder nahe dem Kollaps. Überhaupt die soziale Frage: arm, reich, unten, oben, fehlende Gerechtigkeit. Und zu alledem kommt der seit anderthalb Jahren schwelende Richtungsstreit in Sachen Brexit, eine Zerreißprobe. Doch egal was das Thema ist, eine Frage schwingt immer mit auf diesem Parteitag: Ist Theresa May noch die Richtige an der Spitze?

Warten auf Brutus

Vor und auf dem Parteitag war dann auch die große Frage: Was will Boris Johnson, der Außenminister, der Führer des Brexit-Lagers im Referendums-Wahlkampf? Er provozierte die Premierministerin tagelang, setzte rote Linien für die Brexit-Verhandlungen. Interviews, die wirkten wie Nadelstiche, bevor er öffentlichkeitswirksam zurückruderte. Eine starke Premierministerin hätte ihn schon gefeuert, aber diese Stärke hat Theresa May nicht mehr.

Neben Johnson werden weitere Namen gehandelt - Regierungsmitglieder, die Theresa May stürzen könnten. In ihrem Kabinett tobt der Kampf um ihre Nachfolge und über den Brexit. Hart, also raus aus Zollunion und Binnenmarkt? Und wenn die EU zickt dann auch ohne Deal über die künftigen Handelsbeziehungen? Oder doch Brexit light - irgendwie im Binnenmarkt bleiben, der Wirtschaft wegen? Die Rede ist Theresa Mays Chance, das Heft des Handelns vielleicht wieder an sich zu reißen, ihre Kritiker zu bändigen.

Vom britischen Traum zu Mays Albtraum

Sie versucht es zu Beginn mit einer persönlichen Anekdote, verweist auf ihren Weg aus einfachen Verhältnissen bis an die Spitze des Staates. Es ist das Motto ihrer Rede - die Rückkehr des britischen Traums. Etwas gewollt, vom Tellerwäscher zum Millionär auf britisch. Doch aus dem Traum wird Mays persönlicher Albtraum. Sie entschuldigt sich noch für das Wahldebakel, übernimmt die Verantwortung. Etwas hölzern, das ist man gewohnt.

Doch dann geht alles schief, was schief gehen kann. Zuerst steigt der Satiriker Simon Brodkin auf die Bühne, überreicht ihr angeblich im Namen von Boris Johnson die Kündigung, bringt May aus dem Konzept. Wenige Minuten später kann sie nicht mehr aufhören zu husten, der Anfall geht nicht vorbei. Ihre Unsicherheit wächst. Mehrmals muss sie abbrechen, neu ansetzen. Das Parteivolk versucht ihr mit stehenden Ovationen die dringend notwendige Zeit zu verschaffen. Doch es wirkt irgendwann wie Mitleid. Gegen Ende der Rede fallen Buchstaben des Parteitags-Mottos "A country that works for everyone" von der Wand. Spätestens jetzt steht diese Rede sinnbildlich für die Auflösungserscheinungen der Regierung May, dem freien Fall der Theresa May.

Über die Inhalte ihrer Ansprache, ihre politischen Ideen für die Zukunft, spricht kaum einer. Für die Brexit-Verhandlungen in Brüssel bedeutet es, dass der Machtkampf der Männer im Kabinett weitergehen dürfte, aus der Deckung. Dass daraus eine klare britische Verhandlungs-Position erwächst, ist unwahrscheinlich. Weiter durchwursteln, auch wenn die Uhr tickt. Es tritt das ein, was in Brüssel seit den britischen Neuwahlen im Juni befürchtet wurde: Eine schwache May. Eine geschwächte, verunsicherte Regierungspartei ist das schlechteste vorstellbare Ergebnis in Bezug auf die Brexit-Verhandlungen. (Selbst-)Gewählter Stillstand.

"Wie eine Szene aus einem Bruce-Willis-Film"

Einigkeit herrscht dagegen, selten genug, im britischen Blätterwald. Von links ("The Independent") über liberal ("The Guardian") bis zu treu-konservativ ("Daily Telegraph"): May is finished, May ist am Ende. Nur zwei Dinge halten sie vorerst an der Spitze: Keiner der Herren am Kabinettstisch möchte momentan auf dem Fahrersitz Platz nehmen. Zu groß ist das Risiko, dass sehr unpopuläre Maßnahmen und Resultate beim Thema Brexit dann mit dem eigenen Namen verbunden wären. Und zweitens: Stürzt Theresa May, wird der Ruf nach Neuwahlen laut. Damit verbunden ist der Albtraum der Konservativen schlechthin: Der mögliche Sieg von Labour. Jeremy Corbyn als Premier. 

So gilt wohl nun mehr denn je, was ein ehemaliger Mitarbeiter von Theresa May schon vor Tagen der "Times" anonym anvertraut hat. "Es ist wie die Szene aus einem Film mit Bruce Willis. Wo der Terrorist, der schon von Kugeln durchsiebt tot ist, als menschlicher Sandsack benutzt wird, damit er von A nach B kommt. Genauso behandelt die Partei Theresa May gerade."

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